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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hitlers Hindenburg

Acht Tage nach­dem Hit­ler die Macht über­ge­ben wur­de, schrieb Carl von Ossietzky in der Weltbühne: »Sie, Herr Reichs­kanz­ler, so muß man lesen, sind der Füh­rer einer Par­tei, die durch rück­sichts­lo­se anti­ka­pi­ta­li­sti­sche Pro­pa­gan­da in die Höhe gekom­men ist. Jetzt, wo Sie oben ange­langt sind, gibt es das nicht mehr. Jetzt haben Sie den Rest­be­stand des deut­schen Kapi­ta­lis­mus zu kon­so­li­die­ren, den Groß­grund­be­sitz zu ret­ten, die Ansät­ze zur Gemein­wirt­schaft wie­der rück­gän­gig zu machen.« Danach erschie­nen noch zwei Num­mern der Weltbühne. Dann brann­te der Reichs­tag, die Weltbühne vom 6. März erreich­te nicht mehr alle Leser. Die letz­te Sei­te ent­hielt den Ver­merk: »Redak­ti­on und Ver­lag der Weltbühne ver­si­chern den Lesern, daß sie … alles tun wer­den, was im Rah­men des heu­te noch Mög­li­chen liegt, um Carl von Ossietzky die Frei­heit wiederzuverschaffen.«

An einer Stel­le der Ossietzky-Attacke gegen den neu­en Reichs­kanz­ler mögen Leser aus der Bon­ner Repu­blik stut­zen. Hit­ler als Ret­ter des Groß­grund­be­sit­zes? Büt­tel des Kapi­tals, mag sein. Aber die Groß­grund­be­sit­zer im Osten? Das waren doch Wider­stands­kämp­fer, Hel­den des 20. Juli?

Eini­ge – auch der Jun­ker lernt – viel­leicht. Aber wenn Hit­ler sie nicht aus ihrem tie­fen Sumpf der Kor­rup­ti­on vor Unter­su­chungs­aus­schüs­sen des Reichs­tags geret­tet hät­te, dann wäre erstens Hit­ler nicht Reichs­kanz­ler gewor­den, und der Wei­ma­rer Staat hät­te trotz aller Klas­sen­ju­stiz nicht jeden Jun­ker – den Reichs­prä­si­den­ten ein­ge­schlos­sen – vor dem Gefäng­nis ret­ten können.

Das beweist ein druck­fri­sches Buch aus dem Bre­mer Donat Ver­lag: »Der Skan­dal. Hin­den­burgs Ent­schei­dung für Hit­ler« (208 Sei­ten, 18 €). Der Histo­ri­ker Die­ter Hoff­mann hat die erste west­deut­sche Mono­gra­phie über den Kampf um die Ost­hil­fe geschrie­ben, die armen Land­wir­ten nicht wei­ter­half, bank­rot­ten Groß­grund­be­sit­zern aber wei­ter­hin ein Leben in Saus und Braus ermöglichte.

Allein schon die Zeit­ab­fol­ge ist erhel­lend. 1932 bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl kan­di­dier­ten Hit­ler und Hin­den­burg noch gegen­ein­an­der. Die­ser auch als Kan­di­dat der SPD – man kann­te sich seit der Jagd auf Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht über gehei­me Tele­fon­lei­tun­gen. Undenk­bar, dass der ehr­ba­re Held von Tan­nen­berg je den »böh­mi­schen Gefrei­ten« zum Reichs­kanz­ler beru­fen wür­de. Doch dann stand Hin­den­burg das Was­ser bis zum Hals – die­ser Reichs­prä­si­dent droh­te im Sumpf von Kor­rup­ti­on, im Ost­hil­fe­skan­dal, unter­zu­ge­hen. Ein Unter­su­chungs­aus­schuss des Reichs­tags brach­te immer bedroh­li­che­re Ein­zel­hei­ten über die Geld­gier der ost­deut­schen Jun­ker her­aus – auch über deren beson­de­re Bezie­hun­gen zu Hin­den­burg. Es stank. Aber selt­sa­mer­wei­se hielt sich die Reichs­tags­frak­ti­on der NSDAP mehr und mehr aus den Unter­su­chun­gen heraus.

Nur Erich Luden­dorff, der noch 1923 mit Hit­ler und der NSDAP zur Feld­herrn­hal­le mar­schier­te und nach dem miss­lun­ge­nen Putsch sei­nen eige­nen faschi­sti­schen Ver­ein auf­mach­te, berich­te­te in sei­ner Zeit­schrift Die Volks­war­te Ende Novem­ber 1932 über die nütz­li­che Über­tra­gung des Gutes Neu­deck an Hin­den­burgs Sohn Oskar. Am 6. Dezem­ber gab es eine unan­ge­neh­me Anfra­ge eines Zen­tr­ums­ab­ge­ord­ne­ten zur Ost­hil­fe. Papen war drei Tage zuvor zurück­ge­tre­ten – Reichs­kanz­ler war jetzt der kaum weni­ger intri­gan­te Kurt von Schleicher.

Doch am 4. Janu­ar 1933 tref­fen sich Papen und Hit­ler in Köln im Haus des Ban­kiers Schröder.

Am 19. Janu­ar bean­tragt der Zen­tr­ums­ab­ge­ord­ne­te Josef Ersing im Reichs­tag eine Unter­su­chung zur Ost­hil­fe im Haushaltsausschuss.

Drei Tage spä­ter fin­den – jetzt eilt es – am 22. Janu­ar Adolf Hit­ler und der – wie Theo­dor Wolff im Ber­li­ner Tage­blatt das am 29. Janu­ar schrieb – »in der Ver­fas­sung nicht vor­ge­se­he­ne« Sohn des Reichs­prä­si­den­ten, Oskar von Hin­den­burg, in der Vil­la des spä­te­ren NS-Außen­mi­ni­sters Joa­chim von Rib­ben­trop zueinander.

Am 25. Janu­ar setzt der Haus­halts­aus­schuss den Unter­su­chungs­aus­schuss zur Ost­hil­fe ein. Die Vos­si­sche Zei­tung nennt 31 Ver­dachts­fäl­le, dar­un­ter Ver­wand­te von Hindenburg.

Am 30. Janu­ar ernennt Hin­den­burg Hit­ler zum Reichs­kanz­ler. Am 2. Febru­ar lässt die Regie­rung Hit­ler die Ost­hil­fe­ak­ten aus dem Reichs­tag abho­len. Aber Hit­ler ist nicht ein­sei­tig. Am 22. Febru­ar hält er in Her­mann Görings Reichs­tags­prä­si­den­ten­pa­lais eine Rede vor der Creme der Indu­strie und ver­langt Geld für die bevor­ste­hen­de Wahl (»es wird die letz­te sein«). Die Unter­neh­mer löh­nen über zwei Mil­lio­nen, und eine Woche spä­ter brennt der Reichstag.

Am 21. März 1933 rei­chen sich in der dem­nächst – wir brau­chen das – wie­der­auf­ge­bau­ten Gar­ni­son­kir­che von Pots­dam der Füh­rer des neu­en Deutsch­land und der Hüter deut­scher Tra­di­ti­on fei­er­lich die Hand: Einen Ost­hil­fe­skan­dal hat es nie gegeben.