Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Homeoffice-Tagebuch (III)

7.4.: Wider­spruch für die Verharmloser

Im Online­por­tal Rubi­kon und manch ande­ren Medi­en sprie­ßen die Viro­lo­gie-Exper­ten und Hob­by-Epi­de­mio­lo­gen wie Pil­ze aus dem Boden. Sie eint das siche­re Wis­sen, die Coro­na-Pan­de­mie sei ein Fake, wahl­wei­se von Bill Gates, der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on oder der Phar­ma­in­du­strie erfun­den. Und sowie­so gilt ihnen das COVID-19-Virus als harm­los, jeden­falls nicht gefähr­li­cher als die sai­so­na­le Grip­pe. Über den deut­schen Tel­ler­rand mag nie­mand schau­en. Von den schreck­li­chen Bil­dern aus New York, wo die Coro­na-Toten in Mas­sen­grä­bern bei­gesetzt wer­den, in ein­fa­chen Holz­ki­sten zu drei­en über­ein­an­der und in lan­gen Rei­hen, las­sen sie sich nicht beein­drucken, so wenig wie zuvor schon von den Tria­ge-Berich­ten aus dem ita­lie­ni­schen Ber­ga­mo oder dem benach­bar­ten Elsass.

In einem viel­be­ach­te­ten Auf­satz wider­spricht der Schwei­zer Pro­fes­sor Paul Robert Vogt den Ver­harm­lo­sern. Die rein sta­ti­sti­sche Beur­tei­lung der Pan­de­mie sei »unmo­ra­lisch«, fra­gen müs­se man die Leu­te »an der Front«: »Kei­ner mei­ner Kol­le­gen – und ich natür­lich auch nicht – und nie­mand vom Pfle­ge­per­so­nal kann sich erin­nern, dass in den letz­ten 30 oder 40 Jah­ren fol­gen­de Zustän­de herrsch­ten, näm­lich dass: erstens gan­ze Kli­ni­ken mit Pati­en­ten gefüllt sind, wel­che alle die­sel­be Dia­gno­se besit­zen; zwei­tens gan­ze Inten­siv­sta­tio­nen mit Pati­en­ten gefüllt sind, wel­che alle die­sel­be Dia­gno­se auf­wei­sen; drit­tens 25 Pro­zent bis 30 Pro­zent der Pfle­gen­den und der Ärz­te­schaft genau jene Krank­heit auch erwer­ben, wel­che jene Pati­en­ten haben, die sie betreu­en; vier­tens zu wenig Beatmungs­ge­rä­te zur Ver­fü­gung stan­den; fünf­tens eine Pati­en­ten­se­lek­ti­on durch­ge­führt wer­den muss­te, nicht aus medi­zi­ni­schen Grün­den, son­dern weil wegen der schie­ren Anzahl an Pati­en­ten schlicht das ent­spre­chen­de Mate­ri­al gefehlt hat; sech­stens die schwe­rer erkrank­ten Pati­en­ten alle das­sel­be – ein uni­for­mes – Krank­heits­bild auf­ge­wie­sen haben; sieb­tens die Todes­art jener, die auf den Inten­siv­sta­tio­nen ver­stor­ben sind, bei allen die­sel­be ist; ach­tens Medi­ka­men­te und medi­zi­ni­sches Mate­ri­al aus­zu­ge­hen drohen.«

 

10.4.: Ver­wai­ster Peters­platz und Bür­ger­krieg im Vatikan

Am Kar­frei­tag fah­ren wir raus in unse­ren Gar­ten, auch wenn es abends eigent­lich noch zu kalt ist, dort zu über­nach­ten. Feri­en sind Feri­en. Es ist das erste Mal, dass unse­re Kin­der die Oster­ta­ge nicht mit den Groß­el­tern bege­hen und ohne Cou­si­nen und Cou­sins. Ent­spre­chend ist die Stim­mung trotz schön­ster Son­ne ein­ge­trübt. Was ist schon eine Lau­be am Stadt­rand im Ver­gleich zu Urlaubs­ta­gen bei Oma und Opa in Süd­deutsch­land. Auch die sind trau­rig ob der Tren­nung, deren Ende nicht abseh­bar ist.

In Rom ist Fran­zis­kus allein. Der Papst betet den Kreuz­weg – ohne Pil­ger. Der Peters­platz ist ver­waist. Die Bil­der des ein­sa­men Man­nes vor gro­ßer Kulis­se wer­den sich an den Oster­ta­gen wie­der­ho­len. Umso stär­ker ist da sei­ne Mah­nung zu inter­na­tio­na­ler Koope­ra­ti­on und Soli­da­ri­tät mit den Schwa­chen. Kein Staat dür­fe bei der Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se und der Besor­gung not­wen­di­ger Mate­ria­li­en auf sich gestellt sein. Dazu soll­ten »auch die inter­na­tio­na­len Sank­tio­nen gelockert wer­den, die es den betref­fen­den Län­dern unmög­lich machen, ihre Bür­ger ange­mes­sen zu unter­stüt­zen. Alle Staa­ten soll­ten in die Lage ver­setzt wer­den, die not­wen­dig­sten Maß­nah­men in Angriff zu neh­men, indem die Schul­den, wel­che die Bilan­zen der ärm­sten Län­der bela­sten, teil­wei­se oder sogar ganz erlas­sen wer­den.« Der Papst bleibt sich treu. »Die­se Wirt­schaft tötet«, hat er schon 2013 den real exi­stie­ren­den Kapi­ta­lis­mus in sei­nem apo­sto­li­schen Schrei­ben »Evan­ge­lii Gau­di­um« ange­pran­gert. Der Argen­ti­ni­er ist der »Pro­phet im glo­ba­len Cha­os«, wie Mar­co Poli­ti in sei­nem Buch »Das Fran­zis­kus-Kom­plott« (Her­der-Ver­lag 2020) schreibt, das ich wäh­rend der Urlaubs­ta­ge lese. Fran­zis­kus sei in der gegen­wär­ti­gen sozio-öko­no­mi­schen Lage der »ein­zi­ge Lea­der von inter­na­tio­na­lem For­mat, der grund­le­gen­de Fra­gen nach der ›Unbil­lig­keit‹, der ›ine­qui­tà‹ auf­wirft, wie er es in mit einem von ihm geschaf­fe­nen Neo­lo­gis­mus nennt«. Wach­sen­de Ungleich­heit und syste­mi­sche sozia­le Unge­rech­tig­keit, neue For­men der Skla­ve­rei und das epo­cha­le Pro­blem der Migra­tio­nen sei­en die The­men, auf die der Papst immer wie­der zurück­kom­me – und dafür aus den eige­nen Rei­hen mas­si­ve Anfein­dun­gen erfah­re. Auch sonst unter­stüt­ze der vati­ka­ni­sche Appa­rat das Reform­be­mü­hen des Pap­stes nicht. Der Jour­na­list berich­tet span­nend wie in einem Kri­mi von einem »per­ma­nen­ten Bür­ger­krieg« in Rom. »Kein Papst der moder­nen Zeit war je so ver­hasst wie Fran­zis­kus«, so Politi.

 

14.4.: COVID-Dienst mit Spielzeugkoffer

Mei­ne Frau fährt ärzt­li­chen Coro­na-Dienst bei der Ber­li­ner Feu­er­wehr. Arbeits­ge­rä­te sind selbst mit­zu­brin­gen. Und so muss das klei­ne rote Arzt­köf­fer­chen aus der Spiel­zeug­ecke unse­rer Toch­ter für den Ein­satz her­hal­ten – er ist aus Pla­stik und kann mit sei­ner glat­ten Ober­flä­che nach jedem Haus­be­such mit COVID-19-Ver­dacht leicht des­in­fi­ziert werden.

 

16.4.: Kei­ne Sie­ges­pa­ra­de in Moskau

Wegen der Virus-Fol­gen ver­schiebt Russ­land die für den 9. Mai geplan­ten Ver­an­stal­tun­gen anläss­lich des Jah­res­ta­ges des Sie­ges im Zwei­ten Welt­krieg über den deut­schen Faschis­mus, dar­un­ter die gro­ße Mili­tär­pa­ra­de auf dem Roten Platz in Mos­kau. Die Fei­er soll im wei­te­ren Jah­res­ver­lauf nach­ge­holt wer­den, ver­spricht Prä­si­dent Wla­di­mir Putin den Vete­ra­nen sei­nes Landes.

 

20.4.: Home­schoo­ling ohne Ende

Die Feri­en sind vor­bei, Home­of­fice und Home­schoo­ling gehen in eine zwei­te Run­de. Als Eltern wer­den wir mit einer Flut von Mails mit unzäh­li­gen Pdf-Anhän­gen zu den diver­sen Fächern über­schüt­tet, dazu eine neue App, die nach zehn­sei­ti­ger Lek­tü­re über ihre Funk­ti­on und Ziel­set­zung instal­liert wer­den soll. Eine Aus­sicht auf regu­lä­re Wis­sens­ver­mitt­lung in den dafür vor­ge­se­he­nen Gebäu­den mit den dafür aus­ge­bil­de­ten Fach­kräf­ten gibt es nicht – zum aus­drück­li­chen Bedau­ern mei­ner Kin­der. Sie wol­len wie­der mit ihren Mit­schü­lern ler­nen, selbst mit denen, die sie sonst nicht mögen. Alles ist bes­ser als das stän­di­ge Haus­auf­ga­ben­ma­chen ohne vor­he­ri­gen erklä­ren­den Unter­richt. Recht­ecke, Dra­chen, Par­al­le­lo­gramm, Kom­pa­ra­tiv-, Modal- und Tem­po­ral­sät­ze – ich kann zuhau­se mitt­ler­wei­le ver­schie­de­ne Fächer in ver­schie­de­nen Jahr­gangs­stu­fen par­al­lel betreu­en. Pau­se ist erst wie­der am 8. Mai. Aus poli­ti­schen wie päd­ago­gi­schen Grün­den soll­te der Gedenk- und Fei­er­tag fort­an jedes Jahr began­gen werden.