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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Ich ging zu den Löwen im hohen Grase …«

Ein unver­gess­li­cher Augen­blick im Leben eines Bio­gra­fen: die Nach­richt der Lei­te­rin des Pho­no­gramm-Archivs am Ber­li­ner Eth­no­lo­gi­schen Muse­um, dass auf dort auf­be­wahr­ten Wachs­rol­len Hans Paa­sches (1881–1920) Stim­me zu hören sei. Dann das Audio­er­leb­nis: Aus dem Kopf­hö­rer erschallt lan­ge Zeit ein Kni­stern und dann end­lich die hel­le, erreg­te Stim­me des jun­gen Mari­ne­of­fi­ziers: » … Neun­zehn­hun­dert­sechs … Es folgt ein Gesang der Wadschagga … «

Die Dschag­ga (Chag­ga) leben im Umkreis des Kili­man­dscha­ro-Gebir­ges. Wer dort­hin reist, lernt ihre Haupt­stadt Moshi – jeden­falls den Flug­platz und eines der Hotels – sowie eini­ge Chag­ga ken­nen, die als Berg­füh­rer oder Trä­ger tätig sind. Von Old Moshi, zu Paa­sches Zeit Sitz einer deut­schen Gar­ni­son, erfährt jedoch kaum jemand. Um den Ort zu errei­chen, muss man sich ein wenig aus­ken­nen, und wer dort mehr sucht als Gast­freund­schaft und Ein­blicke in bäu­er­li­ches Leben, der wäre viel­leicht ent­täuscht. An die deut­sche Kolo­ni­al­zeit erin­nern ohne­hin nur noch drei Gebäu­de sowie der Gal­gen­baum, der zuwei­len, so glau­ben man­che, in Voll­mond­näch­ten wis­pernd durch das Dorf schlurft. An sei­nen Ästen sind damals meh­re­re Chag­ga gehenkt wor­den: Sechs Jah­re bevor Paa­sche dort Gesän­ge auf­nahm, gehör­te ihr Ober­haupt Meli Kiu­sa bin Rin­di dazu. Die Schä­del soge­nann­ter Auf­rüh­rer wur­den dann nicht sel­ten in wis­sen­schaft­li­che Samm­lun­gen deut­scher Muse­en auf­ge­nom­men. Den Schä­del Meli Kiu­sa bin Rin­dis for­der­ten die Chag­ga übri­gens letzt­mals 2003 ver­geb­lich zurück.

Hans Paa­sche kommt 1904 als Navi­ga­ti­ons­of­fi­zier auf dem Kreu­zer »Bus­sard« in die Kolo­nie Deutsch-Ost­afri­ka und hat sich sorg­fäl­tig auf sei­ne Dienst­zeit vor­be­rei­tet. Er erlern­te zuvor das Kis­wa­hi­li, führt Jagd­waf­fen, Foto­ap­pa­ra­te sowie einen Pho­no­gra­fen mit sich. Aber es bleibt nicht viel Zeit, fried­fer­ti­ge Begeg­nun­gen zu suchen, Ritu­al- oder Arbeits­ge­sän­ge auf­zu­zeich­nen: Im Juli 1905 ent­flammt der Maji-Maji-Auf­stand den Süden der Kolo­nie, und der Ober­leut­nant zur See Paa­sche wird »Mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber im Bezirk Rufiyi«. Damit gerät er in einen Zwie­spalt. Er will ein guter Offi­zier sein, sei­ne Unter­ge­be­nen sowie mehr als 800 Flücht­lin­ge schüt­zen, die er sam­melt und ernäh­ren und medi­zi­nisch betreu­en lässt. Doch in Krie­gen geht es ein­deu­ti­ger zu. Hans Paa­sche lässt Dör­fer nie­der­bren­nen, muss töten las­sen und selbst töten.

Eine Abbe­ru­fung behü­tet Paa­sche davor, noch schul­di­ger zu wer­den. Den Grund dafür zei­gen Tele­gram­me, mit denen er sei­ne Vor­ge­setz­ten dar­über unter­rich­te­te, dass die Auf­stän­di­schen sich zer­streut hät­ten und er nun­mehr Frie­dens­ver­hand­lun­gen auf­neh­men wer­de. Der­lei Eigen­mäch­tig­keit führt zurück auf die »Bus­sard«, aber auch zur Ein­sicht, von der Paa­sche spä­ter schreibt: »Ich war anders als die Scharf­ma­cher. Und ich zwei­fel­te dann, ob ich ein Krie­ger sei, ob ich Mut habe. Des­halb ging ich dem gefähr­li­chen Groß­wild zu Lei­be, ging zwi­schen Ele­fan­ten und foto­gra­fier­te sie aus einer Nähe wie nie­mand zuvor, ging zu den Löwen im hohen Gra­se.« Das Buch »Im Mor­gen­licht«, in dem er 1907 jene Zeit beschreibt, wird er spä­ter ver­lo­gen nen­nen. Da gewinnt er eine ande­re Sicht auf den Krieg in der Kolo­nie, dem nach amt­li­chen deut­schen Anga­ben etwa 75.000 – allein schon im Gefol­ge der durch die Kämp­fe her­vor­ge­ru­fe­nen Hun­gers­nö­te und Seu­chen gewiss sehr viel mehr – Afri­ka­ner zum Opfer fie­len. Wie eini­ge Text­stel­len von »Im Mor­gen­licht« über­dies ver­ra­ten, ahnt Hans Paa­sche damals schon, dass man von Afri­ka nie­mals ganz loskommt.

Im Rang eines Kapi­tän­leut­nants aus der Mari­ne ent­las­sen, kehrt er 1909 mit sei­ner Frau Ellen nach Deutsch-Ost­afri­ka zurück. Die bei­den rei­sen zunächst zum Vic­to­ria­see und dann in das Gebiet der heu­ti­gen Staa­ten Ruan­da und Burun­di. Ellen Paa­sche steht damals als erste Euro­päe­rin an der am wei­te­sten von der Mün­dung ent­fern­ten Quel­le des Wei­ßen Nils. Ihre Rei­se­be­schrei­bung »Hoch­zeits­rei­se nach den Quel­len des Nils« ist nur in Frag­men­ten über­lie­fert. Aber selbst die­se Bruch­stücke zei­gen, dass die Rei­se nicht allein dem Zau­ber frem­der Kul­tu­ren und Land­schaf­ten galt, son­dern vor allem ein Ver­such war, sich den Men­schen zu nähern, deren Feind Paa­sche wäh­rend des Kolo­ni­al­krie­ges sein muss­te. Das emp­fand auch Rosa Luxem­burg und schrieb aus dem Bres­lau­er Gefäng­nis an Cla­ra Zet­kin: »Bei­de haben eine Hoch­zeits­rei­se zu den Quel­len des Nils gemacht … Die bei­den haben dar­auf ein Buch geschrie­ben (aus dem ich einen Aus­zug im ‚Ber­li­ner Tage­blatt› gele­sen habe), wor­in sie über die Neger so mensch­lich und frei­heit­lich sich äußer­ten, daß das Buch sofort beschlag­nahmt und ein­ge­stampft wurde.«

1910 nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt, hält das Paar Vor­trä­ge: In Ber­lin, Bres­lau, Hei­del­berg und vie­len ande­ren Städ­ten zei­gen sie Licht­bil­der und Samm­lungs­stücke aus Afri­ka, spie­len den Zuhö­rern pho­no­gra­fi­sche Auf­nah­men vor. Das Inter­es­se ist groß – allein schon an der Per­sön­lich­keit Ellen Paa­sches, die alle Ent­beh­run­gen der Safa­ri zu Fuß geteilt und klug und besänf­ti­gend das Lager­le­ben geord­net hat­te. Obgleich die Paa­sches sich um eine kul­tu­rel­le Ver­mitt­lung bemü­hen und Hans von »unse­ren schwar­zen Lands­leu­ten« spricht – in den Ohren jener, die dem Ras­sen­dün­kel anhän­gen, klingt der­glei­chen schon wie »unse­re schwar­zen Mit­men­schen« –, ver­lan­gen vie­le Zuhö­rer nach Erzäh­lun­gen über Urwäl­der, in denen tie­ri­sche und mensch­li­che Besti­en hau­sen, über vor Mar­ter­pfäh­len tan­zen­de Wil­de, über Gefech­te wäh­rend Paa­sches Zeit als Kolo­ni­al­of­fi­zier. Ver­wirrt erklärt er sich die­se Erwar­tun­gen durch eine all­ge­mei­ne »Betäu­bung«, »Berau­schung«, deren Ursprung er zunächst in der Ver­gnü­gungs­in­du­strie, in unge­sun­der Ernäh­rung und unbe­denk­li­cher Lebens­wei­se sieht: »Ich fand, dass die Men­schen sich täg­lich betäu­ben, um nicht zu sehen, was jeder sehen muss­te, und ich schloss mich den Bewe­gun­gen an, die etwas Bes­se­res aus den Men­schen machen woll­ten, die den Rausch bekämpf­ten und das Mit­ge­fühl mit allem Leben­den weckten.«

Somit beginnt sei­ne Tätig­keit für die Lebens­re­form­be­we­gung – eine merk­wür­di­ge Mischung aus Auf­be­geh­ren und Flucht. Ab 1912 ver­öf­fent­licht er in der Zeit­schrift Der Vor­trupp die Brie­fe eines Afri­ka­ners namens Lukan­ga Muka­ra, der das Deut­sche Reich besucht. Was Lukan­ga in Deutsch­land sieht, erscheint ihm absto­ßend: Bei­ßen­der Rauch liegt über dem Land, Flüs­se wer­den begra­digt, weil Gott sie falsch ange­legt hat, Eisen­bah­nen, Gespan­ne und Last­wa­gen rasen hin und her und ver­meh­ren Rauch und Lärm. Wer arbei­tet, kauft vom Erlös sei­ner Arbeit kei­ne Früch­te, son­dern Fleisch, von dem er hart­lei­big wird, sowie aller­lei unnüt­ze Din­ge, die er stän­dig pfle­gen und repa­rie­ren muss. Weil nun vie­le über sol­chem All­tag fast ver­rückt wer­den, zie­hen sie schrei­end in den Wäl­dern umher, ver­scheu­chen Tie­re und rei­ßen Blu­men ab. Da es jedoch zu sol­chen Aus­flü­gen sel­ten Gele­gen­heit gibt, betäu­ben sie sich mit streit­süch­ti­gem Kla­mauk, »um ihre Waf­fen­lust in Frie­dens­zeit anzu­spor­nen«, mit Geträn­ken, die sie töricht und stumpf­sin­nig wer­den las­sen, und mit dem Qualm klei­ner Stinkröllchen.

Der edle Wil­de der Auf­klä­rung, dies­mal beschrie­ben mit der Feder der Roman­tik? Das mag man­chem so erschei­nen, zumal dann, wenn er mit iro­ni­schem Humor wenig anzu­fan­gen weiß. Aber frag­los hält Paa­sche, vor­geb­lich nur Her­aus­ge­ber der Brie­fe, den Deut­schen einen Spie­gel vor, der bis heu­te nicht erblin­det ist. Doch sein Wir­ken gilt längst nicht mehr allein dem Wider­stand gegen »Betäu­bung« und »Berau­schung«, son­dern auch dem Tier- und Natur­schutz: »Alle wirt­schaft­li­chen, alle künst­le­ri­schen Auf­ga­ben kön­nen von den Men­schen immer noch gelöst wer­den; wenn aber durch unse­re Schuld Geschöp­fe der Natur ganz vom Erd­bo­den ver­tilgt wer­den, das ist nie wie­der gut­zu­ma­chen … Da hel­fe heu­te, wer hel­fen kann und schüt­ze im Tier den Men­schen.« Als Publi­zist und Red­ner strei­tet er zudem für ein Wahl­recht der Frau­en und gegen die Todes­stra­fe, und bereits seit 1911 ist er für die Frie­dens­be­we­gung tätig, tritt wäh­rend öffent­li­cher Ver­an­stal­tun­gen in Uni­form auf und geht wie­der­um »zu den Löwen im hohen Gra­se«: Gro­ßes Auf­se­hen erre­gen sei­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Gene­rä­len, denen er das Pro­gramm der Frie­dens­be­we­gung vor­hält. Ein mili­tä­ri­sches Ehren­ge­richt unter­sagt ihm schließ­lich das Tra­gen der Uni­form. Aber auch in zivi­ler Klei­dung begei­stert der Autor des »Lukan­ga Muka­ra« zum Bei­spiel 1913 die Teil­neh­mer des ersten Frei­deut­schen Jugend­tref­fens auf dem Hohen Meiß­ner, als er sie wäh­rend sei­ner Rede davor warnt, Mit­glie­der einer »Wehr­kraft-, Wehr­macht-, Mili­tär­spiel-Bewe­gung« zu werden.

Die »Gro­ße Zeit« »betrieb­sa­mer Säbel­schlei­fer« (Paa­sche im Vor­trupp) kommt den­noch im Jahr dar­auf. Wie die mei­sten sei­ner Lands­leu­te glaubt auch Hans Paa­sche zunächst, Deutsch­land füh­re einen Ver­tei­di­gungs­krieg und mel­det sich frei­wil­lig zum Dienst in der Mari­ne. Frei­lich, in der Admi­ra­li­tät hat man längst von den pazi­fi­sti­schen Auf­trit­ten des Kapi­tän­leut­nants gehört und schickt ihn als Beob­ach­ter auf den Leucht­turm Roter Sand, weit drau­ßen vor der Weser­mün­dung. Spä­ter wird er nach Wil­helms­ha­ven ver­setzt, wo er sich wei­gert, an einem Stand­ge­richt über einen Matro­sen teil­zu­neh­men. Das ist end­lich ein Grund, um ihn im Janu­ar 1916, mit­ten im Krieg, zu entlassen.

Paa­sche kehrt auf sein Gut Wald­frie­den in der Pro­vinz Posen zurück, tritt dem pazi­fi­sti­schen »Bund Neu­es Vater­land« bei und gehört, nach­dem der Bund ver­bo­ten wur­de, zu den Grün­dungs­mit­glie­dern der »Zen­tral­stel­le Völ­ker­recht«. Mit der Hil­fe sei­ner Frau, sei­nes Sekre­tärs und fran­zö­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner ver­brei­tet er pazi­fi­sti­sche Schrif­ten, die er auf gehei­men Wegen aus der Schweiz bezieht, ent­wirft und ver­viel­fäl­tigt er Flug­blät­ter. Sei­ne Flug­blät­ter, unter ande­rem Auf­ru­fe zu Streiks in der Muni­ti­ons­in­du­strie, wer­den selbst in einem Leip­zi­ger Rüstungs­be­trieb und in einem War­schau­er Laza­rett beschlag­nahmt. Das alles endet im Okto­ber 1917 mit Paa­sches Fest­nah­me und einer Ankla­ge wegen »Auf­for­de­rung zum Hoch­ver­rat und ver­such­tem Lan­des­ver­rat«. »Ist es nicht wun­der­bar«, schreibt Rosa Luxem­burg aus dem Gefäng­nis, »dass man plötz­lich noch Men­schen, Män­ner ent­deckt, und zwar in Krei­sen, wo man sie am wenig­sten ver­mu­te­te?«, als sie von Paa­sches Ver­haf­tung erfährt.

Es fol­gen drei­zehn Mona­te Haft und »mili­tä­ri­sche Schutz­haft« in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik. Im Novem­ber 1918 befrei­en auf­stän­di­sche Matro­sen und Sol­da­ten den Häft­ling, beru­fen ihn in den Voll­zugs­rat der Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­te, den höch­sten Rat der Revo­lu­tio­nä­re. Aber alle sei­ne Vor­ha­ben – vom Gericht über jene, die das Volk in den Krieg geführt haben, von der Ver­öf­fent­li­chung aller Doku­men­te, die sie ent­lar­ven, bis hin zu Aktio­nen wie der Spren­gung der Hohen­zol­lern­sta­tu­en an der Sie­ges­al­lee – schei­tern am Wider­stand rech­ter Sozi­al­de­mo­kra­ten. Ver­geb­lich bleibt auch sein Bemü­hen um Volks­rä­te anstel­le eines Par­tei­en­par­la­men­tes. Und im Dezem­ber 1918 ver­schwin­det Paa­sches Name unver­mit­telt aus den Pro­to­kol­len: Ellen Paa­sche, 29-jäh­rig und Mut­ter von vier Kin­dern, wird ein Opfer der damals umge­hen­den Spa­ni­schen Grippe.

Der Schlag war furcht­bar, doch es kommt nicht so, wie Sieg­fried Jacob­sohn, Kurt Tuchol­sky und Carl von Ossietzky es dann schil­dern. Paa­sche zieht sich nicht als gebro­che­ner Mann auf sein Gut zurück. 1919 erschei­nen sei­ne her­vor­ra­gend­sten poli­ti­schen Schrif­ten: »Mei­ne Mit­schuld am Welt­krie­ge« und »Das ver­lo­re­ne Afri­ka«. Da ent­hüllt er die Trieb­kräf­te von Mili­ta­ris­mus und Kolo­nia­lis­mus und warnt vor dem Ver­der­ben, das Deutsch­land zwan­zig Jah­re spä­ter zum »Hen­ker sei­ner Nach­barn« machen wird: »Eines Tages braucht der eine … nur auf den Knopf zu drücken, und alles Deut­sche wälzt sich ver­nich­tend über die Erde: Kano­nen, Pan­zer­plat­ten, che­mi­sche Indu­strie, Gre­na­dier­kno­chen, Phi­lo­so­phie, Men­schen­fleisch, Drucker­schwär­ze, Zement. Ein wüster feld­grau­er Brei …« Wir ahnen, wie sehr die­ser Mann bewun­dert, aber auch gehasst wor­den ist. Als im Janu­ar sym­bo­lisch ein lee­rer Sarg für Rosa Luxem­burg bestat­tet wird, sieht man ihn mit einem blut­ro­ten Kranz. Nach dem Gene­ral­streik im März – Reichs­wehr­mi­ni­ster Noske lässt Artil­le­rie und Flug­zeu­ge gegen Ber­li­ner Arbei­ter ein­set­zen – muss Paa­sche sich im Umland der Haupt­stadt ver­ber­gen. Als das alles vor­bei­geht, resi­gniert er nicht. Er stellt wei­ter­hin Will­kür und Gewalt bloß und wird über­dies wie­der für den Natur­schutz tätig: Pom­mer­scher Natio­nal­park heißt das Vor­ha­ben, an dem er gemein­sam mit Paul Robien arbei­tet. Zudem träumt der Neun­und­drei­ßig­jäh­ri­ge von einer For­schungs­rei­se nach Afrika.

Im Mai 1920 wird der Abschnitts­kom­man­deur der Reichs­wehr in Deutsch-Kro­ne zur Durch­su­chung von Wald­frie­den auf­ge­for­dert. Es heißt, Paa­sche unter­hal­te ein Waf­fen­la­ger für einen kom­mu­ni­sti­schen Auf­stand: Die »Löwen im hohen Gra­se« haben ihn nicht aus dem Blick ver­lo­ren. Sie bie­ten am 21. Mai fünf Dut­zend Sol­da­ten auf und las­sen das Gut umzin­geln. Vor­aus­ge­schickt wird ein Poli­zist, der den Guts­herrn bit­tet, zum Haus zu kom­men, weil ein Offi­zier ihn spre­chen wol­le. Augen­blicke spä­ter, es wird mehr­fach ohne Anruf geschos­sen, ist Hans Paa­sche tot. Die Mör­der sind Sol­da­ten der Repu­blik, Ange­hö­ri­ge des Schüt­zen­re­gi­ments 4 in Deutsch-Kro­ne. Zu den ersten, die an Paa­sches Grab ste­hen, gehört Kurt Tuchol­sky. Mehr­fach schreibt er nun über den, wie er ihn nennt, »wei­ßen Raben«. Carl von Ossietzky wid­met ihm einen bewe­gen­den Nach­ruf, aber die Empö­rung demo­kra­ti­scher Jour­na­li­sten und Publi­zi­sten ver­mag nichts zu ändern. Die Schul­di­gen blei­ben straflos.

Vor vie­len Jah­ren ließ ich ein Grab­kreuz mit dar­an befe­stig­ter Tafel für Hans Paa­sche anfer­ti­gen. Dar­auf steht in pol­ni­scher Spra­che der von sei­ner Toch­ter Hel­ga ent­wor­fe­ne Grab­spruch »Hier ruht ein Kämp­fer für Frie­den und Völ­ker­ver­stän­di­gung, ermor­det im Jah­re 1920 als Opfer sei­ner Gesin­nung«. Dar­un­ter setz­te ich die deut­schen Wor­te »Ich habe mehr gesät als geschnit­ten …« 2005 wur­de das Grab zur Gedenk­stät­te euro­päi­scher Ver­stän­di­gung erklärt, Schü­le­rin­nen und Schü­ler des Gym­na­si­ums der nahen Kreis­stadt Krzyz pfle­gen nun­mehr das Grab.

Was bleibt? Viel­leicht vor allem jene Schrif­ten, die Hans Paa­sches Bemü­hen um die Met­a­noia schil­dern, die Umkehr, das Ver­lan­gen, nicht nur Ver­än­de­rung zu for­dern, son­dern vor allem sich selbst zu ändern und an allem zu zwei­feln, »was wir herr­lich fin­den sol­len«. Denn, so schrieb er nach den Jah­ren in Afri­ka, »wer aber nicht aus­wan­dert aus sei­nem alten Men­schen, der wird in kei­ner Step­pe frei«. Wird eine Bewe­gung zur poli­ti­schen Par­tei, dann erschei­nen ursprüng­li­che Bin­dun­gen nicht sel­ten als hin­der­lich. Mit ande­ren, mit Paa­sches Wor­ten: »Macht bes­sert den Men­schen nicht.« Das mag einer der Grün­de dafür sein, dass die Erin­ne­rung an ihn und ande­re längst in der Schub­la­de mit der respekt­lo­sen Auf­schrift »Öko­pax« verschwand.

Hans Paa­sche: »Die For­schungs­rei­se des Afri­ka­ners Lukan­ga Muku­ra ins inner­ste Deutsch­land, Donat Ver­lag, 168 Sei­ten, 12,80 €; Wer­ner Lan­ge: »Hans Paa­sches For­schungs­rei­se ins inner­ste Deutsch­land – Eine Bio­gra­phie«, 264 Sei­ten, 20 €; Hel­mut Donat: »Hans Paa­sche, Offi­zier, Pazi­fist«, Ossietzky 12/​10