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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Im Konflikt mit dem Zeitgeist

Der Autor, den man sonst als Con­rad Taler kennt, nimmt uns in sei­nem neu­en, packen­den Buch mit in ein Leben, in dem er hin­ge­schaut hat, wo all­zu vie­le ande­re weg­ge­se­hen haben. Es beginnt mit der Ver­trei­bung aus sei­ner böh­mi­schen Hei­mat und sei­ner Trau­er über die­sen Ver­lust. Der Autor macht kennt­lich, in wel­cher Wei­se die­se Kata­stro­phe in der ver­bre­che­ri­schen Hybris des Hit­ler-Regimes wur­zel­te, das von der Mehr­heit der Deut­schen getra­gen wur­de. Aber die Här­te der Ver­trei­bung traf auch anti­fa­schi­stisch gesinn­te Fami­li­en wie die des Autors.

Man kann das Buch als einen Gang durch die deut­sche Zeit­ge­schich­te seit 1945 lesen und wird dabei von einem Zeit­ge­nos­sen beglei­tet, der vie­le Fehl­ent­wick­lun­gen deut­li­cher als ande­re gese­hen hat. Ein Glücks­fall in sei­nem Leben war die Peri­ode, in der er als Lei­ter der Nach­rich­ten­ab­tei­lung von Radio Bre­men an der wahr­heits­ge­mä­ßen Auf­klä­rung über das Zeit­ge­sche­hen mit­wir­ken konnte.

Ein Höhe­punkt des Buches ist der Bericht über einen der Frank­fur­ter Ausch­witz-Pro­zes­se gegen Mit­tä­ter der mas­sen­haf­ten Tötung von Men­schen, ein Ver­fah­ren, das der Autor als Jour­na­list mit­er­lebt hat. Nel­hie­bel wür­digt Fritz Bau­er, den her­vor­ra­gen­den hes­si­schen Gene­ral­staats­an­walt, dem die Ein­lei­tung die­ses Ver­fah­rens zu ver­dan­ken war. Man wird dar­an erin­nert, wel­chen Anfein­dun­gen Bau­er wegen sei­ner Bemü­hun­gen um die Auf­klä­rung der Öffent­lich­keit über die ent­setz­li­chen Nazi­ver­bre­chen und deren Täter aus­ge­setzt war. Unver­ges­sen ist Bau­ers Aus­spruch: »Wenn ich mein Dienst­zim­mer ver­las­se, befin­de ich mich in Fein­des­land.« Nel­hie­bel schil­dert, wie die­ses gei­sti­ge Kli­ma in den ersten Jah­ren der Bun­des­re­pu­blik erzeugt wer­den konn­te. Und man wird mit vie­len authen­ti­schen Zita­ten durch eine Zeit geführt, in der die SPD als Ver­bün­de­te einer anti­kom­mu­ni­sti­schen Poli­tik immer tie­fer in die poli­ti­sche Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­sank. So kann man das Buch auch als Weck­ruf für eine Öffent­lich­keit ver­ste­hen, sich an ein Prin­zip Hoff­nung zu erin­nern, das einst auch in der SPD leben­dig war.

Kurt Nel­hie­bel, Vom Hin­se­hen und vom Weg­se­hen, Ossietzky-Ver­lag 2020, 192 Sei­ten, 12 €.