Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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In Trippelschritten zur Rezession

»In Deutsch­land wächst nur noch der Staat«, bejam­mer­te Sprin­gers Welt am 18. April auf ihrer Titel­sei­te die jüng­ste Kon­junk­tur­pro­gno­se der Bun­des­re­gie­rung. In der Woche vor­her hat­te Wirt­schafts­mi­ni­ster Peter Alt­mai­er (CDU) aber­mals die Wachs­tums­pro­gno­se für das lau­fen­de Jahr nach unten kor­ri­giert – auf jetzt nur noch 0,5 Pro­zent. Dies sei, so ver­weist die Zei­tung auf Berech­nun­gen des Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ste­ri­ums, im pri­va­ten Bereich ein Minu­s­er­geb­nis, weil der soge­nann­te fis­ka­li­sche Impuls, also die durch staat­li­che Aus­ga­ben erzeug­ten öko­no­mi­schen Tätig­kei­ten, für 0,7 Pro­zent Wachs­tum ver­ant­wort­lich sei­en. Folg­lich sei das ein­zi­ge, was noch zwi­schen dem Null­wachs­tum und der Rezes­si­on ste­he, die Aus­ga­ben­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung und der nach­ge­ord­ne­ten staat­li­chen Ebenen.

Hoff­nun­gen für die hie­si­gen Unter­neh­men gebe es ange­sichts des­sen nur noch im fer­nen Osten – »Chi­na wird zum Ret­tungs­an­ker« heißt es am sel­ben Tag im Wirt­schafts­teil. In Chi­na näm­lich habe die kom­mu­ni­sti­sche Regie­rung ener­gi­sche Maß­nah­men zur Bele­bung der auch dort schwä­cheln­den Kon­junk­tur ergrif­fen – unter ande­rem mit einer Sen­kung der Mehr­wert­steu­er von 16 auf jetzt nur noch 13 Pro­zent zum 1. April.

Die deut­sche Regie­rung voll­zieht damit die wach­sen­de Skep­sis der deut­schen Wirt­schafts­in­sti­tu­te nach, die in ihrem »Gemein­schafts­gut­ach­ten« am 4. April ihre frü­he­ren opti­mi­sti­schen Wachs­tums­pro­gno­sen – ursprüng­lich hat­ten sie von fast zwei Pro­zent phan­ta­siert – deut­lich nach unten kor­ri­giert hat­ten. Über­schrift und Tenor des Gut­ach­tens: »Kon­junk­tur deut­lich abge­kühlt – Poli­ti­sche Risi­ken hoch«. Trot­zig endet ihre eige­ne Zusam­men­fas­sung der trü­ben Lage mit dem »Bestä­ti­gen« der Pro­gno­se für das kom­men­de Jahr: »Das Brut­to­in­lands­pro­dukt dürf­te im Jahr 2020 um 1,8 Pro­zent zuneh­men.« Wet­ten auf die­se Zahl dürf­te kei­ner der betei­lig­ten Pro­fes­so­ren anneh­men, denn die­se Hoff­nung lässt sich aus allem mög­li­chen begrün­den – aber nicht aus den ins­ge­samt 80-sei­ti­gen Gut­ach­ten selbst. Zwar wür­den die USA wei­ter, wenn auch ver­lang­samt, posi­ti­ve Zah­len mel­den, der Auf­schwung »im Euro­raum ist … dage­gen … zum Erlie­gen gekom­men«. Ins­ge­samt habe sich welt­weit »gene­rell im Ver­ar­bei­ten­den Gewer­be« die Kon­junk­tur »stark abge­kühlt«. Die­ses Gewer­be aber ist der Kern der kapi­ta­li­sti­schen Wachs­tums­ma­schi­ne­rie. Zwar wird beschwo­ren, »die Dienst­lei­stungs­kon­junk­tur« sei »nach wie vor intakt«. Aber es ist im Kapi­ta­lis­mus nun ein­mal so, dass die Wirt­schaft nicht wächst, wenn sich alle Beschäf­tig­ten gegen­sei­tig gegen Geld die Haa­re schnei­den oder Lebens- gegen Ernäh­rungs­be­ra­tung tau­schen. Der Rezes­si­on, die gegen­wär­tig nur durch staat­li­che Sta­bi­li­sa­to­ren abge­wen­det wird, nähert sich so die deut­sche wie die euro­päi­sche Wirt­schaft in Trip­pel­schrit­ten an. Zuneh­mend wer­den die unent­wegt wei­ter wach­sen­den Rüstungs­aus­ga­ben zum wich­tig­sten Ret­tungs­an­ker des »ver­ar­bei­ten­den Gewerbes«.

Zwar herrscht wei­ter – bis in die sozi­al­de­mo­kra­ti­sier­te Lin­ke hin­ein – der Unwil­len, der sich abzeich­nen­den Dau­er­kri­se der auf Tausch­wirt­schaft beru­hen­den Pro­duk­ti­ons­wei­se ins Auge zu sehen. Aber die Sym­pto­me die­ser sich als Siech­tum aus­prä­gen­den fina­len Kri­se neh­men für jeden, der sehen mag, zu: Neben den spür­ba­ren Kli­ma­ver­än­de­run­gen, die letzt­lich nur Resul­tat des inne­ren Zwangs die­ses Systems sind, zur Auf­recht­erhal­tung der ste­ti­gen Ver­wand­lung von Geld in mehr Geld (G-G‘) immer mehr Natur­reich­tü­mer als Waren zu ver­hei­zen, las­sen nun trotz die­ser naturz­er­fres­sen­den Gier die inne­ren Wachs­tums­kräf­te in allen kapi­ta­li­sti­schen Zen­tren nach. Letzt­lich ist das Resul­tat die von mar­xi­sti­scher Sei­te schon län­ger ange­kün­dig­te Hin­aus­drän­gung der Ware Arbeits­kraft aus dem Pro­duk­ti­ons­pro­zess und damit die Unter­gra­bung der eige­nen Grund­la­gen des auf Aus­beu­tung die­ser Ware beru­hen­den Systems. Zur öko­lo­gisch-öko­no­mi­schen Kri­sen­dy­na­mik kommt – eben­falls einer bekann­ten inne­ren Logik fol­gend – wie ein drit­ter grin­sen­der Sen­sen­mann das rasan­te Wachs­tum der Rüstungs­aus­ga­ben hin­zu. Die öko­no­mi­sche Sta­gna­ti­on auf der einen Sei­te wird so in der per­ver­sen Dia­lek­tik des waren­pro­du­zie­ren­den Systems ergänzt durch das ein­zi­ge Wachs­tum, das noch geht: Rüstungswachstum.