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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kalendergeschichten

Ein­käu­fe in der Vor­weih­nachts­zeit soll­te man tun­lichst ver­mei­den. Ja, sowie­so schon wegen des zu erwar­ten­den Men­schen­ge­wu­sels in den Geschäf­ten. Außer­dem führt der Zeit­druck nicht sel­ten zu Anschaf­fun­gen, die man bereut und für deren wei­te­re Ver­schen­kung man sich hin­ter­her fast schämt. Aber das ist nicht die wesent­li­che Ursa­che für mein der all­ge­mei­nen Kon­sum­jagd zuwi­der­lau­fen­des Ver­hal­ten. Der wich­tig­ste Grund dafür, Markt­tem­pel und Dienst­lei­ster aller Cou­leur in den Advents­wo­chen mög­lichst zu ver­mei­den, sind die von den Fir­men, den Geschäf­ten, den Ver­si­che­run­gen, den Ver­ei­nen und von wem auch immer aus­ge­streu­ten Wer­be­zu­ga­ben, zumeist Wandkalender.

Ja, Sie haben rich­tig gele­sen, es geht um die Kalen­der­schwem­me. Zum Jah­res­wech­sel hän­gen an allen mei­nen Wän­den Kalen­der, neben-, unter- und sogar über­ein­an­der. In den letz­ten Jah­ren hat sich bei mir eine regel­rech­te All­er­gie dage­gen ent­wickelt, und auf mei­nen Unter­ar­men bil­den sich klei­ne was­ser­ge­füll­te Bläs­chen. Mein Haut­arzt nennt sie Kalen­der­pu­steln, er sagt, man sol­le das Jucken mög­lichst igno­rie­ren und dür­fe sie auf kei­nen Fall auf­krat­zen. Leicht gesagt!

Das mit den Kalen­dern geht oft schon Ende Novem­ber los. Die Ver­käu­fe­rin in der Bäcke­rei, bei der ich wegen mei­ner Sucht für Zucker­ku­chen bekannt bin, blin­zelt mir schel­misch zu und schiebt mir einen Abreiß­ka­len­der unter das Kuchen­pa­ket. »Für unse­re besten Kun­den«, flü­stert sie ver­hei­ßungs­voll. Sehr hübsch, der Kalen­der. Für jeden Monat wird ein ande­res, den Spei­chel­fluss schon vom Hin­se­hen aus­lö­sen­des Back­werk ange­prie­sen und beschrieben.

Die viet­na­me­si­sche Blu­men­händ­le­rin, eine char­man­te, dun­kel­haa­ri­ge Per­son, reicht mir einen Blu­men­ka­len­der über den Tisch. In der Apo­the­ke wird mir ein Jah­res­ka­len­der auf­ge­nö­tigt, der mein Wohl­be­fin­den gera­de­zu garan­tiert, weil er mir für fast jeden Tag des Jah­res einen spe­zi­el­len Kräu­ter­tee und ein schnell­wir­ken­des Abführ­mit­tel empfiehlt.

Mei­ne Auto­werk­statt lässt es sich nicht neh­men, mir einen Kalen­der mit ein­ge­druck­ten TÜV- und Durch­sichts­ter­mi­nen zukom­men zu las­sen, und eine ande­re Werk­statt aus dem Schwä­bi­schen, die mich regi­strier­te, als ich auf der Durch­fahrt leicht­sin­ni­ger­wei­se um Motor­öl bat, über­sand­te mir einen Old­ti­mer-Kalen­der im Geschenk­for­mat, den ich auf dem Post­amt per­sön­lich abho­len musste.

Mei­ne sechs Enkel­kin­der über­bie­ten sich mit selbst­ge­ba­stel­ten und selbst­be­bil­der­ten Daten­blät­tern. Der Tier­arzt, der ein­mal jähr­lich unse­re Kat­ze ent­wurmt, beför­der­te mir höchst­per­sön­lich einen Jah­res­ka­len­der mit der Auf­schrift »Haus­tier­krank­hei­ten von Janu­ar bis Dezem­ber« in die Woh­nung. Die Ver­si­che­run­gen über­häu­fen mich mit Kalen­der­blät­tern, aus den abon­nier­ten Tages­zei­tun­gen flat­tern mir die Kalen­der regel­recht ent­ge­gen und bedecken zen­ti­me­ter­hoch den Lami­nat­fuß­bo­den, und mein Opti­ker brach­te es fer­tig, mir einen Kalen­der nach­zu­wer­fen, bei dem die Buch­sta­ben und Zah­len von vorn nach hin­ten immer klei­ner werden.

Jetzt hab› ich mich dar­an gewöhnt, in den Geschäf­ten eiligst zu bezah­len und unmit­tel­bar danach gruß­los die Flucht zu ergrei­fen, um wei­te­ren Jah­res­mer­kern zu entgehen.

Wie wich­tig das ist, wur­de mir erst vor­ge­stern wie­der im Zei­tungs­la­den bewusst. Ich sah und hör­te noch, wie hin­ter mir laut geru­fen und gesti­ku­liert wur­de, aber ich blieb stand­haft, stell­te mich blind und taub und eil­te stich­flam­men­gleich davon.

Seit­dem suche ich mei­ne Brief­ta­sche mit den Fahr­pa­pie­ren und der Visa-Kar­te. Kei­ne Ahnung, wo ich die gelas­sen haben könnte.