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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kiewer Roulette

Mehr­fach habe ich in letz­ter Zeit einen Spie­gel-Best­sel­ler aus dem Regal geholt. Was Peter Scholl-Latour 2007(!) über »Russ­land im Zan­gen­griff« geschrie­ben hat­te, könn­te fast Wort für Wort heu­te geschrie­ben wor­den sein. Die welt­wei­te mili­tä­ri­schen Ein­krei­sung mit US- und Nato-Mili­tär­ba­sen sowie die poli­ti­sche Iso­lie­rung stand damals wie heu­te auf der Agen­da der USA und ihrer Ver­bün­de­ten. Aber wer kennt heut­zu­ta­ge noch die­sen Scholl-Latour? Die russo­pho­be Baer­bock als Außen­mi­ni­ste­rin sicher nicht. Ihr Kanzler?

Vom Chef im Wei­ßen Haus in Washing­ton wol­len wir gar nicht erst reden. Sein Vor­gän­ger hat den Ukrai­ne-Kon­flikt befeu­ert. Der Aus­stieg aus dem Open-Ski­es-Abkom­men mit Mos­kau geht auf ihn zurück. Es erlaub­te Auf­klä­rungs­flü­ge über Mili­tär­ein­rich­tun­gen in den USA und Russ­land. Und die hät­ten eine ande­re, eine rea­le Sicht auf die »Bedro­hun­gen« erge­ben. Biden hät­te das ändern kön­nen. Er aber bevor­zug­te das Kie­wer Roulette.

Für die USA geht es ein­zig und allein um die Front­be­gra­di­gung zur Rus­si­schen Föde­ra­ti­on unter dem Deck­man­tel der Nato. Die Repu­blik Ukrai­ne soll nur den Schuss aus­lö­sen, um end­lich auch frei­en Zugang bis ans Schwar­ze und Asow­sche Meer zu haben. Nur gut, dass das »wer­te­ba­sier­te« west­li­che Spit­zen­per­so­nal dem erfah­re­nen rus­si­schen Außen­mi­ni­ster Ser­gej Law­row nie das Was­ser wird rei­chen kön­nen. Umso gefähr­li­cher wären Pro­vo­ka­tio­nen im Gebiet der Ost­ukrai­ne oder sogar vom ver­seuch­ten Tscher­no­byl aus, die Russ­land unter­ge­scho­ben wür­den. Den USA und der Nato ist nach pro­vo­zier­ten Krie­gen gegen Viet­nam, Jugo­sla­wi­en, den Irak und Afgha­ni­stan alles zuzu­trau­en, »Far­ben­re­vo­lu­tio­nen« inklusive.

Am 24. Janu­ar 2021 ver­darb aus­ge­rech­net der ukrai­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Ale­xej Res­ni­kow das aus­ge­klü­gel­te Rän­ke­spiel. In einem Gespräch mit dem TV-Sen­der ICTV stell­te er Gene­ral Alex­an­der Pawl­juk, den Befehls­ha­ber im Süd­osten der Ukrai­ne, und mit ihm Washing­ton, Nato, Ber­lin & Co. samt Medi­en­tross in aller Öffent­lich­keit bloß. Die­ser Gene­ral hat­te ora­kelt, Russ­land könn­te zum Abschluss­tag der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Peking am 20. Febru­ar die Ukrai­ne angrei­fen. Gefragt, wie er die­se Mut­ma­ßun­gen ein­schät­ze, ant­wor­te­te Res­ni­kow: »Ich schät­ze ein sol­ches Sze­na­rio nicht hoch ein. (…) Die Fak­ten, die unse­re Nach­rich­ten­dien­ste und die der Part­ner­län­der beob­ach­ten, las­sen dar­auf schlie­ßen, dass die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on bis heu­te kei­ne Ein­satz­trup­pe zusam­men­ge­stellt hat, die dar­auf hin­deu­ten wür­de, dass sie mor­gen in die Offen­si­ve gehen wer­de.« End­lich waren offen­bar CIA, BND, MI5 und wie sie alle hei­ßen ein­mal ihr Geld wert. Ihr gehei­mes Wis­sen haben sie offen­bar ihren Poli­ti­kern vorenthalten.

Der deut­sche Vize­ad­mi­ral Kay-Achim Schön­bach hat­te das bei einem Gespräch in Indi­en in ande­rer Form arti­ku­liert. Er beant­wor­te­te sich selbst die Fra­ge: »Hat Russ­land wirk­lich Inter­es­se an einem klei­nen Stück ukrai­ni­schen Bodens?« mit: »Nein, das ist Non­sens.« Eil­fer­tig schass­te Ber­lin den Mari­ne­in­spek­teur und warf flugs das grund­ge­setz­lich gesi­cher­te hohe Gut der Mei­nungs­frei­heit mit über Bord. Der ehe­ma­li­ge Gene­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, Harald Kujat, sag­te dazu in einem Inter­view mit tagesschau24: »Wenn ich noch im Amt wäre, hät­te ich mich vor Admi­ral Schön­bach gestellt, und ich hät­te ver­sucht, sei­ne Ent­las­sung zu ver­hin­dern – und zwar mit allen Mit­teln.« Deut­li­cher kann sich ein Ex-Mili­tär wohl nicht gegen­über einer Regie­rung und der zustän­di­gen SPD-Mini­ste­rin posi­tio­nie­ren. Deren Teil­nah­me an einer Wür­di­gung der Män­ner des 20. Juli 1944 käme einer Belei­di­gung gleich.

In den letz­ten Mona­ten wur­den täg­lich Bil­der von Trup­pen­la­gern, Mili­tär­trans­por­ten, aus Kaser­nen und von Sol­da­ten in Nach­rich­ten­sen­dun­gen als »Bewei­se« für die rus­si­sche Bedro­hung wie­der­holt und will­kür­lich mit aktu­el­len Nach­rich­ten ver­mischt. Die »Fak­ten« zei­gen weder Ort, Datum oder Zeit an. Es gab kei­ne geo­gra­fi­sche Ein­ord­nung mit Koor­di­na­ten. Eins die­ser über­stra­pa­zier­ten Satel­li­ten­fo­tos zu angeb­li­chen rus­si­schen Mili­tär­fahr­zeu­gen nahe der Ukrai­ne erschien im Tages­spie­gel vom 15. Novem­ber 2021. Quel­le des Fotos: AFP/​Maxar Tech­no­lo­gies. Und wer ist das? Hin­ter dem Kür­zel AFP steht die renom­mier­te fran­zö­si­sche Agence Fran­ce-Pres­se als älte­ste inter­na­tio­na­le Nach­rich­ten­agen­tur. Hin­ter Maxar ver­birgt sich ein US-Unter­neh­men in Colo­ra­do. Das Geschäfts­mo­dell umfasst Her­stel­lung und Betrieb von Satel­li­ten, die vor­ran­gig der Erd­be­ob­ach­tung die­nen. Die Adres­se lau­tet: 1300 W 120th Ave­nue - West­min­ster, CO 80234 E-Mail: info@maxar.com. Unter https://www.maxar.com/legal ist mehr zu erfah­ren. Das Toch­ter­un­ter­neh­men Digi­tal­Glo­be belie­fert unter ande­rem Goog­le Maps mit Satel­li­ten­bil­dern. Gewöhn­lich wer­den Auf­nah­men aller Art vom Urhe­ber mit einem Begleit­text ver­se­hen. Es sei denn, die­se Art Bewei­se wür­den zu Fake News.

Russ­land, das größ­te Land der Erde, gibt etwa 62 Mil­li­ar­den Dol­lar für sei­nen Mili­tär­haus­halt aus. Der flä­chen­mä­ßi­ge »Zwerg­staat« Bun­des­re­pu­blik bringt es auf etwa 53 Mil­li­ar­den Dol­lar und steht auf Platz 7 in der Welt­rang­li­ste der Rüstungs­aus­ga­ben. Spit­zen­rei­ter sind natür­lich die USA mit etwa 778 Mil­li­ar­den Dol­lar. Ein Zan­gen­griff für free­dom und demo­kra­cy made in USA ist eben nicht für pea­nuts zu haben.

Wir kön­nen lei­der nur hof­fen, dass ein letz­tes Fünk­chen Ver­nunft obsiegt. Washing­tons For­de­rung an den UN-Sicher­heits­rat, sich wegen der »ein­deu­ti­gen Bedro­hung des inter­na­tio­na­len Frie­dens und der Sicher­heit« durch Russ­land mit dem Ukrai­ne-Kon­flikt zu befas­sen, lässt lei­der das Gegen­teil erwarten.