Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Klarheit für den Kopf

Es geschah beim Nep­tun­brun­nen in Ber­lin-Mit­te. Auf Twit­ter habe ich den Vor­gang gese­hen, am 16. Mai, dem Sams­tag, an dem an meh­re­ren Orten in Deutsch­land gegen angeb­lich »über­trie­be­ne« Regu­lie­run­gen und Beschlüs­se von Bund und Lan­des­re­gie­run­gen zur Ein­däm­mung der Coro­na-Pan­de­mie gewet­tert wur­de. Und gegen so man­ches andere.

Auf Twit­ter habe ich ihn tan­zen gese­hen, vor dem Brun­nen mit sei­nen vier Frau­en­gestal­ten, die vier Strö­me per­so­ni­fi­zie­ren sol­len. Er tanz­te wie der Han­dels­ver­tre­ter, die Haus­frau, der Feu­er­be­stat­ter, der Pfand­lei­her, wie das gan­ze von einer Taran­tel gebis­se­ne und ande­re infi­zie­ren­de Per­so­nal in einem Bän­kel­lied des frü­hen Degen­hardt getanzt hat: »Er hüpf­te und tanz­te die Stra­ße ent­lang, wobei er mit Hüf­te und Armen schwang. Eins und zwei, drei und vier, fünf, sechs tadum …« (LP »Rum­pel­stilz­chen«, 1963). Vom Brun­nen­rand her wur­de eine Bon­go-Trom­mel geschla­gen. Tadum. Wei­te­re Tän­ze­rin­nen und Tän­zer kamen hin­zu, auch Kin­der. Beklatsch­ten den Vor­tän­zer, den Vor­sän­ger, der immer wie­der die­sel­ben Sät­ze rief: »Befreit euch von den Mas­sen­me­di­en … Ich lie­be das Leben, Gott, mei­nen Nach­barn. Der Virus exi­stiert nicht.« Dazwi­schen man­ches, was ich aku­stisch nicht ver­stand. Wort­fet­zen wie »Über­wa­chungs­staat«, »BND«, »Abfall«, von dem man sich befrei­en, den man bei­sei­te schmei­ßen soll.

Und so tanz­te er sei­nen Tanz der Irr-Ratio­na­li­tät gegen die Ratio­na­li­tät der Demo­kra­tie, gegen eine »gefähr­de­te Ratio­na­li­tät«, wie Juli­an Nida-Rüme­lin in sei­nem neue­sten Buch dia­gno­sti­ziert. Der frü­he­re Kul­tur­staats­mi­ni­ster im ersten Kabi­nett Schrö­der und Prä­si­dent der Deut­schen Gesell­schaft für Phi­lo­so­phie lehrt heu­te an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen Phi­lo­so­phie und poli­ti­sche Theo­rie. Im März wur­de er selbst sozu­sa­gen ein Opfer von Coro­na, dies hin­sicht­lich der Pre­mie­re sei­nes Buches: Im Kör­ber­Fo­rum in Ham­burg soll­te er mit einem NDR-Jour­na­li­sten dis­ku­tie­ren und anschlie­ßend auf Lese­rei­se gehen, auch nach Leip­zig zur Buch­mes­se. Alles abgesagt.

Nida-Rüme­lin hat sei­nen »poli­ti­schen Trak­tat«, wie er die Schrift im Unter­ti­tel nennt, im Sep­tem­ber 2019 abge­schlos­sen, als in den Debat­ten um den Popu­lis­mus die Sor­ge um die Ver­ro­hung des Tons und die Ver­schie­bung der Gren­zen des Sag­ba­ren domi­nier­te. Inzwi­schen hat sich die­ser Ton ver­schärft: zu beob­ach­ten auf vie­len Plät­zen im Lan­de und mil­lio­nen­fach in den Medi­en des World Wide Web. Hier tref­fen alle auf­ein­an­der: Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die um ihre Frei­heits­rech­te ban­gen, mit ihren teils nach­voll­zieh­ba­ren Moti­ven, rabia­te Impf­geg­ner, noto­ri­sche Mer­kel- und Poli­tik-Kri­ti­ker und Bes­ser­wis­ser, Verschwörungs»theoretiker« mit ihren Behaup­tun­gen von dunk­len Mäch­ten hin­ter dem Virus, Rechts­ex­tre­me, die eine anti­de­mo­kra­ti­sche Stim­mung anhei­zen und im Trü­ben fischen wol­len – ein »Festi­val der Wahn­pa­ro­len«, wie die FAZ online resümierte.

Nida-Rüme­lin: »Die gegen­wär­ti­ge Kri­se der Demo­kra­tie kann schwer­lich bezwei­felt wer­den. Jeden­falls der Demo­kra­tie, wie wir sie in west­li­chen Län­dern ken­nen, cha­rak­te­ri­siert durch Rechts­staat­lich­keit, unver­äu­ßer­li­che Grund­rech­te, insti­tu­tio­nel­le Sta­bi­li­tät und Gewal­ten­tei­lung, gestützt auf eine poli­ti­sche Kul­tur des öffent­li­chen Vernunftgebrauchs.«

Der Phi­lo­soph über­sieht dabei nicht, »wie oft sich die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen nicht an ihre eige­nen Regeln hal­ten«. Es geht ihm aber um ein »ange­mes­se­nes Ver­ständ­nis des­sen, was Demo­kra­tie ist und was Demo­kra­tie fol­ge­rich­tig nicht ist. Es geht um die spe­zi­fi­sche Ratio­na­li­tät der Demo­kra­tie und ihre aktu­el­le Gefähr­dung«. Sein Ziel ist Klar­heit im Kopf, »damit die Pra­xis wie­der Ori­en­tie­rung fin­det«. Sein Hand­werks­zeug ist die Ana­ly­se, nicht die Pole­mik, ver­bun­den mit der Zuver­sicht, dass sich »die poli­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Grund­la­gen (der Demo­kra­tie) so erneu­ern las­sen, dass sie den aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen gewach­sen ist«. Denn für den Buch­au­tor ist die Regie­rungs­form Demo­kra­tie nach wie vor unübertroffen.

 

Juli­an Nida-Rüme­lin: »Die gefähr­de­te Ratio­na­li­tät der Demo­kra­tie. Ein poli­ti­scher Trak­tat«, Edi­ti­on Kör­ber, 304 Sei­ten, 22 €