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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kolonialwaren. All mien

Viel­leicht erin­nern Sie sich noch, geschätz­te Lese­rin, geschätz­ter Leser, an mei­ne Rezen­si­on des Buches »Das Pracht­boot – Wie Deut­sche die Kunst­schät­ze der Süd­see raub­ten« von Götz Aly? Der Autor hat­te sei­nem Text das fol­gen­de, von mir zitier­te Mot­to vor­an­ge­stellt: »Im All­ge­mei­nen wird man ohne Über­trei­bung von sehr vie­len Kolo­nien Fol­gen­des behaup­ten kön­nen: Prü­geln, Rau­ben, Schän­den, Bren­nen, Mor­den neh­men einen gro­ßen Anteil der Arbeits­kraft euro­päi­scher Beam­ter, Offi­zie­re, Kauf­leu­te und For­schungs­rei­sen­der in Anspruch« (sie­he Ossietzky 12/​2021, »Und bist du nicht willig …«).

Das immer noch in der ersten Eta­ge des Hum­boldt Forums in Ber­lin zu besich­ti­gen­de Boot stammt von der nur sechs Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Insel Luf, einem Atoll der Her­mit-Inseln, in der Süd­see gele­gen nahe einem Archi­pel, der immer noch den Namen Bis­marck trägt. Die Insel­grup­pe war von 1884 bis 1914 eine Kolo­nie des deut­schen Kaiserreichs.

In eben die­ser Kolo­nie fand in den Jah­ren 1908 bis 1910 eine »völ­ker­kund­li­che« Unter­neh­mung statt: Ham­bur­ger Kauf­leu­te und der Senat der Han­se­stadt hat­ten das For­schungs­schiff Pei­ho für eine Expe­di­ti­on aus­ge­rich­tet. An ihrem Ver­lauf hat der 2019 gestor­be­ne deut­sche Eth­no­lo­ge Hans Fischer schon 1981 die Ver­flech­tung von Wirt­schafts- und For­schungs­in­ter­es­sen, von Kolo­ni­al­po­li­tik und Ras­sis­mus bei­spiel­haft aufgezeigt.

Sein Buch »Die Ham­bur­ger Süd­see-Expe­di­ti­on – Über Eth­no­gra­phie und Kolo­nia­lis­mus« erschien zu einer Zeit, als der kolo­nia­li­sti­schen Pra­xis noch wenig Auf­merk­sam­keit beschie­den war – und in der sich Eth­no­lo­gin­nen und Eth­no­lo­gen in den Muse­en noch nicht auf eine Pro­ve­ni­enz­for­schung kon­zen­trier­ten, um die Her­kunft von Objek­ten auf­zu­decken. Es war halt »all mien«, wie man in Ham­burg gern sagt.

Fischers Buch ist schon längst ein Stan­dard­werk. Sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der kolo­nia­len und spä­ter mit der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­gan­gen­heit der Eth­no­lo­gie reg­te wei­te­re For­schun­gen an, zum Bei­spiel zu den Men­schen­zoos des Ham­bur­ger Tier­parks Hagen­beck, offi­zi­ell »eth­no­lo­gisch-zoo­lo­gi­sche Aus­stel­lun­gen« genannt, in denen Ange­hö­ri­ge frem­der Völ­ker wie Tie­re aus­ge­stellt wur­den und gegen Ein­tritts­ge­bühr zu besich­ti­gen waren.

Fischer lehr­te von 1967 bis 1998 als Pro­fes­sor am Semi­nar für Völ­ker­kun­de (heu­te: Insti­tut für Eth­no­lo­gie) der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Von 1967 bis 1971 war er Direk­tor des Ham­bur­gi­schen Muse­ums für Völ­ker­kun­de (heu­te: MARKK, Muse­um am Rothen­baum – Kul­tu­ren und Kün­ste der Welt) und von 1973 bis 1975 Vor­sit­zen­der der Deut­schen Gesell­schaft für Völ­ker­kun­de (heu­te: Deut­sche Gesell­schaft für Sozi­al- und Kulturanthropologie).

Die geän­der­ten Benen­nun­gen sind kein Zufall. Sie spie­geln den jewei­li­gen Zeit­geist wider und sind das Ergeb­nis eines immer noch nicht abge­schlos­se­nen Dis­kus­si­ons­pro­zes­ses. Daher ist es auch kein Zufall, dass sich zur­zeit in der Han­dels­stadt Ham­burg zwei Senats­kom­mis­sio­nen mit Stra­ßen und Plät­zen beschäf­ti­gen, deren Namens­ge­ber histo­risch bela­stet sind: zum einen aus der NS-Zeit, zum ande­ren mit Bezug zur Kolonialzeit.

Im März die­ses Jah­res ist im Beren­berg Ver­lag eine über­ar­bei­te­te Neu­aus­ga­be der Fall­stu­die Fischers erschie­nen, mit einem aus­führ­li­chen und ein­ord­nen­den Vor­wort von Bet­ti­na Beer, die seit Jah­ren als empi­risch arbei­ten­de Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin im Ein­zugs­ge­biet gro­ßer Kup­fer- und Gold-Minen in Papua-Neu­gui­nea forscht.

Die Süd­see-Expe­di­ti­on schaff­te in regel­rech­tem Samm­ler-Wett­ei­fern zwi­schen For­schern, dem Kapi­tän und der Mann­schaft des Expe­di­ti­ons­schif­fes cir­ca 15 000 Objek­te nach Ham­burg. Ihr »Erwerb« resul­tier­te ent­we­der aus Dieb­stahl, oder es wur­de mit »kolo­nia­ler Mün­ze« bezahlt: mit Stan­gen­ta­bak, Glas­per­len, Mes­sern, Äxten, Tüchern, Spie­geln, Nägeln, Fla­schen. Und loka­le Mit­tels­män­ner ver­kauf­ten die Kolo­ni­al­wa­ren gegen Gold­mark. Zu der »rei­chen mate­ri­el­len Aus­beu­te« heißt es bei Fischer: »Dass das Sam­meln für das Ham­bur­gi­sche Muse­um für Völ­ker­kun­de im Rah­men der Expe­di­ti­on eine beson­de­re Rol­le spie­len wür­de und soll­te, war ein­ge­plant und vorherzusehen.«

Nimmt’s Wun­der, »dass die Bevöl­ke­rung in den berei­sten Gebie­ten zumin­dest im ersten Jahr kaum einen Unter­schied zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Expe­di­ti­on, Anwer­bern von Plan­ta­gen und kolo­nia­ler Ver­wal­tung erken­nen konn­te«, dass für sie »For­schungs-, Kriegs- und Anwer­be­schiff nicht von­ein­an­der zu unter­schei­den und glei­cher­ma­ßen bedroh­lich« waren (Beer)?

Fischers Ver­dienst ist es, die Wech­sel­wir­kung zwi­schen Wis­sen­schaft und Kolo­nia­lis­mus auf­ge­zeigt zu haben. Er beschrieb akri­bisch, gestützt auf ein Kon­vo­lut von Akten, Brie­fen, Tage­bü­chern, Foto­plat­ten und eine 30-bän­di­ge Doku­men­ta­ti­ons­rei­he, wie sich »kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­in­ter­es­sen und impe­ria­li­sti­sche Poli­tik ver­ban­den« (Beer). Er lie­fer­te damit die Vor­la­ge für die »heu­te an Muse­en domi­nie­ren­de Pro­ve­ni­enz­for­schung«, von der es nur »ein klei­ner Schritt zu Bestre­bun­gen der Rück­ga­be von Gegen­stän­den« ist.

In zwei zusam­men­fas­sen­den Kapi­teln zeigt Fischer, dass »nie­mand sich der kolo­nia­len Gesamt­si­tua­ti­on ent­zie­hen konn­te« und wie selbst die Wis­sen­schaft­ler mit einer »unre­flek­tier­ten Über­zeu­gung von der Über­le­gen­heit der Euro­pä­er« (Beer) zu Wer­ke gin­gen. Fischer: »Die Expe­di­ti­ons­teil­neh­mer schei­nen nie über­haupt in Erwä­gung gezo­gen zu haben, dass sie in das Leben ande­rer Men­schen ein­dran­gen und dass die­se viel­leicht das Recht haben könn­ten, die­ses Ein­drin­gen abzulehnen.«

Als sich 2010 die Süd­see-Expe­di­ti­on zum 100. Mal jähr­te, konn­te Fischer es sich ein­fach machen. In sei­nem Buch ste­he halt »alles Wesent­li­che drin«, beant­wor­te­te er »leicht iro­nisch« (Beer) per E-Mail eine Anfra­ge der Lei­te­rin der Süd­see-Abtei­lung des dama­li­gen Völ­ker­kun­de-Muse­ums Hamburg.

Am Ende des Buches spannt Fischer den Bogen zur Gegen­wart, begrün­det, war­um die Völ­ker­kun­de als Wis­sen­schaft von frem­den Völ­kern von die­sen häu­fig mit Kolo­nia­lis­mus in Ver­bin­dung gebracht wird: »Weil Wis­sen­schaft ins­ge­samt nicht iso­liert von jewei­li­gen poli­ti­schen und gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen sein kann.« Das Bemü­hen um eine wis­sen­schaft­li­che »Objek­ti­vi­tät« genü­ge nicht. Das Bewusst­ma­chen der Bezie­hun­gen, Bedin­gun­gen und Abhän­gig­kei­ten sei wesent­li­cher Teil jeder Wis­sen­schaft. »Und eben hier­zu kann die Beschäf­ti­gung mit Ver­gan­ge­nem, mit Wis­sen­schafts­ge­schich­te, beitragen.«

 Hans Fischer: Die Ham­bur­ger Süd­see-Expe­di­ti­on, Beren­berg, Ber­lin 2022, 288 Sei­ten, 16 €. In der Media­thek von ARTE ist der Anfang April 2022 aus­ge­strahl­te Doku­men­tar­film »›Die Wil­den‹ in den Men­schen­zoos« abruf­bar. Bei Wiki­pe­dia sind unter dem Stich­wort »Ham­bur­ger Süd­see-Expe­di­ti­on« Kar­ten der Süd­see-Regio­nen Mikro­ne­si­en und Mela­ne­si­en zu fin­den sowie die Namen von Teil­neh­mern und eine Auf­li­stung der Doku­men­ta­ti­ons­rei­he mit den For­schungs­er­geb­nis­sen, die in groß­for­ma­ti­gen Bän­den noch bis 1954 ver­öf­fent­licht wurden.