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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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KRIEGII

Wenn ich ein Buch über Russ­land schrei­ben wür­de, so müss­te es die erlo­sche­ne Revo­lu­ti­on dar­stel­len, einen Brand, der aus­glüht, glim­men­de Über­re­ste und sehr viel Feuerwehr.
Joseph Roth (1894-1939)
»Notiz« vom 10. Okto­ber 1926
 
JOSEPHROTH Brief aus Polen 1928 (gekürzt):

»(…) wäh­rend ich mich anschicke, Ihnen über das Volk der Ukrai­ner zu schrei­ben, habe ich den Klang sei­ner Lie­der im Ohr und vor mei­nem Auge das Ange­sicht sei­ner Dör­fer. Mei­ne stän­di­ge Bemü­hung, Ihnen lie­ber eine sta­ti­sti­sche Tat­sa­che als einen lyri­schen Ein­druck zu ver­mit­teln und bei der Schil­de­rung einer Stadt etwa über der Beschrei­bung ihrer Atmo­sphä­re die Zahl ihrer Ein­woh­ner nicht zu ver­ges­sen, stör­te in die­sem Fall der beson­de­re Cha­rak­ter einer Nati­on, die nie­mals dazu kommt, ihre eige­nen Sta­ti­sti­ken selbst anzu­le­gen, son­dern das Unglück hat, von Völ­kern, von denen sie regiert wird, gezählt, ein­ge­teilt und über­haupt ›behan­delt‹ zu wer­den. In die­sem Euro­pa, in dem die mög­lichst gro­ße Selb­stän­dig­keit der Natio­nen das ober­ste Prin­zip der Frie­dens­schlüs­se, Gebiets­tei­lun­gen und Staa­ten­grün­dun­gen war, hät­te es den euro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Ken­nern der Geo­gra­phie nicht pas­sie­ren dür­fen, dass ein gro­ßes Volk von 30 Mil­lio­nen in meh­re­re natio­na­le Min­der­hei­ten zer­schla­gen, in ver­schie­de­nen Staa­ten wei­ter­le­be. Zwingt man sich (wider sein bes­se­res Wis­sen) zu jener nai­ven Anschau­ung, dass die Natio­nen in Euro­pa in säu­ber­lich von­ein­an­der getrenn­ten Gebie­ten leben, wie auf Schach­bret­tern, so ist nicht ein­zu­se­hen, wes­halb man ein gro­ßes Volk ein­fach ver­gaß und wes­halb man das Gebiet, auf dem es lebt, nicht zusam­men­zu­schlie­ßen ver­such­te, son­dern neu­er­lich auf­teil­te. Die Ukrai­ner, die in Russ­land, in Polen, in der Tsche­cho­slo­wa­kei, in Rumä­ni­en vor­han­den sind, ver­dien­ten gewiss einen eige­nen Staat, wie jedes ihrer Wirts­völ­ker. Aber sie kom­men in den Lehr­bü­chern, aus denen die Welt­auf­tei­ler ihre Kennt­nis­se bezie­hen, weni­ger aus­führ­lich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.«

Joseph Roth, 12. August 1928 (Frank­fur­ter Zei­tung), ein Brief aus der Serie »Brie­fe aus Polen«

2015 wur­de der Brief vom C.H. Beck Ver­lag nach­ge­druckt in: Joseph Roth: Rei­sen in die Ukrai­ne und nach Russ­land. Hg. von Jan Bür­ger (5. Auf­la­ge 2022). S. 9-14.