Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krieg mit Ehre und Statistik

In Deutsch­land soll es 100.000 Krie­ger­denk­ma­le geben. Ver­mut­lich hat noch nie­mand eine Sta­ti­stik ver­sucht, wel­che Auf­schrif­ten sie in wel­cher Zahl tra­gen. Ich ver­mu­te aber, es füh­ren: »Ehre unse­ren Hel­den« oder »Sie star­ben für uns«. Gleich danach kommt sicher­lich: »Den im Krieg geblie­be­nen Söh­nen«. Die in Haus, Luft­schutz­kel­ler oder auf der Flucht­strecke ermor­de­ten Töch­ter, Frau­en und Kin­der wer­den eher sel­ten mit Mar­mor-, Stein- und Eisen-Schrif­ten geehrt.

Aus­führ­lich heißt es auch mal: »Den Gefal­le­nen zur Ehre, den Leben­den zum Vor­bild, den Kom­men­den zur Hoffnung.«

Eigent­lich müss­te da ste­hen: »Wir kön­nen sie nicht ehren, sie waren kei­ne Hel­den, son­dern arme Schwei­ne.« Oder: »Sie star­ben nicht für uns, son­dern für fal­sche Idea­le.« Nein, sie tau­gen nicht den Leben­den zum Vor­bild, und den Kom­men­den kön­nen sie als Mas­sa­krier­te, Erschos­se­ne, Ver­blu­te­te, im Laza­rett Kre­pier­te kei­ne Hoff­nung geben.

Der Begriff »gefal­len« hat sich zwar ein­ge­bür­gert, er ist aber, wie so vie­le Kriegs­vo­ka­beln, beschö­ni­gend. Da sind sie halt hin­ge­fal­len und kön­nen nun nicht mehr auf­ste­hen, weil »das Feld der Ehre« nie­man­den mehr her­gibt, der auf ihm ver­reckt ist. Ist es eine Hel­den­tat, wenn man aus dem (noch) siche­ren Schüt­zen­gra­ben her­aus die in der ande­ren Uni­form abknallt? Wie ehren­haft und süß ist der Griff zum Aus­lö­ser, um Bom­ben auf jene zu schmei­ßen, die – hier stimmt der Dop­pel­sinn – »am Boden sind«?

Eine ver­läss­li­che Sta­ti­stik, wie vie­le der in Deutsch­land Leben­den (man muss vor­sich­tig for­mu­lie­ren, wenn man Aus­sa­gen machen will) die Bun­des­wehr abschaf­fen möch­ten /​ Aus­lands­ein­sät­ze ver­bie­ten wür­den /​ jede Art Krieg­füh­rung obso­let fin­den, ist nicht zu fin­den. Gewiss, Aus­sa­gen wie die fol­gen­de gibt es heut­zu­ta­ge sel­te­ner. Doch das Netz ent­hält auch dies:

»Mei­ner Mei­nung nach wird ein Mili­tär immer gebraucht, denn du weißt nie, was die Zukunft bringt. Es könn­te plötz­lich im Nach­bar­land ein Faschist an die Macht kom­men, der nun auf einen klei­nen Erobe­rungs­feld­zug gehen möch­te (so abwe­gig das für Euro­pa auch ist), es könn­ten Bünd­nis­part­ner, die bis­her unse­re Ver­tei­di­gung mit ver­ant­wor­tet haben, weg­fal­len (seht euch die momen­ta­ne Situa­ti­on mit der NATO und den USA an), Russ­land könn­te völ­lig durch­dre­hen und tat­säch­lich einen Angriff star­ten, dann braucht die NATO/EU-Armee jeden Mann, den sie bekom­men kann (und es ist sehr wahr­schein­lich, dass die rus­si­sche Armee sehr schnell bis nach Deutsch­land vor­rücken würde) …«

Pikant ist, dass Faschi­sten (!) und ein »durch­dre­hen­des Russ­land« bemüht wer­den, um eine Gefahr für unser fried­li­ches, waf­fen­pro­du­zie­ren­des Deutsch­land zu beschwö­ren. Ich ver­mu­te wei­ter, dass der Satz »Es ist süß und ehren­voll, fürs Vater­land zu ster­ben« im latei­ni­schen Ori­gi­nal, nicht aber im iro­ni­schen Sin­ne des eng­li­schen Dich­ters Wilf­red Owen, der einen Gas­an­griff 1915 beschreibt, bei wei­ten Tei­len der deut­schen Bevöl­ke­rung 1914 Zustim­mung fand. Und man weiß auch nicht, wie vie­le heu­te in Deutsch­land Leben­de dem Satz »Isra­el muss ver­nich­tet wer­den« zustimmen.

Von den eini­gen tau­send Par­la­ments-Kan­di­da­ten, die alle paar Jah­re zur Bun­des­tags­wahl antre­ten, wird wohl kaum einer expli­zit mit­tei­len, dass er gewählt wer­den will, weil er für einen hel­den­haf­ten, ehren­vol­len Krieg, bei dem man süß stirbt, ein­tritt. Wenn aber im Bun­des­tag abge­stimmt wird, wer für einen ehren­vol­len, hel­den­haf­ten Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr ist – und hier kommt end­lich mal kei­ne Ver­mu­tung, son­dern es erschei­nen kla­re Zah­len – so sind 408 Abge­ord­ne­te für und 128 gegen einen Aus­lands­ein­satz. Ent­hal­ten haben sich 55 Abge­ord­ne­te und 117 sind zu Hau­se geblie­ben, was viel­leicht sogar die ver­nünf­tig­ste Kriegs­be­tei­li­gung ist: Stell dir vor, Deutsch­land macht Krieg und kei­ner geht hin.

 

Übri­gens: Costa Rica ver­bie­tet seit 1949 ein ste­hen­des Heer. Gre­na­da hat seit der USA-Inva­si­on von 1983 kei­ne Armee mehr. Pana­ma schaff­te 1990/​1994 sei­ne Armee ab.