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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lächeln und Lachen

Sind die ersten Kehl­lau­te nach der Geburt her­aus, die luft­ho­len­de und luft­aus­sto­ßen­de Begrü­ßung, erfolgt irgend­wann das Lächeln, jene allen Wesen innen­woh­nen­de wort- und wehr­lo­se Bit­te um Scho­nung, in ihrem nack­ten Aus­ge­lie­fert­sein ange­nom­men und gestillt zu werden.

Nicht sel­ten wer­den im Ver­lauf des Lebens mit dem Lächeln, als eine natür­li­che Geste und Gebär­de, die Zustän­de von Selig­keit und Ent­rückt­sein ver­bun­den. Doch liegt im Lächeln, die­ser mimi­schen Sprach­mög­lich­keit des Men­schen, weit mehr. Eine breit­ge­fä­cher­te Aus­drucks­fä­hig­keit, das Alpha­bet der Viel­deu­tig­kei­ten und Nuan­cie­run­gen, die schier uner­schöpf­lich sind. Das reicht von arg­lo­ser Freund­lich­keit bis zur lau­ern­den Bedrohung.

Das Lächeln der Sphinx, der Wür­ge­rin, lässt uns seit Jahr­tau­sen­den erschau­ern, und das der Mona Lisa gibt, seit es von Leo­nar­do da Vin­ci ins Bild gesetzt wur­de, Rät­sel auf. Das Lächeln hat, wie auch immer betrach­tet, etwas Schwe­ben­des, ein über allem Gesche­hen Ste­hen­des, von Anbe­ginn und bis­wei­len auch, wenn wir die Augen schließen.

Das angeb­lich andau­ern­de Home­ri­sche Geläch­ter, des­sen bin ich mir gewiss, hat sich längst aus­ge­lacht, doch wir lachen noch, weil es mensch­li­cher ist, so der römi­sche Phi­lo­soph Sene­ca, über das Leben zu lachen als zu klagen.

Durch eine zumeist inne­re Bewe­gung aus­ge­löst, ist das Lachen schwer zu kon­trol­lie­ren. Rein phy­sisch soll es einen mobi­li­sie­ren­den Effekt haben, soll gesund sein und mit­hin sogar the­ra­peu­tisch wir­ken, etwa als Lach­yo­ga. Die Sca­la des Lachens reicht vom herr­lich lau­ten und befreit aus sich her­aus Lachen bis zum stil­len in sich hin­ein, vom gluck­sen­den, keckern­den Lachen in allen Fär­bun­gen bis zum leich­ten, fast schwe­ben­den, sin­gen­den Lachen, auch dies in allen Abstu­fun­gen und Nuancen.

Dem Lachen, wie dem Wei­nen, geht zumeist eine inne­re Erschüt­te­rung vor­aus, der sich – ist sie ein­mal aus­ge­löst – kaum jemand erweh­ren kann. Gefähr­lich wird es, wenn es bis zum Lach­kol­ler geht, man sich nicht mehr ein­holt vor Lachen, die Adern schier zu plat­zen drohen.

Es liegt wahr­schein­lich eine Stö­rung vor, wenn jemand ganz und gar nicht lachen kann, dann klin­geln die sprich­wört­li­chen Alarm­glocken, und es soll­te ärzt­li­cher Rat ein­ge­holt wer­den. Aber wenn es sich dabei um einen Phi­lo­so­phen han­delt, wie Wil­helm Busch ihn in »Zu guter Letzt« sich erdich­tet hat, wird da wenig Hil­fe mög­lich sein. Es gip­felt das zum Lachen rei­zen­de Gedicht, zumin­dest aber zum Lächeln, in der Schluss­zei­le: »Ich bin für mich und lache nie.« Noch anders ver­hält es sich beim stoi­schen Gesichts­aus­druck des »Stone­face« Buster Keaton, der mit sei­nen Stumm­fil­men Lachen erzeug­te und selbst tod­ernst blieb.

Lachen war wahr­schein­lich schon zu Urzei­ten eine vor­sprach­li­che Geste, eine wenig arti­ku­lier­te Droh- und Über­le­gen­heits­ge­bär­de, frü­hes Wut-, Gier- oder Hass­la­chen, zäh­ne­flet­schen­des Abweh­ren und Dro­hen zugleich. Das klingt noch an, wenn vom »ent­waff­nen­den Lachen« die Rede ist.

Aus­brü­che von Lach­sal­ven, wenn eine völ­lig ent­hemm­te Grup­pe lachen­de Zusam­men­ge­hö­rig­keit demon­striert: Wehe den Ver­ein­zel­ten, die da nicht mit­la­chen kön­nen. Es kann unan­ge­nehm wer­den, wenn es auf­fällt, die Stim­mung urplötz­lich kippt und die Fra­ge laut wird: War­um haben die nicht gelacht? Unan­ge­nehm bis zum Tot­schlag kann es wer­den, wenn da ein uralter Film abläuft. Dem Unbe­ha­gen kam schon um 1900 der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Hen­ri Berg­son mit einer Anmer­kung zu sei­nem Werk »Le rire« auf die Spur, er streift es zwar nur, aber er öff­net den Raum in eine beun­ru­hi­gen­de Fragestellung.

»Irgend­et­was Angrif­fi­ges (und zwar ›spe­zi­fisch‹ Angrif­fi­ges) muss in der Ursa­che der Komik stecken, gewis­ser­ma­ßen der Ansatz zu einem Atten­tat auf das sozia­le Leben, wie anders lie­ße sich erklä­ren, dass die Gesell­schaft mit einer Geste ant­wor­tet, die mir ganz nach einer Abwehr­re­ak­ti­on aus­sieht – einer Geste, die ein wenig beängstigt?«

Ob Sene­ca noch gelacht hat, als Nero ihm im Jahr 65 (n. u. Z.) befoh­len hat, sich selbst zu töten? Es soll dem Stoi­ker erst nach meh­re­ren Ver­su­chen gelun­gen sein.