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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lockdownleben im Grenzgebiet

Als ich vor mehr als 25 Jah­ren nicht mehr gezwun­gen war, mei­ne Arbeits­kraft zu ver­kau­fen und der immer näher rücken­de »Ruhe­stand« mich zwang, eine Rest­le­bens­pla­nung vor­zu­neh­men, war ich fest ent­schlos­sen den Nie­der­rhein, der Namens­be­ginn beschreibt die dor­ti­ge Land­schaft wie auch die Ein­stel­lung der Bevöl­ke­rung, zu ver­las­sen und mir, gläu­bi­ger Euro­pä­er, der ich war, ein schö­ne­res Leben zu gön­nen. Bad Rei­chen­hall wur­de dann mein Haupt- und Salz­burg mein Zweit­wohn­sitz. Es war kein Pro­blem zwi­schen den bei­den Wohn­or­ten zu pen­deln, in diver­sen Gre­mi­en zu arbei­ten, die die jet­zi­ge Gesell­schafts­ord­nung für nicht akzep­ta­bel und radi­kal ver­än­de­rungs­wür­dig ansa­hen. Das Schen­ge­ner Abkom­men sorg­te für offe­ne Gren­zen. Kein Schlag­baum, kei­ne Grenz­kon­trol­le stör­te das Leben in den Grenz­ge­bie­ten zwi­schen Salz­burg und dem angren­zen­den Berch­tes­ga­de­ner Land.

Im Jahr 2010 gab es sogar einen »Master­plan Salz­burg«. Die »Inwert­set­zung der gesam­ten regio­na­len Kul­tur­land­schaft« soll­te rea­li­siert wer­den und »Schutz­ge­bie­te auf­grund ihrer land­schafts­räum­li­chen und kul­tur­land­schaft­li­chen Qua­li­tä­ten« zur tou­ri­sti­schen »Mar­ken­bil­dung« bei­tra­gen. Es hat sich eini­ges ent­wickelt in die­sem grenz­frei­en Land­strich. Plötz­lich, im März 2020 waren die Gren­zen geschlos­sen. An der Gren­ze zwi­schen Deutsch­land und Öster­reich war selbst der klein­ste Über­gang ver­rie­gelt und ver­ram­melt. »Halt Gren­ze« wur­de da mit­ge­teilt und: »Die Grenz­kon­trol­len sind auf­recht, die­ser Über­gang wird kontrolliert!«

Nach einem Jahr Lock­down dür­fen Bür­ge­rin und Bür­ger in die­sem Grenz­ge­biet sich immer noch der Wor­te des gro­ßen Viro­lo­gen und öster­rei­chi­schen Bun­des­kanz­lers Seba­sti­an Kurz ver­ge­gen­wär­ti­gen: »Das Virus kommt mit dem Auto.« Man durf­te des­halb nur mit einem nega­ti­ven PCR-Test in Öster­reich ein­rei­sen. War die­ser Test aus Bay­ern, dann gab es Qua­ran­tä­ne. Da der kosten­lo­se Schnell­test in Bay­ern noch immer nicht flä­chen­deckend ange­bo­ten wird, obwohl der Mini­ster­prä­si­dent fast jede sei­ner Reden mit »Gott schüt­ze Bay­ern« been­det, fin­det zwi­schen dem »Frei­staat« Bay­ern und dem Land Salz­burg ein äußerst erklä­rungs­be­dürf­ti­ger Grenz­ver­kehr statt. Wer zum Bei­spiel im Bezirk Pinz­gau wohnt, kann über das Deut­sche Eck nach Salz­burg fah­ren und pas­siert die Gren­ze meist pro­blem­los – ohne PCR-Schnell­test, ohne Qua­ran­tä­ne­an­dro­hung, ohne gro­ßen büro­kra­ti­schen Auf­wand. Wer »pen­delt« (weil er in Deutsch­land wohnt und in Öster­reich arbeitet/​lebt oder umge­kehrt), der braucht einen PCR-Schnell­test, der nega­tiv ist und nicht älter als 72 Stun­den, samt einem zwei­sei­tig aus­ge­füll­ten Doku­ment »Regi­strie­rung gemäß § 2a COVID-19-Ein­rei­seV«. Kommt man als »Gast«, gilt: »Ärzt­li­ches Zeug­nis oder Test­ergeb­nis liegt vor: Ich tre­te zusätz­lich unver­züg­lich eine zehn­tä­gi­ge selbst­über­wach­te Heim­qua­ran­tä­ne oder die Qua­ran­tä­ne in einer geeig­ne­ten Unter­kunft, deren Kosten ich selbst zu tra­gen habe, an und ver­las­se in die­sem Zeit­raum die Qua­ran­tä­neun­ter­kunft nicht. Ich kann frü­he­stens am fünf­ten Tag nach der Ein­rei­se einen mole­ku­lar­bio­lo­gi­schen Test auf SARS-CoV-2 oder Anti­gen-Test auf SARS-CoV-2 durch­füh­ren las­sen. Die kosten für einen Test auf SARS-CoV-2 sind selbst zu tra­gen. Liegt in nega­ti­ves Test­ergeb­nis vor, gilt die Qua­ran­tä­ne als vor­zei­tig been­det.« Hat man kein ärzt­li­ches Zeug­nis oder Test­ergeb­nis, gilt die glei­che Pro­ze­dur wie mit Zeug­nis und Test!

Der Amts­schim­mel wie­hert gewal­tig. Sprach­lich erin­nert das alles an jene Zei­ten, in denen die Prü­gel­stra­fe noch ein wich­ti­ges Werk­zeug der Päd­ago­gik war. In Öster­reich und wahr­schein­lich auch bald in Deutsch­land gibt es, rund um die Pan­de­mie und den Lock­down fei­ne neue Wort­schöp­fun­gen: »Frei­te­sten« oder »Fri­seur­zu­gangs­test«, bald wird es auch den »Film­zu­schau­test« geben und, wenn im Thea­ter Nestroys »Frei­heit in Kräh­win­kel« gespielt wird, den »Frei­heits­thea­ter­zu­gangs­test«. Natür­lich wird es auch für die Gläu­bi­gen den »Gro­ßerGott­wir­Lo­ben­Dich­Test« geben oder, für die über­aus sün­di­gen Kat­ho­len, den »Beicht­frei­heit­zu­gangs­test«. Ja, die Welt wird eine ande­re wer­den, und da wünscht man sich, vor allem in jenen Häu­sern wo bis­her die Demo­kra­tie prak­ti­ziert wur­de und wird, den »Herr­Lass­Hirn­reg­n­en­Test«.

Und die Phra­sen­dresch­ma­schi­ne läuft auf Hoch­tou­ren: »Wir müs­sen einen zweiten/​dritten/​vierten Lock­down ver­hin­dern.« »Es gibt ein Licht am Ende des Tun­nels.« »Wir sind gut durch die Kri­se gekom­men.« Ganz ohne Licht im Tun­nel fra­ge ich mich, wer eigent­lich mit »wir« gemeint ist.

Immer­hin: Im Land Salz­burg gibt es die Mög­lich­keit, sich, so oft man will, kosten­los testen zu las­sen – und das mit einem über­aus ein­fa­chen Pro­ze­de­re. Über das Por­tal »Salz­burg testet kosten­los« muss man eini­ge Daten ein­ge­ben, sucht sich einen Wunsch­ter­min und Test Ort aus bekommt als Bestä­ti­gung einen »Lauf­zet­tel« als Datei, den man aus­rucken kann. Am Test-Ort wird kurz die Iden­ti­tät über­prüft, der Test durch­ge­führt und sogar etwa anfal­len­de Park­ko­sten ersetzt. 15 Minu­ten spä­ter kann man sich über sei­ne E-Mail-Adres­se das Attest aus­drucken las­sen. Ich las­se mich seit Wochen min­de­stens ein­mal beim Mes­se­zen­trum in der Stadt Salz­burg testen. Das geht schnell, ohne War­te­zei­ten mit einem über­aus freund­li­chen Personal.

Es gibt aber auch ande­re Erfah­run­gen. Am 14.1.2021 habe ich mich bei Impf­por­tal der baye­ri­schen Lan­des­re­gie­rung ange­mel­det und bekam einen Account samt Pass­wort­schutz. Bis zum heu­ti­gen Tag teilt mir der Account mit: »Kein Impf­ter­min«. Also ent­schloss ich mich, das Land­rats­amt anzu­ru­fen. Es folgt ein O-Ton­ge­spräch in Buchbinder-Wanninger-Qualität:

»Tele­fon­zen­tra­le Land­rats­amt – Grüß Gott.«

»Mein Name ist …, ich bin 81 Jah­re alt und habe neben COPD wei­te­re Erkran­kun­gen. Ich habe am 14.1.2021 einen Impf­ter­mi­n­ac­count ein­ge­rich­tet, aber bis heu­te kei­nen Impf­ter­min zuge­wie­sen bekom­men. Ich möch­te nach gedul­dig­stem War­ten wis­sen, wann kann ich mit einem Impf­ter­min rech­nen, um mei­ne wei­te­re zukünf­ti­ge Lebens­pla­nung vorzunehmen.«

»Ich ver­bin­de Sie wei­ter – ich bin nicht zuständig.«

»XYZ-Abtei­lung 4711.«

»Mein Name ist …«

»Es tut mir sehr leid, Herr …, aber der Chef ist in Urlaub. Ich habe lei­der kei­ne Zugangs­be­rech­ti­gung zum Info­sy­stem, ich kann Ihnen kei­ne Aus­kunft geben.«

»Sind Sie, Herr XYZ, denn als Stell­ver­tre­ter des Chefs nicht zugangsberechtigt?«

»Tut mir leid, ich bin nicht der Abtei­lungs­lei­ter­stell­ver­tre­ter, ich bin hier nur Sach­be­ar­bei­ter und habe kei­nen Zugang.«

»Wo ist denn der Abtei­lungs­lei­ter­stell­ver­tre­ter? Herr XYZ

»Tut mir leid, der ist krank!«

Bei mei­nem letz­ten Besuch in Salz­burg im Schnell­test­zen­trum für Anti­gen-Test auf SARS-CoV-2 habe ich mei­ne Impf­ter­min­pro­blem­ge­schich­te erzählt. Mein­te einer der freund­li­chen Hel­fer: »No lossn eana bei uns in Öst­ar­reich impfn!«

»Wer außer den Poli­ti­kern, die sie bege­hen, beklagt die Dumm­hei­ten in der Poli­tik? Sind die Gescheit­hei­ten in der Poli­tik geschei­tert?« Das frag­te Karl Kraus vor lan­ger Zeit. Ant­wort: Ja!