Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mal was anderes

Die­ter Ski­ba ist, nun­ja, erkenn­bar unglück­lich. Der 80-Jäh­ri­ge hat sich die stei­ner­nen Stu­fen in dem sehr schö­nen Trep­pen­haus hin­auf­be­müht, auch wenn er den jüngst an der Außen­wand instal­lier­ten Lift hät­te neh­men kön­nen. Nein, er woll­te den Weg gehen, den er 22 Jah­re lang gegan­gen war. Doch nun ste­hen wir in der drit­ten Eta­ge vor einer ver­schlos­se­nen Tür. Auf dem Flur dahin­ter befand sich einst sein Arbeits­zim­mer. Dort stan­den sein Schreib­tisch und ein run­der für Bera­tun­gen, und aus dem Fen­ster schau­te man auf die Frei­en­wal­der Stra­ße, wel­che zur U-Haft­an­stalt des Mini­ste­ri­ums führ­te, dem Ski­ba von 1958 bis zu des­sen Ende dien­te. Jener Gebäu­de­kom­plex zur Lin­ken ist heu­te Gedenk­stät­te, bis zum Vor­jahr beherrscht von einem dik­ta­to­ri­schen Kna­ben, des­sen Namen ich ver­ges­sen habe. Er woll­te auch die­ses denk­mal­ge­schütz­te Haus sei­nem Des­in­for­ma­ti­on­s­im­pe­ri­um zuschla­gen, doch er bekam es nicht. Außer einer Ste­le auf dem Bür­ger­steig und den obli­ga­to­ri­schen Medi­en­be­rich­ten trug ihm sein Veits­tanz damals nichts ein.

Die Vil­la gelang­te zwar auf die Ber­li­ner Denk­mal­li­ste, stand aber seit den 1990er Jah­ren leer. Zwi­schen­zeit­lich brann­ten die umste­hen­den Werks­hal­len und Baracken nie­der und mach­ten das vier­ge­schos­si­ge Gebäu­de zum Soli­tär. 2015 erwar­ben eine Hand­voll Künst­ler und ein Archi­tekt, gebür­tig in Bonn, die Fast-Rui­ne in Ber­lin-Hohen­schön­hau­sen, um dar­aus ein Ate­lier- und Büro­haus zu machen. Vier Jah­re spä­ter prä­sen­tier­ten sie die bei­den ersten restau­rier­ten Eta­gen. Die Kunst­aus­stel­lung »Vil­la Hei­ke and other sto­ries« war vier Wochen­en­den lang von jeweils 15 bis 18 Uhr zu sehen, seit Mit­te März ist das Haus bis auf unbe­stimm­te Zeit für die Öffent­lich­keit wie­der verschlossen.

Auch Oberst­leut­nant a. D. Die­ter Ski­ba hat­te sich an einem Sams­tag auf den Weg gemacht, um sei­ne frü­he­re Wir­kungs­stät­te nach erfolg­ter Restau­rie­rung zu besich­ti­gen. »Das einst pracht­vol­le Wohn- und Geschäfts­haus in der Frei­en­wal­der Str. 17, das die DDR-Macht­ha­ber für ihre Zwecke miss­brauch­ten« – so liest man auf der Web­site der Gedenk­stät­te neben­an – lock­te nicht nur ihn: Ein Dut­zend Leu­te begehr­te Ein­lass. Gegen 15 Uhr erschien eine groß­ge­wach­se­ne jun­ge Frau mit blon­den Haa­ren und sperr­te die Pfor­te von außen auf. Die ziem­lich lan­ge Klin­gel­lei­ste war so blank wie die Brief­kä­sten dane­ben. Hier wohn­te und arbei­te­te erkenn­bar nie­mand. Noch niemand.

Das Vesti­bül mit kan­ne­lier­ten dori­schen Säu­len, Stuck­decke und Trep­pen­auf­gang ver­schlug einem nahe­zu den Atem. Ein Tem­pel. Gewal­tig und schlicht zugleich, stim­mig in Far­be und Pro­por­tio­nen. So schau­te es ver­mut­lich nicht ein­mal aus, als das Haus vorm Ersten Welt­krieg dem Bau­herrn über­ge­ben wur­de. Der hieß Richard Hei­ke und mach­te sein Geld mit Wurst- und Fleisch­ma­schi­nen. Ein armer Mann war das gewiss nicht, aber er schien wohl den Hals nicht voll­zu­krie­gen, denn wäh­rend der Nazi­zeit ließ Hei­ke auch Zwangs­ar­bei­ter für sich schuf­ten, wes­halb Rot­ar­mi­sten, als sie 1945 Ber­lin und ihre depor­tier­ten Lands­leu­te befrei­ten, wütend den 80-jäh­ri­gen Fabri­kan­ten vor sei­nem Haus exe­ku­tier­ten. Hei­ke hat­te bereits im Novem­ber 1940 um die Ecke, in der Gens­ler­stra­ße 66, Baracken für etwa hun­dert »Ost­ar­bei­ter« errich­ten las­sen, die Gewehr­kol­ben für die Wehr­macht fertigten.

Über weni­ge Stu­fen gelang­ten Ski­ba und die ande­ren Besu­cher in die licht­durch­flu­te­ten Räu­me im Hoch­par­terre, wo Kunst­wer­ke wie etwa zwei Stahl­roh­re, vier Meter acht­zig und drei Meter acht­zig lang, zu sehen waren. Es han­del­te sich, wie auf einem aus­lie­gen­den Blatt stand, um den Fah­nen­mast vorm Cen­trum-Waren­haus am Ost­bahn­hof, beti­telt: »It is bet­ter to live in a sta­te of imper­ma­nence than in one of final­ty, 1978-2018«, was soviel heißt, es sei bes­ser in einem Zustand der Ver­gäng­lich­keit zu leben als in einem der End­gül­tig­keit. Die­ter Ski­ba hielt sich nicht mit der Exege­se auf, son­dern erklär­te, dass zu sei­ner Zeit sich hier der Lese­raum befun­den habe, wo – ent­ge­gen heu­ti­gen Behaup­tun­gen – Wis­sen­schaft­ler, Juri­sten und Jour­na­li­sten die angeb­lich von der Sta­si ver­steck­ten und geheim gehal­te­nen Akten offen und öffent­lich stu­dier­ten. Dort, wo die bei­den Fah­nen­stan­gen waa­ge­recht an einem ver­zink­ten Wand­re­gal hin­gen, war die Doku­men­ten­aus­ga­be, sag­te Ski­ba und eil­te neu­gie­rig wei­ter in die näch­sten hel­len Räume.

Die Aus­stel­lung mit zwan­zig Objek­ten und Instal­la­tio­nen schien impro­vi­siert und unfer­tig wie das gan­ze Haus. Als laste­te auf den Eigen­tü­mern und Betrei­bern der Druck, etwas vor­wei­sen zu müs­sen, und sei es auch nur tem­po­rär. Egal, die gelei­ste­te Arbeit (und die heißt im Kapi­ta­lis­mus Kapi­tal) war soli­de, die Inve­sti­ti­on des Vor­zei­gens wert. Das sah auch Ski­ba so …

Nur dass er jetzt wegen der ver­sperr­ten Tür im drit­ten Geschoss nicht wei­ter­kommt wie schon im Kel­ler, der sich über zwei Eta­gen erstreckt, betrübt ihn sicht­lich. Zu gern wür­de er den Raum sehen, in wel­chem er vor drei­ßig Jah­ren als Chef der Haupt­ver­wal­tung IX/​11 saß und somit Haus­herr war in der »Vil­la des Grau­ens« (Ber­li­ner Kurier am 6. Sep­tem­ber 2016).

Sarie Nij­bo­er reagiert auf Ski­bas Bit­te freund­lich mit hol­län­di­schem Akzent, sie habe nur den Schlüs­sel für die Ein­gangs­tür. Die Mit­ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung lie­ße Ski­ba gern in sein ehe­ma­li­ges Büro ein, was ich ihr gern abneh­me, denn als der ihr näm­lich sei­ne frü­he­re Tätig­keit und sei­ne per­sön­li­che Bezie­hung zum Haus offen­bart, zeigt sie sich stär­ker inter­es­siert, als es die Höf­lich­keit gebie­tet. Wenn wie­der ein­mal Tag der offe­nen Tür sei, wür­de sie ihn gern begrü­ßen und den Raum zei­gen. Wann die­ser Tag sein wer­de, wis­se sie aber nicht.

An ihrer Hal­tung spürt Ski­ba, dass die – auch auf dem Info-Blatt zur Aus­stel­lung – kol­por­tier­te The­se von der »Sta­si, die in der Vil­la ihr gehei­mes NS-Archiv lager­te«, kei­ne erschöp­fen­de Aus­kunft auf die Fra­ge bie­tet, womit das hal­be Hun­dert Men­schen, wel­ches hier bis 1989 unter sei­ner Lei­tung tätig war, sich kon­kret beschäf­tig­te. Und was sich vor 1945 zutrug, wird auf die­se Wei­se eben­falls tap­fer ver­schwie­gen (es muss doch Grün­de gege­ben haben, wes­halb damals die Rus­sen bis Ber­lin mar­schier­ten). Auf der Ste­le vorm Haus macht man zwei­spra­chig ledig­lich den Pas­san­ten publik: »In dem ehe­ma­li­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Maschi­nen­fa­brik Richard Hei­ke, Frei­en­wal­der Stra­ße 17, befand sich nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs eine Ver­hör­zen­tra­le der sowje­ti­schen Geheim­po­li­zei. Auf dem angren­zen­den Werks­ge­län­de, Frei­en­wal­der Stra­ße 17-19, unter­hielt sie bis 1948 ein Haft­ar­beits­la­ger. In bei­den Ein­rich­tun­gen kam es zu Miss­hand­lun­gen der Gefan­ge­nen. Anfang der 1950er Jah­re rich­te­te das Mini­ste­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) hier sei­ne Haupt­ver­wal­tung Per­so­nen­schutz für die Par­tei- und Staats­füh­rung der DDR ein. Spä­ter unter­hielt es in dem Haus ein zen­tra­les Geheim­ar­chiv für per­so­nen­be­zo­ge­ne Unter­la­gen aus der Zeit der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Dik­ta­tur. Eine eigen­stän­di­ge Dienst­ein­heit des MfS ermit­tel­te bis 1989 Anga­ben über NS- und Kriegs­ver­bre­cher sowie NS-bela­ste­te Per­so­nen. Sie stell­te kom­pro­mit­tie­ren­de Mate­ria­li­en zur Pro­pa­gan­da gegen Poli­ti­ker und Beam­te der Bun­des­re­pu­blik zusam­men. Im benach­bar­ten Back­stein­ge­bäu­de in der Frei­en­wal­der Stra­ße 16 befand sich bis 1951 die Sowje­ti­sche Kom­man­dan­tur, spä­ter der Sitz des MfS-Wach­kom­man­dos für das Sperrgebiet.«

Mal abge­se­hen von Dik­ti­on und Dem­ago­gie empört vor allem die däm­li­che Behaup­tung, die Akten sei­en ein­zig zu dem Zweck gehü­tet und durch­for­stet wor­den, um »kom­pro­mit­tie­ren­de Mate­ria­li­en zur Pro­pa­gan­da gegen Poli­ti­ker und Beam­te der Bun­des­re­pu­blik« zusammenzustellen.

Hier wur­de aktiv und inten­siv recher­chiert. Zwi­schen 1945 und 1990, das scheint inzwi­schen völ­lig ver­ges­sen, wur­den im Osten Deutsch­lands 12.890 Per­so­nen wegen Nazi- und Kriegs­ver­bre­chen ver­ur­teilt – fast dop­pelt so vie­le wie in den west­li­chen Zonen bezie­hungs­wei­se der alten Bun­des­re­pu­blik. Und das, obwohl dort mehr als drei Mal so vie­le Men­schen leb­ten und sich ohne­hin ein Groß­teil der Täter in den Westen abge­setzt hat­te. Die­ter Ski­ba leg­te 2016 – gemein­sam mit Rei­ner Sten­zel – eine viel beach­te­te Publi­ka­ti­on über Ermitt­lungs- und Gerichts­ver­fah­ren in der DDR gegen Nazi- und Kriegs­ver­bre­cher vor und erfuhr dabei zustim­men­de Beglei­tung durch Chri­stia­an Fre­de­rik Rüter von der Uni­ver­si­tät Amster­dam. Der beschäf­tigt sich seit den 1960er Jah­ren mit den in Nach­kriegs­deutsch­land absol­vier­ten Straf­pro­zes­sen zu faschi­sti­schen Tötungs­ver­bre­chen; inzwi­schen lie­gen fünf­zig Bän­de vor, vier­zehn (plus Regi­ster­band) zu Ver­fah­ren in Ost­deutsch­land bezie­hungs­wei­se der DDR. Glei­cher­ma­ßen selbst­kri­tisch wie selbst­be­wusst bekann­te Ski­ba im Vor­wort sei­nes Buches: »Die DDR und ihre Justiz- und Sicher­heits­or­ga­ne waren nicht frei von Irr­tü­mern und Fehl­ent­schei­dun­gen. Und das war durch­aus auch im Umgang mit ehe­ma­li­gen Nazi-Eli­ten sowie in Sachen straf­recht­li­cher Ahn­dung von Nazi- und Kriegs­ver­bre­chen nicht aus­zu­schlie­ßen. Den­noch bleibt: Das im Osten und in der DDR auf dem Gebiet der Ahn­dung von faschi­sti­schen System­ver­bre­chen Gelei­ste­te kann sich im inter­na­tio­na­len Ver­gleich sehen las­sen. Es war völ­ker­recht­lich gebo­ten und lag im natio­na­len Inter­es­se der­je­ni­gen, die sich dem fried­li­chen Zusam­men­le­ben der Völ­ker ver­pflich­tet fühl­ten. Ihnen war und ist kon­se­quen­ter Anti­fa­schis­mus eine Herzensangelegenheit.«

Wer dies als »Pro­pa­gan­da« bana­li­siert und dis­kre­di­tiert und über Häu­ser, in denen kon­se­quen­te anti­fa­schi­sti­sche Auf­klä­rungs­ar­beit gelei­stet wur­de, den Unsinn ver­brei­tet, sie sei­en »miss­braucht« wor­den, muss sich nicht wun­dern, wenn brau­ne Rat­ten­fän­ger inzwi­schen mit eige­nen Frak­tio­nen in deut­schen Par­la­men­ten sit­zen. Das aber nur nebenbei.

Die­ter Ski­ba ver­lässt trotz­dem befrie­digt die »Vil­la Hei­ke«. Inzwi­schen ist man bereits dank­bar, wenn ehe­ma­li­ge Dienst­stel­len einem ande­ren Zweck die­nen als der Denun­zia­ti­on und der Kri­mi­na­li­sie­rung der DDR. Den­noch wäre es für künf­ti­ge Besu­cher des Hau­ses hilf­reich, wenn der Geni­us loci und die »Authen­ti­zi­tät von Erin­ne­rungs­kul­tur und von Rele­vanz« (Info-Blatt Vil­la Hei­ke) nicht nur mit Kunst­wer­ken, son­dern auch ver­bal und vor­ur­teils­frei ver­mit­telt wür­den. Da wir im Zeit­al­ter der Ver­gäng­lich­keit leben, wie der Künst­ler Chri­stof Zwie­ner mit sei­ner Fah­nen­stan­ge zeig­te, kön­nen wir jedoch begrün­det auch auf die End­lich­keit solch kru­der Ste­len-Mit­tei­lun­gen aus der Zeit des Kal­ten Krie­ges hoffen.