Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Maria Grollmuß – »die Volksfront in Person«

Sie hat­te einen kri­stall­kla­ren Kopf, ein bren­nen­des Herz und die unge­schick­te­sten Hän­de der Welt. Ohne die Soli­da­ri­tät ihrer Kame­ra­din­nen hät­te sie im KZ Ravens­brück kei­ne zehn Tage über­lebt. Zum Appell tru­gen sie ihr Jacke und Kopf­tuch nach. In den Arbeits­kom­man­dos – Stra­ßen­bau, Acker, Wehr­machts­socken­stricken im Akkord – über­nah­men sie die Arbeit, die sie nicht schaff­te. Sie dank­te auf ihre Wei­se. Sie schar­te die Frau­en um sich und war ihnen eine leben­de Volks­hoch­schu­le. Sie lehr­te Geschich­te, Lite­ra­tur, Poli­tik. Das war ihr Bei­trag zum Über­le­ben: in den geschun­de­nen Kör­pern den Geist wach zu hal­ten. Sie starb ein Drei­vier­tel­jahr vor der Befrei­ung, am 6. August 1944, noch nicht ein­mal 50 Jah­re alt.

Sie hieß Maria Groll­muß oder Mar­ja Gról­mus­ec und war Sor­bin. Nicht weni­ger aber war sie Inter­na­tio­na­li­stin. Ihre pol­ni­schen, tsche­chi­schen, fran­zö­si­schen Ravens­brücker Kame­ra­din­nen, unter ihnen Geneviè­ve de Gaul­le, haben es bezeugt.

Ihr Vater, Sohn armer Leu­te aus Radi­bor, war Direk­tor der 1. Katho­li­schen Bür­ger­schu­le in Leip­zig. Dass sei­ne Toch­ter Leh­re­rin wur­de, war er bereit zu akzep­tie­ren. Ihr Stu­di­um in Leip­zig und Ber­lin, Geschich­te und Roma­ni­stik, muss­te sie sich erkämp­fen. Die Aberken­nung des Dok­tor­ti­tels durch die Nazis traf sie hart.

Ihr poli­ti­sches Schlüs­sel­er­leb­nis: die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on. »Ich war soeben bewußt Sozia­li­stin gewor­den«, schreibt sie ins Tage­buch. Ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment beginnt – bei katho­li­scher Her­kunft logisch – im Wind­thorst­bund, der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der Zen­trums­par­tei. Sie lernt Joseph Wirth ken­nen, 1921-22 Reichs­kanz­ler der Wei­ma­rer Repu­blik, Archi­tekt des Rapall­over­tra­ges mit der Sowjet­uni­on, von sei­nen Geg­nern »der rote Wirth« geschimpft, und arbei­tet für ihn. In Leip­zig ist sie Mit­be­grün­de­rin des Sozia­li­sti­schen Stu­den­ten­bun­des und der sor­bi­schen Stu­den­tin­nen­ver­ei­ni­gung »Wita«. In Frank­furt am Main pro­fi­liert sie sich als poli­ti­sche Jour­na­li­stin. In die­se Zeit fal­len ihre Schrif­ten »Die Frau und die jun­ge Demo­kra­tie« (1925) und »Über die weib­li­che Form in der Poli­tik« (1926). Sie for­mu­liert dar­in nichts Gerin­ge­res als den Ansatz zu einem ganz­heit­li­chen, femi­ni­sti­schen Politikverständnis:

»Die Frau ist Pro­le­ta­ri­er in der Kul­tur der Gegen­wart. […] Das Wesen der Gegen­warts­kul­tur ist Dif­fe­ren­zie­rung und Sach­lich­keit. Durch die­se wird die Ganz­heit des Lebens in ein Neben­ein­an­der von Sachen ver­wan­delt. Das Wesen der Frau aber ist Tota­li­tät.« Als posi­ti­ve Pro­vo­ka­ti­on folgt das Bon­mot: »Die Frau ist unsachlich.«

Mari­as Bezugs­per­so­nen sind ihre Firm­pa­tin, Jean­ne d´Arc, Katha­ri­na von Sie­na, die Poli­ti­ke­rin unter den Hei­li­gen, und Rosa Luxemburg.

Andert­halb Jah­re ist sie Mit­glied der SPD, nach dem »Blut­mai« 1929 tritt sie aus. Sie lebt, zeit­wei­lig arbeits­los, inzwi­schen in Ber­lin, hat aber immer auch einen Fuß im sor­bi­schen Radi­bor. Aus der KPD wird sie nach einem Drei­vier­tel­jahr aus­ge­schlos­sen. Die Par­tei plant die Grün­dung einer sepa­ra­ten Gewerk­schaft, das ist mit der enga­gier­ten Gewerk­schaf­te­rin Maria Groll­muß nicht zu machen; spä­ter wird Wal­ter Ulb­richt es einen Haupt­feh­ler jener Jah­re nen­nen. Maria lei­det sehr unter dem Aus­schluss. Man­gels Alter­na­ti­ven wech­selt sie zur KPO (Kom­mu­ni­sti­sche Partei/​Opposition). 1932 rückt die SAP (Sozia­li­sti­sche Arbei­ter­par­tei) in ihr Blick­feld. Bei den Wah­len 1932 ist sie SAP-Reichs­tags­kan­di­da­tin. Die SAP ist eine Grün­dung jun­ger Akti­vi­sten mit der Visi­on, zwi­schen den Appa­ra­ten von SPD und KPD bele­ben­de Brücke zu sein; füh­ren­der Kopf in Sach­sen ist Max Sey­de­witz, im Nor­den Her­bert Frahm, der spä­ter Wil­ly Brandt hei­ßen wird. Nach der Macht­er­grei­fung der Faschi­sten geht Sey­de­witz nach Prag und wird wie­der Sozi­al­de­mo­krat; Maria Groll­muß geht in die Ille­ga­li­tät und arbei­tet in der Grup­pe »Revo­lu­tio­nä­re Sozia­li­sten Deutsch­lands«. Für die Roten Blät­ter der Grup­pe schreibt sie ihren letz­ten Arti­kel »Die neue revo­lu­tio­nä­re Hal­tung«. Der Kernsatz:

»Es genügt nicht, die Revo­lu­ti­on zu beja­hen, man muß sie durch­füh­ren, zum Sie­ge führen.«

Maria belässt es nicht bei mit­rei­ßen­den Wor­ten. Sie macht Basis­ar­beit: als Kurie­rin; als Flucht­hel­fe­rin (ihr Husa­ren­stück: die drei Sey­de­witz-Söh­ne durchs Alten­ber­ger Hoch­moor über die tsche­chi­sche Gren­ze zu brin­gen); als Für­sor­ge­rin, Geld sam­melnd für Fami­li­en Ver­folg­ter. Sie hilft jedem, der Hil­fe braucht, ob Sozia­list, ob Christ. Sie arbei­tet mit dem kom­mu­ni­sti­schen Wider­stands­kämp­fer Paul Neck (Pawoł Njek) in Baut­zen genau­so eng zusam­men wie mit dem Bischof von Mei­ßen. Ruth Sey­de­witz nennt sie »die Volks­front in Per­son«. 1934 wird sie ver­haf­tet, 1935 zu sechs Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, danach ver­sucht die Gesta­po sie anzu­wer­ben – andern­falls KZ. Maria ent­schei­det sich für das KZ.

In den Brie­fen aus Zucht­haus und KZ an ihre Schwe­ster Cäci­lia ist von Poli­tik kei­ne Rede mehr (wen wundert´s, sol­che Brie­fe gehen durch die Zen­sur). Umso nach­drück­li­cher schreibt Maria vom Glau­ben. Weil er ihr, die sich von der Insti­tu­ti­on Kir­che längst ver­ab­schie­det hat, hilft, in der Zel­le und im Lager nicht zu zer­bre­chen? Weil sie die Schwe­ster drau­ßen vor dem Zer­bre­chen bewah­ren will? Mari­as reli­giö­ser Hori­zont sprengt alle dog­ma­ti­schen Gren­zen. In einem Gedicht ernennt sie die grie­chi­schen Göt­tin­nen Athe­ne und Aphro­di­te zu Ahn­frau­en der Jung­frau Maria. Ihre Oster- und Pfingst­vi­sio­nen sind voll Ver­ach­tung für from­me Inner­lich­keit (»ach wie klein und fei­ge und spie­ßig sind doch die­se West­ler, bei denen es nicht wei­ter­reicht als bis zu dem klei­nen Men­schen­an­ge­sicht der See­le«); sie sind Visio­nen von einem neu­en »Ange­sicht der Erde«, Visio­nen von der Ver­än­de­rung der Welt. Eini­ge Jahr­zehn­te nach Mari­as Tod wer­den die revo­lu­tio­nä­ren Theo­lo­gen der Befrei­ung dies neu for­mu­lie­ren. Papst Woj­ty­ła wird sie dafür aufs Haupt schlagen.

»Ich träu­me davon, die katho­li­sche Lin­ke und die sozia­li­sti­sche Lin­ke zu ver­söh­nen«, ver­traut Maria noch kurz vor ihrem Tod einer Häft­lings­ka­me­ra­din an. »Ver­söh­nen«, gar »Ver­söhn­ler­tum« sind im poli­ti­schen Voka­bu­lar schwer nega­ti­ve Wor­te. Für die Anti­fa­schi­stin Maria Groll­muß heißt ver­söh­nen ganz ein­fach: zusam­men­ar­bei­ten. Am 6. August geden­ken wir ihres 75. Todestags.