Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Missbrauch des Widerstands

Vor 77 Jah­ren, am 20. Juli 1944, haben Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg und sei­ne Mit­strei­ter ver­sucht, Hit­ler mit einem Bom­ben­at­ten­tat zu töten und das NS-Regime zu stür­zen. Die Wider­stands­kämp­fer schei­ter­ten und wur­den hin­ge­rich­tet. Heu­te wol­len sich quer­den­ken­de Men­schen den Sta­tus eines Wider­stand­kämp­fers anhef­ten. Eine gräss­li­che­re und beschä­men­de­re Ver­harm­lo­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist kaum denkbar.

Wir erin­nern uns: Im Novem­ber letz­ten Jah­res bevöl­ker­ten an Wochen­en­den Tau­sen­de von Quer­den­kern die Innen­städ­te des Lan­des. Es waren Leu­te zu sehen, die sich Juden­ster­ne an ihre modi­schen Ano­raks hef­te­ten, auf denen »Unge­impft« oder »Jesund« stand. Dau­er­em­pör­te »Kämp­fer der Frei­heit« bean­spruch­ten, Opfer zu sein. Sie fühl­ten sich vom Staat regle­men­tiert und ver­folgt. Dabei hat­ten sie mit kei­ner­lei staat­li­cher Repres­si­on zu rech­nen. Sie ent­blö­de­ten sich nicht, sich als die wah­ren Erben, als Kämp­fer der Frei­heit gegen »Dik­ta­tur und Faschis­mus« aus­zu­ge­ben. Sie skan­dier­ten »Nie wie­der!« und »Weh­ret den Anfän­gen!«. So zog die bun­te Quer­front-Polo­nai­se, voll­ends von jeder Ratio­na­li­tät befreit, unter den Rufen von »Wir sind frei, Coro­na ist vor­bei!« durch die Zen­tren der Städ­te. Volks­fe­ste des kol­lek­ti­ven Wahns.

In Han­no­ver ver­glich sich eine jun­ge Frau auf einem »Wider­stands-Festi­val« mit der von den Nazis ermor­de­ten Sophie Scholl. »Ich füh­le mich wie Sophie Scholl, da ich seit Mona­ten hier aktiv im Wider­stand bin«, ver­kün­de­te sie unter dem Bei­fall der Quer­den­ker-Gemein­de. Das war sogar der New York Times einen Bei­trag wert. Im Arti­kel hieß es, die Rede der jun­gen Frau sei das »jüng­ste Bei­spiel« von Anti-Coro­na-Demon­stran­ten und Ver­schwö­rungs-Erzäh­lern, die ihren Pro­test mit der Unter­drückung und Ermor­dung der Juden durch die Nazis gleich­setz­ten. Man fühl­te sich in Zei­ten zurück­ver­setzt, als sich der nazi-kon­ta­mi­nier­te Hit­ler-Durch­schnitts­deut­sche gern selbst als Nazi-Geg­ner und Wider­stands-Kämp­fer ein­ge­stuft sehen woll­te. Nun woll­ten aller­lei quer­den­ken­de Men­schen sich selbst den Sta­tus eines Wider­stand­kämp­fers anhef­ten. Eine bizar­re Wahr­neh­mung der Wirklichkeit.

Bei einer Ver­an­stal­tung erin­ner­te Bun­des­ar­beits­mi­ni­ster Hubert Heil in der Gedenk­stät­te Ber­lin-Plöt­zen­see an den Wider­stand vom 20. Juli. Vor 77 Jah­ren. Der SPD-Poli­ti­ker hat­te eine wich­ti­ge Bot­schaft: »Der Miss­brauch des Wider­stands gehört längst zum geschmack- und geschichts­lo­sen Nar­ra­tiv eines bestimm­ten poli­ti­schen Milieus in Deutschland.«

Nicht allein ver­schwö­rungs-beweg­te Quer­den­ker sind damit gemeint. Spä­te­stens seit dem Ein­zug in Lan­des­par­la­men­te und den Bun­des­tag hat das Rechts-Milieu eine par­la­men­ta­ri­sche Büh­ne und ein öffent­lich­keits­wirk­sa­mes Podi­um, auf dem kal­ku­lier­te Tabu-Brü­che und geziel­te Pro­vo­ka­tio­nen – etwa Björn Höckes Gere­de von einer »erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Wen­de um 180 Grad« oder Alex­an­der Gau­lands »Vogelschiss«-Verharmlosung der Nazi-Dik­ta­tur – regel­mä­ßig und absichts­voll erfol­gen. Die Ver­wen­dung des Begrif­fes »Wider­stand« gehört dabei zum rhe­to­ri­schen Arse­nal: gegen die »Mer­kel-Dik­ta­tur«, gegen die »Lügen­pres­se«, gegen die »Alt-Par­tei­en«.

Was geht da vor, wenn sich Ewig-Gest­ri­ge und Ver­blö­det-Heu­ti­ge – bei­de frei von jeg­li­cher histo­ri­schen Bil­dung – als Demo­kra­tie-Ret­ter und Wider­stands-Kämp­fer auf­spie­len? Histo­ri­sche Demenz, Igno­ranz oder böse Absicht? Wohl eine trü­be Melan­ge aus allem. Wir soll­ten den Miss­brauch des Wider­stand-Begriffs nicht zulas­sen. Nicht bei geschichts­lo­sen Ver­glei­chen im Zusam­men­hang mit dem Wider­stand gegen die Nazi-Dik­ta­tur, aber – ganz aktu­ell! – auch nicht, etwa mit Blick auf die muti­gen Bür­ger in Bela­rus oder anders­wo, die gegen Men­schen­rechts­ver­let­zung, Wahl­fäl­schung und Kor­rup­ti­on, trotz Poli­zeiter­ror und dro­hen­der Ver­haf­tung, unter Ein­satz ihres Lebens auf die Stra­ße gehen.