Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mit der Schärfe der Lakonier

Wenn die Spra­che der Poli­tik meta­pho­risch wird, fällt die nüch­ter­ne einer Dich­te­rin auf: »was­ser gur­geln blut und lehm«. Und über die­se Was­ser füh­ren Brücken. Die Schwe­ri­ner Autorin Jut­ta Schlott hat einen neu­en Gedicht­band ver­öf­fent­licht, »Tigris­brücken«, und kommt in ihm ohne Geni­tiv­me­ta­phern, Neo­lo­gis­men und Wort­wit­ze aus. Sie bedient sich der All­tags­spra­che, und zwar der­art lako­nisch und kunst­voll, dass die legen­dä­re Schär­fe der anti­ken Lako­nier in den Gedich­ten zum Gestal­tungs­mit­tel wird. Ver­se wie »ach flie­gen /​ ach absturz /​ mein letz­tes ver­gnü­gen« sind dazu ange­tan, dem Lesen­den in die See­le zu schnei­den, nicht min­der wie jene, die das Heim­weh aus Russ­land ein­ge­wan­der­ter Deut­scher beschrei­ben: »Was weinst du /​ die Kin­der machen Abitur /​ Alle wer­den satt.«

Im Unter­ti­tel ihres Ban­des spricht Jut­ta Schlott von »Ver­misch­ten Gedich­ten«. Das ist das Ein­zi­ge, was man an dem Buch nicht ernst neh­men muss. Schlott hat die Gedich­te nicht ver­mischt. Sie hat sie nur nach Ent­ste­hungs­zeit chro­no­lo­gisch geord­net. Was den Gewinn beim Lesen ver­mehrt. Denn so las­sen sich auch the­ma­ti­sche Kon­stan­ten und for­ma­le Ent­wick­lun­gen beob­ach­ten. Natur und Lie­be und der ernüch­tern­de Blick hin­ter die Fas­sa­den sind der Autorin lebens­lang The­ma. Dabei ver­grö­ßert sich im Lau­fe der Jah­re das Arse­nal ihrer Kunst­mit­tel. Schmerz, in frü­he­ren Gedich­ten noch aus­ge­spro­chen – »es ver­geht kein stund in der nacht /​ ich hab mein traum geschlacht« –, steht in spä­te­ren eher zwi­schen den Zei­len. Die Welt­sicht ändert sich nicht im Grund­sätz­li­chen. Sie bleibt lebens­be­ja­hend. Aber eine spöt­ti­sche Melan­cho­lie nimmt zu. Und eben­falls zu nimmt der Asso­zia­ti­ons­raum der Ver­se. In das Gedicht »Resu­meé« zum Bei­spiel sind Zita­te ein­ge­wo­ben, die man auf den ersten Blick schon erkennt. Den Satz: »Franz heißt die Kanail­le.« Den Namen »Lin­ker­hand«. Die Bezeich­nung »Nacht der lan­gen Mes­ser«, die an ein Stück Hei­ner Mül­lers erin­nert. Das Gedicht ist dem Thea­ter-Regis­seur Chri­stoph Schroth gewid­met. Der Reich­tum an Kon­no­ta­tio­nen und die Grö­ße des Asso­zia­ti­ons­raums zeigt sich in den bei­den Schluss­ver­sen, von denen der letz­te ein­sil­big ist: »Die schö­nen Tage sind nur ein Gleich­nis /​ Ach«. Und es zeigt sich auch erst auf den zwei­ten Blick, denn der eine Vers setzt sich aus zwei Zita­ten zusam­men. Schil­lers Kla­ge »Die schö­nen Tage von Aran­ju­ez sind nun zuen­de« ver­bin­det sich mit Goe­thes Ein­sicht »Alles Ver­gäng­li­che ist nur ein Gleich­nis.« Auf Kla­ge folgt Ein­sicht, auf ein Gedicht über Kunst und Künst­ler ein Ach.

Die Gra­phi­ken zu dem Gedicht­band schuf Chri­sti­ne Stäps. Die Kom­po­si­ti­on des Ban­des ähnelt übri­gens anti­ker Pra­xis: Auf die Tra­gö­die folgt das Satyr­spiel. Wer beim letz­ten Gedicht der »Tigris­brücken« nicht lächelt, dem ist nicht zu helfen.

Jut­ta Schlott: »Tigris­brücken. Ver­misch­te Gedich­te«, Wie­sen­burg Ver­lag, 55 Sei­ten, 8,50 €