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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mit offenen Augen

Die Erkennt­nis ist nicht neu: Der Mensch soll­te genü­gend Bewe­gung haben. Um dem eini­ger­ma­ßen gerecht zu wer­den, unter­neh­me ich ab und an mit mei­ner Frau in der Umge­bung unse­res Wohn­ge­biets am West­rand unse­rer lang­jäh­ri­gen Wahl­hei­mat­stadt Spa­zier­gän­ge in Wald und Flur. Wir erfreu­en uns – je nach Jah­res­zeit – an Bewuchs und Vogel­ge­sang und begeg­nen ab und an auch Bekann­ten. Lei­der wer­den unse­re Aus­flü­ge seit län­ge­rem durch den Anblick von Müll und Unrat getrübt, den Zeit­ge­nos­sen acht­los am Feld­rand oder gar im Wald abla­gern. Die Palet­te des­sen, was ent­sorgt wird, ist groß und reicht von gewöhn­li­chem Haus­müll über alte Auto­rei­fen bis hin zu defek­ten Elek­tro­ge­rä­ten. Immer wie­der fra­gen wir uns aufs Neue, war­um jemand so etwas tut und damit nicht nur für einen unschö­nen Anblick sorgt, son­dern oft auch die Umwelt gefähr­det. Vie­les von dem, was dort liegt, kann kosten­frei auf einem Wert­stoff­hof abge­ge­ben wer­den. Wer sich mit sei­nem Müll auf den Weg in den Wald macht, könn­te die­sen getrost auch dort­hin trans­por­tie­ren. Natür­lich haben wir auf unse­ren Spa­zier­gän­gen nie jeman­den »auf fri­scher Tat« ertappt. Den­noch hat uns die Fra­ge beschäf­tigt, wie wir uns ver­hal­ten wür­den, wenn wir auf einen sol­chen Sün­der sto­ßen. Genüg­ten ein Anspre­chen und der Hin­weis auf sein letzt­lich auch rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten? Und wie geht der Betref­fen­de mit die­ser Situa­ti­on um? Zeigt er sich ein­sich­tig oder reagiert er aggres­siv? In die­sen Zei­ten scheint alles möglich.

Lei­der muss ich seit vie­len Jah­ren von Berufs wegen immer wie­der erle­ben, wie auch klei­ne Anläs­se dazu füh­ren, dass sich Betei­lig­te spä­ter vor einem Rich­ter ver­ant­wor­ten müs­sen, weil sie falsch mit der Situa­ti­on umge­gan­gen sind.

Mich erin­ner­te die theo­re­ti­sche Erör­te­rung mit mei­ner Frau an ein Ereig­nis aus mei­ner vor­pu­ber­tä­ren Zeit in mei­ner klei­nen Geburts­stadt in der Nähe der Luther­stadt Wit­ten­berg. Zusam­men mit einem gleich­alt­ri­gen Schul­freund war ich mit dem Fahr­rad unter­wegs, und wir hat­ten uns vor­ge­nom­men, die­sen Feri­en­tag irgend­wie zu einem inter­es­san­ten wer­den zu las­sen. Da beob­ach­te­ten wir einen Mann, wie er einen grö­ße­ren Sack auf dem Gepäck­trä­ger sei­nes Fahr­ra­des ver­schnür­te. Instink­tiv hat­ten wir das Gefühl, dass sich in dem Sack Müll befin­den könn­te, den der kor­pu­len­te Mann los­wer­den woll­te. Die­ser fuhr nun­mehr mit sei­nem Fahr­rad zum Orts­aus­gang, um dann dort nach links abzu­bie­gen. In ange­mes­se­nem Abstand nah­men wir die »Ver­fol­gung« auf. Nach etwa 3 km erreich­te er den Wald­rand und bog wie­der­um nach links zu einem dort gele­ge­nen klei­nen Teich ein. Hier stell­te er das Rad an einen Baum, löste den Sack aus der Ver­schnü­rung, um die­sen dann mit Schwung in den Teich zu wer­fen. Wir hat­ten das aus ange­mes­se­ner Ent­fer­nung und ohne, dass er uns bemerk­te, genaue­stens beob­ach­tet und waren ent­setzt. Nun hat­te zu Beginn der 1970er Jah­re der Begriff Umwelt­schutz noch nicht so sehr Ein­zug in den Sprach­ge­brauch gefun­den. Auf Ord­nung und Sau­ber­keit wur­de aber den­noch geach­tet, und das ille­ga­le Ent­sor­gen von Müll war auch zu die­ser Zeit schon nicht gestat­tet. Mein Freund und ich berat­schlag­ten auf der Rück­fahrt, wie wir mit dem Erleb­ten umge­hen. Dabei folg­ten wir dem Umwelt­sün­der, der sich eben­falls auf den Rück­weg gemacht hat­te. Nach eini­ger Zeit erreich­te er den Aus­gangs­ort sei­ner Fahrt, öff­ne­te die Haus­tür und schob sein Fahr­rad in den Flur. Als er die Tür geschlos­sen hat­te, wag­ten wir uns lang­sam an das Haus her­an. Wir stell­ten fest, dass nur ein Klin­gel­schild dort ange­bracht war, und konn­ten den Namen deut­lich dar­auf lesen. So hat­ten wir nicht nur die Tat beob­ach­tet, son­dern wuss­ten auch, wer der Ver­ur­sa­cher war und wo er wohn­te. Nun hät­te man alles auf sich beru­hen las­sen kön­nen, aber die Sache beschäf­tig­te uns wei­ter­hin. Die unver­fro­re­ne Vor­ge­hens­wei­se des Man­nes berühr­te nicht nur unser Gerech­tig­keits­ge­fühl, son­dern ärger­te uns auch des­halb, weil der Teich seit vie­len Jah­ren zum Baden genutzt wur­de, auch von uns bei­den. So ent­schlos­sen wir uns, die Sache einem Mit­ar­bei­ter des dama­li­gen Rates der Stadt mit­zu­tei­len. Dort soll­te dann ent­schie­den wer­den, wie wei­ter vor­zu­ge­hen ist.

Für uns war damit die Sache eigent­lich erle­digt. Eini­ge Wochen spä­ter wur­den wir aber über­ra­schend ins Rat­haus gebe­ten: Der Bür­ger­mei­ster wol­le sich bei uns bedan­ken. So erhiel­ten wir aus sei­nen Hän­den ein Dank­schrei­ben zusam­men mit einem 5-Mark-Stück.

Manch­mal wünsch­te ich mir heu­te, dass der eine oder ande­re ille­ga­le Müll­ent­sor­ger bei sei­nem Tun das Gefühl hat, er wür­de auch durch auf­merk­sa­me Kin­der oder Jugend­li­che beobachtet.