Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Mitleid fehl am Platz

Es gab sie zu Hun­dert­tau­sen­den in Deutsch­land und anders­wo – die von Dani­el Gold­ha­gen als »Hit­lers wil­li­ge Voll­strecker« bezeich­ne­ten ver­bohr­ten Nazi­an­hän­ger, die zu allem Ja und Amen sag­ten, wenn es um die Ver­nich­tung des Juden­tums ging. An der Umset­zung des teuf­li­schen Pla­nes mit­wir­ken zu kön­nen, sei es als Schreib­kraft eines KZ-Kom­man­dan­ten oder als Wach­mann in einem der Todes­la­ger, war ihnen eine Ehre. Ich habe die­se Sor­te Men­schen wäh­rend der Nazi­zeit zur Genü­ge ken­nen gelernt und muss sie bis heu­te mit­samt ihren poli­ti­schen und juri­sti­schen Hel­fers­hel­fern ertragen.

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land war gera­de mal sie­ben Jah­re alt, als der Bun­des­ge­richts­hof der in einem Meer von Blut und Trä­nen unter­ge­gan­ge­nen Nazi­dik­ta­tur eine Art von Gene­ral­ab­so­lu­ti­on erteil­te. Im Frei­spruch für einen SS-Rich­ter erklär­te er: »In einem Kampf um Sein oder Nicht­sein sind bei allen Völ­kern von jeher stren­ge Geset­ze zum Staats­schutz erlas­sen wor­den. Auch dem natio­nal­so­zia­li­sti­schen Staa­te kann man nicht ohne wei­te­res das Recht abspre­chen, dass er sol­che Geset­ze erlas­sen hat« (Urteil vom 25. Mai 1956).

Da moch­ten sich die Staats­an­walt­schaf­ten noch so abstram­peln, bei so viel Ver­ständ­nis für das Unrechts­re­gimes der Nazis wur­de es nahe­zu unmög­lich, Schul­di­ge zur Rechen­schaft zu zie­hen. Trotz­dem gelang es dem hes­si­schen Gene­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er, eini­ge Betei­lig­te an dem Mas­sen­mord von Ausch­witz vor Gericht zu brin­gen. Sein Ver­such, sie und ihres­glei­chen wegen Mit­tä­ter­schaft zu belan­gen, schei­ter­te aller­dings an der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes. Nicht jeder, der in das Ver­nich­tungs­pro­gramm ein­ge­glie­dert und »irgend­wie anläss­lich des Pro­gramms tätig« gewor­den sei, sei objek­tiv an den Mor­den in Ausch­witz betei­ligt gewe­sen und für alles Gesche­he­ne ver­ant­wort­lich (Urteil vom 20. Febru­ar 1969).

Damit wur­de der wei­te­ren Ver­fol­gung von Mit­ver­ant­wort­li­chen für die Ermor­dung von sechs Mil­lio­nen Juden prak­tisch der Boden ent­zo­gen. Die Staats­an­walt­schaf­ten stell­ten sämt­li­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen SS-Wach­män­ner wegen Aus­sichts­lo­sig­keit ein, auch das gegen den spä­ter doch noch ver­ur­teil­ten SS-Buch­hal­ter von Ausch­witz, Oskar Grö­ning. Es muss­te erst eine neue Rich­ter­ge­nera­ti­on her­an­wach­sen, ehe 2011 der SS- Wach­mann im Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor, John Dem­jan­juk, wegen Bei­hil­fe zum Mord ver­ur­teilt wur­de. Da er vor­zei­tig starb, konn­te das Urteil nicht rechts­kräf­tig wer­den. Erst im Fall Grö­ning erlang­te eine Ver­ur­tei­lung ohne kon­kre­ten Tat­nach­weis Rechtskraft.

Dazu muss­te sich der BGH erst aus den Fall­stricken des Urteils aus dem Jahr 1969 befrei­en, mit denen die Ver­fol­gung von Nazi­ver­bre­chen prak­tisch lahm­ge­legt wor­den war. Er argu­men­tier­te, der »Buch­hal­ter von Ausch­witz« sei nicht irgend­wie anläss­lich des Ver­nich­tungs­pro­gramms tätig gewe­sen. Viel­mehr hät­ten ihm kon­kre­te Hand­lungs­wei­sen mit unmit­tel­ba­rem Bezug zu dem orga­ni­sier­ten Tötungs­ge­sche­hen nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen (Beschluss vom 20. Novem­ber 2016).

Wer heu­te danach fragt, wel­chen Sinn es macht, einen hun­dert Jah­re alten SS-Wach­mann und eine 96 Jah­re alte ehe­ma­li­ge Sekre­tä­rin eines KZ-Lager­kom­man­dan­ten vor Gericht zu stel­len, der muss sich die Mil­de der deut­schen Justiz gegen­über Hit­lers wil­li­gen Voll­streckern vor Augen hal­ten. Jahr­zehn­te lang blie­ben sie von der Straf­ver­fol­gung ver­schont, weil die Staats­rä­son es nicht zuließ, das gan­ze Aus­maß der Kum­pa­nei von Mil­lio­nen Deut­schen mit Hit­ler vor aller Augen aus­zu­brei­ten. Als neue Welt­macht brauch­te Deutsch­land eine rei­ne Weste, auch wenn es die Über­le­ben­den des Holo­caust noch so sehr schmerz­te. Frech behaup­te­te jetzt die ange­klag­te ehe­ma­li­ge Schreib­kraft im KZ-Stutt­hof, sie habe als 18- oder 19-Jäh­ri­ge nichts getan, wofür sie sich als 96-Jäh­ri­ge zu ent­schul­di­gen habe. Der ein­sti­ge SS-Wach­mann im KZ-Sachen­hau­sen, der dort nach­weis­lich in sechs Kom­pa­nien gedient hat, stell­te sich ein­fach dumm; er ken­ne Sachen­hau­sen gar nicht, sag­te er vor Gericht. Mit­leid, so scheint mir, ist da wohl fehl am Platz.