Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Mitverantwortung für US-Drohnenkrieg

Am 18. Sep­tem­ber wur­den in der Bie­le­fel­der Heche­lei die dies­jäh­ri­gen Big­Bro­the­rA­wards ver­lie­hen – nun­mehr zum 20. Mal. In der Kate­go­rie Poli­tik ging der Nega­tiv­preis an die Bun­des­re­gie­rung, ver­tre­ten durch die Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel (CDU). Jury-Mit­glied Rolf Göss­ner hielt die fol­gen­de Laudatio.

 

Die Bun­des­re­gie­rung erhält die Nega­tiv­aus­zeich­nung wegen ihrer recht­li­chen und poli­ti­schen Mit­ver­ant­wor­tung für den völ­ker­rechts­wid­ri­gen US-Droh­nen­krieg, der über die Satel­li­ten- und Daten­re­lais-Sta­ti­on der Ram­stein Air Base in der Pfalz abge­wickelt wird. Es ist die größ­te Mili­tär­ba­sis der USA im Aus­land mit knapp zehn­tau­send Mili­tärs und Zivil­be­dien­ste­ten. Von hier, also von deut­schem Boden aus, wer­den bewaff­ne­te Droh­nen­ein­sät­ze im Nahen und Mitt­le­ren Osten sowie auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent gesteuert.

Die »unbe­mann­ten« Luft­fahr­zeu­ge die­nen sowohl der Aus­for­schung von Ziel­per­so­nen als auch will­kür­li­chen Hin­rich­tun­gen von »Ter­ror­ver­däch­ti­gen«, die der jeweils amtie­ren­de US-Prä­si­dent ohne rechts­staat­li­che Ver­fah­ren zuvor ange­ord­net hat. Sol­che Angrif­fe, denen regel­mä­ßig auch unbe­tei­lig­te Zivil­per­so­nen zum Opfer fal­len, ver­sto­ßen gegen Men­schen­rech­te, huma­ni­tä­res Völ­ker­recht und gegen das Ver­bot will­kür­li­cher Tötun­gen. Denn zumeist fin­den sie außer­halb inter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Kon­flik­te statt und kön­nen nur sel­ten mit einer aku­ten Gefahr für Leib und Leben und dem Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung legi­ti­miert werden.

Letzt­lich haben wir es also mit einem Mord-Pro­gramm zu tun, das die US-Regie­rung unter Prä­si­dent Georg W. Bush nach 9/​11 begon­nen hat und das unter den Prä­si­den­ten Barack Oba­ma und Donald Trump erheb­lich aus­ge­wei­tet wur­de. Sol­che staat­lich orga­ni­sier­ten Men­schen­jag­den mit gemein­ge­fähr­li­chen Mit­teln sind heim­tückisch und grau­sam. Doch, so mögen sich man­che fra­gen, was haben sie mit Big Bro­ther und unse­rem gleich­na­mi­gen Nega­tiv­preis zu tun?

Um das zu beant­wor­ten, muss ich ein wenig aus­ho­len. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren und Jahr­zehn­ten kam es im Irak, in Afgha­ni­stan, Syri­en, Paki­stan, Jemen, Liby­en und Soma­lia zu zahl­rei­chen US-Droh­nen­an­grif­fen auf angeb­lich »ter­ror­ver­däch­ti­ge« Per­so­nen. Tau­sen­de von Men­schen sind auf die­se Wei­se umge­bracht, kor­rek­ter: ermor­det, vie­le ver­letzt und ver­stüm­melt worden.

Im Som­mer 2012 kamen bei einem US-Droh­nen­an­griff im Jemen drei Mit­glie­der der Fami­lie Bin Ali Jaber ums Leben. Ein Jahr spä­ter, im Dezem­ber 2013, wur­den im Jemen gleich 17 Mit­glie­der eines Hoch­zeits­kon­vois aus der Luft getö­tet. Und so ging es im Jemen, im Nahen und Mitt­le­ren Osten, in Afri­ka und Paki­stan wei­ter bis ins Jahr 2020: Im Janu­ar die­ses Jah­res traf es den berüch­tig­ten ira­ni­schen Gene­ral Qas­sem Sol­ei­ma­ni bei einem Auf­ent­halt im Irak – ein Droh­nen-Anschlag, bei dem auch Sol­ei­ma­nis Beglei­ter sowie Unbe­tei­lig­te ums Leben kamen und der zu einer gefähr­li­chen Eska­la­ti­on im Nahen und Mitt­le­ren Osten führte.

Wegen sol­cher Droh­nen­mor­de müss­ten die Droh­nen­krie­ger und ihre Hel­fers­hel­fer womög­lich auf der Ankla­ge­bank des Inter­na­tio­na­len Kriegs­ver­bre­cher-Tri­bu­nals lan­den – wegen viel­fa­chen Mor­des und mut­maß­li­cher Kriegs­ver­bre­chen. Wir begnü­gen uns heu­te mit der Ver­lei­hung eines Big­Bro­the­rA­wards und wol­len damit etwas sicht­bar machen, was vie­len viel­leicht nicht so klar ist.

Erstens: Sol­chen Droh­nen­an­grif­fen geht immer eine mehr oder weni­ger lan­ge Pha­se der Aus­spä­hung und Aus­for­schung poten­ti­ell ver­däch­ti­ger Ziel­per­so­nen vor­aus, ihrer Ver­hal­tens­mu­ster, ihres sozia­len Umfelds und ört­li­cher Gege­ben­hei­ten. Vor ihren Attacken erstel­len die Mili­tärs für die Ziel­aus­wahl gehei­me Raster und wer­ten Signa­le von Han­dys und Com­pu­tern aus, um »Ter­ror­ver­däch­ti­ge« oder »Gefähr­der« aus­fin­dig zu machen – und damit mög­li­che Todes­kan­di­da­ten. Die dabei gewon­ne­nen Koor­di­na­ten, Ortungs­da­ten, Fotos und Vide­os wer­den über die US-Mili­tär­ba­sis Ram­stein in die USA gelei­tet, wo sie zusam­men mit Satel­li­ten­bil­dern, Tele­fon­über­wa­chungs­da­ten und – auch deut­schen – Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen aus­ge­wer­tet sowie zu Per­so­nen-, Kon­takt-, Ver­hal­tens- und Risi­ko­pro­fi­len ver­dich­tet wer­den. Spä­ter bil­den sie dann die Daten­grund­la­ge für den fina­len Angriff.

Inso­weit kann man auch von »Cyber­krieg« spre­chen, der den Droh­nen­krieg erst ermög­licht. Letzt­lich genügt ein hin­rei­chen­der Ver­dacht – etwa die mut­maß­li­che Zuge­hö­rig­keit zu einer Ter­ror­grup­pe und eine angeb­li­che Bedro­hung für die USA –, um auf die gehei­me Todes­li­ste (»kill list«) der US-Admi­ni­stra­ti­on zu geraten.

Den Knopf zum tod­brin­gen­den Abschuss der Rake­ten drückt der steu­ern­de »Droh­nen­pi­lot« – wie in einem Com­pu­ter­spiel – per Joy­stick in den Tau­sen­de von Kilo­me­tern ent­fern­ten USA. Dabei erfol­gen Droh­nen­steue­rung und Abschuss­im­puls über die Daten- und Satel­li­ten-Relais­an­la­ge in Ram­stein und über ein trans­at­lan­ti­sches Glas­fa­ser­ka­bel. Von Ram­stein aus wird also der welt­wei­te Droh­nen­krieg der USA logi­stisch unter­stützt und fern­ge­steu­ert. Und wes­halb aus­ge­rech­net über Ram­stein? Weil die Erd­krüm­mung eine direk­te Steue­rung aus den USA unmög­lich macht. Des­halb gilt die US Air Base in der Pfalz als unver­zicht­ba­res »zen­tra­les Ner­ven­sy­stem« des US-Drohnenprogramms.

Zwei­tens: Das bedeu­tet, Deutsch­land ist längst inte­gra­ler Bestand­teil des völ­ker­rechts­wid­ri­gen US-geführ­ten soge­nann­ten Kriegs gegen den Ter­ror und in alle völ­ker­rechts­wid­ri­gen US- und NATO-Krie­ge und Kriegs­ver­bre­chen ver­strickt – obwohl nach Arti­kel 26 des Grund­ge­set­zes »Hand­lun­gen, die geeig­net sind und in der Absicht vor­ge­nom­men wer­den, das fried­li­che Zusam­men­le­ben der Völ­ker zu stö­ren, ins­be­son­de­re die Füh­rung eines Angriffs­krie­ges vor­zu­be­rei­ten«, ver­fas­sungs­wid­rig und mit Stra­fe bedroht sind.

Aus die­sem Grund rückt die Bun­des­re­gie­rung in den Fokus eines Big­Bro­the­rA­wards: Sie trägt recht­li­che und poli­ti­sche Mit­ver­ant­wor­tung, weil sie nichts gegen die­ses mör­de­ri­sche Trei­ben auf deut­schem Staats­ge­biet unter­nimmt. Die Mili­tär­ba­sis Ram­stein ist kei­nes­wegs exter­ri­to­ria­les Gebiet, son­dern liegt im Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes – auch wenn de fac­to Grund­ge­setz und Völ­ker­recht hin­ter den Toren Ram­steins ihre Gül­tig­keit ver­lie­ren. Die Bun­des­re­gie­rung hat den (poten­ti­ell) betrof­fe­nen Men­schen gegen­über eine gesetz­li­che Pflicht zu han­deln – juri­stisch aus­ge­drückt: eine »Garan­ten­pflicht«.

So sieht es im Übri­gen auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len: Das Gericht rüg­te Anfang 2019 die Bun­des­re­gie­rung und ver­ur­teil­te sie dazu, künf­tig ihrer Schutz­pflicht nach­zu­kom­men und aktiv nach­zu­for­schen, ob Kampf­droh­nen-Ein­sät­ze über Ram­stein gegen Völ­ker­recht ver­sto­ßen. Das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht, das unter ande­rem will­kür­li­che Tötun­gen von Zivil­per­so­nen ver­bie­tet, bin­det gemäß Grund­ge­setz (Art. 25) auch Regie­rung, Behör­den und Justiz der Bun­des­re­pu­blik. Die­ser Schutz­pflicht, so das Gericht, sei die Bun­des­re­gie­rung bis­lang nicht nach­ge­kom­men. Tat­säch­lich weist sie bis heu­te jeg­li­che Ver­ant­wor­tung zurück und nimmt damit den von deut­schem Staats­ge­biet aus­ge­hen­den Tod von Men­schen bil­li­gend in Kauf.

Geklagt hat­ten drei Mit­glie­der der jeme­ni­ti­schen Fami­lie Bin Ali Jaber, die durch Rake­ten­be­schuss aus US-Droh­nen nahe Ange­hö­ri­ge ver­lo­ren hat­ten und selbst schwer trau­ma­ti­siert sind. Ohne die Mili­tär­ba­sis Ram­stein, so die Klä­ger, wür­den ihre Ver­wand­ten noch leben. Ange­sichts der anhal­ten­den Droh­nen­an­grif­fe leben sie in stän­di­ger Angst und fürch­ten wei­ter­hin um ihr eige­nes Leben und das ihrer Ange­hö­ri­gen. Sie for­dern von der Bun­des­re­pu­blik, die US-Droh­nen­steue­rung über Ram­stein mit geeig­ne­ten Maß­nah­men zu unter­bin­den. Statt­des­sen aber hat die Bun­des­re­gie­rung Revi­si­on gegen das Gerichts­ur­teil ein­ge­legt, um es zu kippen.

Drit­tens: Der berech­tig­ten For­de­rung der Klä­ger schlie­ßen wir uns an, denn die will­kür­li­chen Tötun­gen per Joy­stick aus siche­rer Distanz, ermög­licht durch Daten­ver­ar­bei­tung und -wei­ter­lei­tung in Ram­stein, sind letzt­lich eine Form von Staats­ter­ror, und die Bun­des­re­gie­rung macht sich mit­schul­dig. Sie könn­te mili­tä­ri­sche US-Stütz­punk­te hier­zu­lan­de durch deut­sche Sicher­heits­be­hör­den kon­trol­lie­ren las­sen – schließ­lich sind die­se bei Ver­dacht auf Ver­bre­chen nach dem Lega­li­täts­prin­zip zu Straf­er­mitt­lun­gen ver­pflich­tet. Anläss­lich des Droh­nen­an­griffs auf den ira­ni­schen Gene­ral Sol­ei­ma­ni hat­ten Abge­ord­ne­te der Links­frak­ti­on des­halb Straf­an­zei­ge gegen Regie­rungs­mit­glie­der wegen Bei­hil­fe zum Mord durch Unter­las­sen erstat­tet – aller­dings ohne Erfolg: Der Gene­ral­bun­des­an­walt ver­wei­ger­te die Ein­lei­tung von Ermitt­lun­gen, weil es kei­ne »Erfolgs­ab­wen­dungs­pflicht« deut­scher Funk­ti­ons­trä­ger gäbe, zumin­dest haf­te­ten sie nicht straf­recht­lich für Völ­ker­rechts­ver­stö­ße aus­län­di­scher Staaten.

Den­noch sind die deut­schen Staats­or­ga­ne nach Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­pflich­tet, »auch im eige­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich das Völ­ker­recht durch­zu­set­zen, wenn drit­te Staa­ten die­ses ver­let­zen«. Dazu könn­te die Bun­des­re­gie­rung auch das Trup­pen­sta­tio­nie­rungs­ab­kom­men mit der US-Regie­rung kün­di­gen. Schließ­lich soll nach Plä­nen von US-Prä­si­dent Trump ohne­hin ein Teil der US-Trup­pen aus Deutsch­land abge­zo­gen wer­den – wovon aller­dings die Mili­tär­ba­sis Ram­stein nicht betrof­fen ist. Dass die zustän­di­gen Staats­or­ga­ne bis­her beharr­lich untä­tig blei­ben, ist nicht nach­voll­zieh­bar und dürf­te an Ver­fas­sungs­bruch grenzen.

Solan­ge hier kei­ne radi­ka­le Wen­de zu erken­nen ist, blei­ben Pro­te­ste und Aktio­nen der Frie­dens­be­we­gung gegen Ram­stein als zen­tra­les Daten- und Ope­ra­ti­ons­dreh­kreuz der US-Kriegs­po­li­tik und gegen völ­ker­rechts­wid­ri­ge Droh­nen­krie­ge wei­ter­hin bit­ter nötig. Der Anti­ter­ror-Droh­nen­krieg ist sei­ner­seits Ter­ror und pro­du­ziert immer neu­en Ter­ror, wie Ex-Droh­nen­pi­lo­ten bereits Ende 2015 in einem offe­nen Brief an den dama­li­gen US-Prä­si­den­ten Barack Oba­ma fest­ge­stellt haben: Der US-Droh­nen­krieg sei, so wört­lich, »eine der ver­hee­rend­sten Trieb­fe­dern des Ter­ro­ris­mus und der Desta­bi­li­sie­rung«. Und das mit deut­scher Duldung.

Herz­li­chen Glück­wunsch zum Big­Bro­the­rA­ward 2020 an Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und die Gro­ße Regie­rungs­ko­ali­ti­on in Ber­lin. Und von hier aus noch ein drin­gen­der Appell an die Adres­se der Bun­des­re­gie­rung: Kei­ne bewaff­ne­ten Kampf­droh­nen für die Bundeswehr!

 

Lau­da­tor Rolf Göss­ner ist seit Anbe­ginn im Jahr 2000 Mit­glied der Jury zur Ver­lei­hung des Nega­tiv­prei­ses Big­Bro­the­rA­ward, seit 2003 für die Inter­na­tio­na­le Liga für Men­schen­rech­te. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu allen Preis­trä­gern 2020 unter: https://bigbrotherawards.de/2020 und zum Pro­jekt der Big­Bro­the­rA­wards: https://bigbrotherawards.de/.