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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Wir Toleranten

Der »impor­tier­te Anti­se­mi­tis­mus« soll gestoppt wer­den, beschließt die Bun­des­re­gie­rung auf Anre­gung von Innen­mi­ni­ster Horst See­hofer. (maz 19./20.06.21) Wer anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten – auch im Baga­tell­be­reich – begeht, darf nicht mehr deut­scher Staats­bür­ger wer­den. Denn wir deut­schen Staats­bür­ger sind kei­ne Anti­se­mi­ten, son­dern tole­rant und fort­schritt­lich. Wie Mar­kus Söder. Der bedau­er­te die Ent­schei­dung der UEFA, die Alli­anz-Are­na in Mün­chen nicht in Regen­bo­gen­far­ben erstrah­len zu las­sen beim Spiel Deutsch­land gegen Ungarn. »Das wäre ein sehr gutes Zei­chen für Tole­ranz und Frei­heit gewe­sen«, mein­te er (maz, 23.06.21).

Tole­ranz übt auch die Bun­des­re­gie­rung gegen­über einem »poli­ti­schen Abgrund von Igno­ranz, Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, Beden­ken­lo­sig­keit und Rechts­bruch – ver­bun­den mit einem Erschrecken über man­gel­haf­tes Regie­rungs­hand­werk«, so Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, FDP und Die Lin­ke in einem gemein­sa­men Son­der­vo­tum (jW, 25.06.21). Der Unter­su­chungs­aus­schuss zum PKW-Maut-Gesetz von Ver­kehrs­mi­ni­ster Andre­as Scheu­er hat sei­ne Arbeit ein­ge­stellt. Ergeb­nis: Herr Scheu­er bleibt Ver­kehrs­mi­ni­ster. Sta­bi­li­tät ist schließ­lich auch ein Wert der Deutschen!

Wie das Wahl­pro­gramm der CDU/​CSU – naja, es ist eher ein Wunsch­zet­tel. Wo sich Jugend­li­che ein neu­es Smart­pho­ne wün­schen, soll es bei der CDU/​CSU gleich ein »Moder­ni­sie­rungs­jahr­zehnt« wer­den – aber Steu­er­erhö­hun­gen für Rei­che wird es nicht geben! Frau­en und Kin­der sol­len vor Gewalt geschützt wer­den – und Asyl­be­wer­ber abge­scho­ben. Die Kli­ma­schutz­zie­le sol­len erreicht wer­den – aber frei­wil­lig! Aller­dings bezwei­feln Öko­no­men vom Deut­schen Insti­tut der Wirt­schaft und vom IfO-Insti­tut, dass das Pro­gramm finan­zier­bar sei (maz, 22.06.21). Wer ver­langt denn auch so was? Von einem Wahl­pro­gramm! Wer CDU/​CSU wählt, der liest doch kei­ne Wahl­pro­gram­me. Der infor­miert sich in BILD oder FAZ oder bei Herrn Brink­haus. Der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de sag­te in der ARD: »Ben­zin wird teu­rer, aber Ihr müsst nicht sofort eure Autos ver­kau­fen« (maz, 12./13.06.21) Wie bei den Grünen.

Aber die Glaub­wür­dig­keit wankt. In Sach­sen-Anhalt haben nur 60 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten gewählt, 37 Pro­zent davon die CDU. Die Nicht­wäh­ler haben also mehr Pro­zen­te als die »stärk­ste« Par­tei im Par­la­ment. Wenn jemand poli­ti­schen Erfolg haben will, gilt fort­an die Devi­se: Grün­den Sie kei­ne Par­tei! Denn 40 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten ver­trau­en kei­ner Par­tei, Sie hät­ten also auf Anhieb die Mehrheit!

Da ist Joe Kae­ser (geb. Josef Käser), bis vor kur­zem noch Vor­stands­chef von Sie­mens, rea­li­sti­scher. Er ver­kün­de­te in der Süd­deut­schen Zei­tung, auf wen er beim Ren­nen um das Bun­des­kanz­ler­amt im Sep­tem­ber setzt. »Die größ­te Glaub­wür­dig­keit für eine nach­hal­ti­ge und lang­fri­sti­ge Erneue­rung hat sicher­lich Anna­le­na Baer­bock« (jW, 03.06.21).

Aber wo bleibt das Wich­tig­ste, die Sicher­heit? Dafür sorgt Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er. Sie hat die geplan­ten Erhö­hun­gen der Kriegs­aus­ga­ben auf erst­mals mehr als 50 Mil­li­ar­den Euro für das kom­men­de Jahr begrüßt. Der vom Bun­des­ka­bi­nett gebil­lig­te Ent­wurf für den Haus­halt sieht für das Jahr 2022 eine Stei­ge­rung von 3,4 Mil­li­ar­den Euro im Ver­gleich zu die­sem Jahr vor. Kramp-Kar­ren­bau­er sprach in die­ser Hin­sicht von »Inve­sti­tio­nen in die Sicher­heit«.(dpa/​jW, 24.06.21). Und dabei sind die Aus­ga­ben für das FCAS-Luft­kampf-system noch gar nicht ent­hal­ten, 4,5 Mil­li­ar­den Euro deut­scher Anteil allein für den Pro­to­typ bis 2027. Der neue Star­figh­ter soll zusam­men mit Droh­nen, bewaff­net oder unbe­waff­net, »arbei­ten«, eine Art flie­gen­der Super­com­pu­ter (jW, 23.06.21). Wir wis­sen also jetzt, wohin die Bun­des­re­pu­blik steu­ern soll: in eine grü­ne Zukunft, in der statt Frie­dens­tau­ben Droh­nen flie­gen sol­len gen Russ-land.

In Genf traf US-Prä­si­dent Biden den rus­si­schen Prä­si­den­ten Putin, den »Kil­ler«. So hat er ihn genannt, den rus­si­schen Prä­si­den­ten. Und was ist der US-Prä­si­dent? Der für den Kriegs­zug gegen den Irak mit­ver­ant­wort­lich war, der Mil­lio­nen Men­schen das Leben geko­stet hat? Der für die Droh­nen­mor­de mit­ver­ant­wort­lich war, die Prä­si­dent Oba­ma ange­ord­net hat, die Tau­sen­de von Men­schen das Leben geko­stet haben? Ein Super­kil­ler? Jeden­falls in die­sem Hand­werk offen­bar erfolg­rei­cher als Putin, den er beschul­digt, Nawal­ny und Skri­pal ver­gif­tet zu haben – die bei­de noch leben.

Aber für die west­li­che Wer­te­ge­mein­schaft steht fest, wer der Böse­wicht ist: »So höf­lich wir als Gast­ge­ber des rus­si­schen Prä­si­den­ten sind, so ehr­lich soll­ten wir uns ein­ge­ste­hen, wen wir hier emp­fan­gen: einen Aggres­sor und Tyran­nen« (Neue Zür­cher Zei­tung, 13.06.21). Nur einen?

Einen Ver­fas­sungs­feind mehr gibt es seit dem 16.06.21 in der Bun­des­re­pu­blik. Innen­mi­ni­ster See­hofer ent­fuhr das Geständ­nis bei der Vor­stel­lung des Berichts des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz lachend: »Dann wäre ich auch Ver­fas­sungs­feind!« Denn sein Mini­ste­ri­um hat­te auf die Anfra­ge, war­um die Tages­zei­tung jun­ge Welt im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt genannt wer­de, geant­wor­tet: Sie ver­wen­de den Begriff »Klas­sen­ge­sell­schaft« für die Bun­des­re­pu­blik. Das über­rasch­te nicht nur Mar­xi­sten, son­dern auch Herrn See­hofer. Er selbst ver­wen­de zwar nicht den Begriff Klas­sen­ge­sell­schaft, aber »die Spal­tung in unse­rer Gesell­schaft« sei ja »voll­kom­men unbe­strit­ten« (jW 16.06.21). Wir sind in Deutsch­land tole­rant und fort­schritt­lich – bis auf das BfV.