Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Moralisierende Meuten

Die nun seit fünf­zehn Mona­ten herr­schen­de Coro­na-Pan­de­mie ist nicht nur eine gesund­heit­li­che Kata­stro­phe für die gesam­te Mensch­heit. Sie bedroht nahe­zu alle Berei­che unse­res Zusam­men­le­bens. Die sonst eher aus reli­giö­sen Kon­tex­ten ent­stam­men­de Begriff­lich­keit der »All­macht« ver­mag gegen­wär­tig viel­leicht am besten zu beschrei­ben, mit wel­cher Wucht die Kri­se in unser Leben hin­ein­wirkt. Eini­ge Annah­men über Ursprung und Ver­lauf von COVID-19 haben sich im glo­ba­len lear­ning-by-doing-Manage­ment zu Gewiss­hei­ten ver­fe­stigt, denen – manch­mal mehr, manch­mal weni­ger plan­bar – mit Imp­fun­gen, Lock­downs oder gigan­ti­schen Finanz­trans­fers zu begeg­nen ver­sucht wird. Ande­rer­seits wer­den die offen­bar gewor­de­nen Schwä­chen im Bereich der Wis­sen­schaft, Poli­tik und Wirt­schaft welt­weit unter­schied­lich wahrgenommen.

Ent­spre­chend der jewei­li­gen histo­ri­schen und kul­tu­rel­len Kon­tex­te wird die Pan­de­mie­ent­wick­lung von Bra­si­li­en bis Indi­en, von Schwe­den bis Süd­afri­ka, nicht unbe­dingt als uni­ver­sal erfah­re­ne, glo­bal geteil­te Lei­dens­ge­schich­te inter­pre­tiert, son­dern immer stär­ker auch als natio­nal­staat­lich zu ver­ant­wor­ten­de Gesund­heits­ka­ta­stro­phe. Dies trifft – für jeden Bun­des­bür­ger täg­lich erleb­bar – auch auf Deutsch­land zu. Die Geschich­te unse­res Lan­des ist seit 150 Jah­ren nach­hal­tig geprägt von vor­he­ri­ger jahr­hun­der­te­lan­ger feu­da­ler Zer­split­te­rung, von der brei­ten Akzep­tanz anti­de­mo­kra­ti­scher, auto­ri­tä­rer oder tota­li­tä­rer Herr­schafts­for­men, von sin­gu­lä­ren Ver­bre­chen wie der Shoa, dem Ver­nich­tungs- und Angriffs­krieg gegen die Sowjet­uni­on, den ter­ri­to­ria­len Ver­wer­fun­gen und Ver­trei­bun­gen sowie der deut­schen Tei­lung. Es bestehen hier durch­aus kom­ple­xe Kon­sens­be­din­gun­gen in der gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on zu kul­tu­rel­len, geschicht­li­chen, iden­ti­täts­be­zo­ge­nen und nun eben auch pan­de­mie­be­ding­ten Fra­gen. Auf­fäl­lig an der durch das Infek­ti­ons­ge­sche­hen ver­schärf­ten Pola­ri­sie­rung unse­rer Gesell­schaft, die ohne­hin geteilt ist in Arm und Reich, Ost und West, Stadt- und Land, Migra­ti­ons­er­fah­rung und Sess­haf­tig­keit, Macht­zu­gang und Macht­lo­sig­keit, ist der zusätz­li­che Spalt­pilz einer immer stär­ker von kri­sen­in­di­zier­ten Kri­te­ri­en bestimm­ten Selbst­ver­or­tung: Zuge­hö­rig­keit zu einer Risi­ko­grup­pe, System­re­le­vanz, Prio­ri­täts­grup­pen­zu­ord­nung oder nun, natür­lich, der Impfstatus.

Der Dis­kurs­ge­halt um die täg­lich erör­ter­ten Fra­gen, wie der COVID-Kri­se zu begeg­nen sei, wie ihr in der Rück­schau hät­te begeg­net wer­den kön­nen und was denn eigent­lich noch zu tun sei, ver­schiebt sich dabei immer mehr von einer gesund­heits­po­li­ti­schen in eine mora­li­sche Ebe­ne. Dabei ist die kom­mu­ni­ka­ti­ve Teil­ha­be der Bevöl­ke­rung bis­wei­len stär­ker geprägt von oppor­tu­ni­sti­schen Ver­hal­tens­ma­xi­men als von indi­vi­du­el­ler Sou­ve­rä­ni­tät im Urteil und dem damit ver­bun­de­nen Wag­nis, gege­be­nen­falls nicht oppor­tu­ne Mei­nun­gen in anders­den­ken­der Umge­bung zu ver­tre­ten. Die Eigen­dy­na­mik die­ser dis­kurs­ero­die­ren­den Ori­en­tie­rung an den Erwar­tungs­hal­tun­gen von gesell­schaft­li­chen Grup­pen, Par­tei­pro­gram­men, Medi­en, Berufs­kol­le­gen oder gar Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen führt in eine kom­mu­ni­ka­ti­ve Tota­li­tät, die den gei­sti­gen Aus­tausch einer offe­nen Gesell­schaft zum Erlie­gen brin­gen kann. Nichts illu­striert die­se indi­vi­du­el­le Selbstent­mach­tung zugun­sten der den demo­kra­ti­schen Grund­kon­sens vor­geb­lich ver­tei­di­gen­den Selbst­er­mäch­ti­gern bes­ser als die erbärm­li­che gesell­schaft­li­che Per­for­mance wäh­rend der »Macht-alles-dicht«-Satire. Dis­kus­si­ons­wür­dig dar­an war nicht pri­mär das künst­le­ri­sche Hin­ter­fra­gen gegen­wär­ti­gen Kri­sen­ma­nage­ments, son­dern die Reak­ti­on der soge­nann­ten »kri­ti­schen Öffent­lich­keit«. Die Video­clips wur­den mit dem sofor­ti­gen Bann­fluch jener belegt, die sich als mora­lisch über­le­ge­ne Demo­kra­ten wahrnehmen.

Doch Frei­heit ist immer auch die Frei­heit der Anders­den­ken­den. Mit Rosa Luxem­burgs uni­ver­sell gül­ti­ger Maxi­me haben auf­rech­te Demo­kra­ten, zu denen sich der Autor selbst­ver­ständ­lich zählt, oft durch­aus ihre Schwie­rig­kei­ten. Dann näm­lich, wenn die Frei­heit der Anders­den­ken­den zur schlei­chen­den Abschaf­fung der eige­nen Spe­zi­es führt. Noch trau­ri­ger bei »alles­dicht­ma­chen« war jedoch die Ent­schei­dung eini­ger Teil­neh­me­rIn­nen, ihren Bei­trag zurück­zu­zie­hen. Die Furcht vor dem Bei­fall von fal­scher Sei­te führ­te dann zum wohl­ge­fäl­li­gen Applaus der­je­ni­gen, die bequem in den Rück­zugs­räu­men ihrer eige­nen, sich als mora­lisch inte­ger emp­fin­den­den Grup­pen ver­harr­ten. Was täte man, wenn auf den Aus­ruf »Die Erde dreht sich um die Son­ne« der Bei­fall der AfD folg­te? Lie­ße man den Geo­zen­tris­mus aus Schick­lich­keit neue Urständ fei­ern? Was aber wird aus einer Gemein­schaft Gleich­ge­sinn­ter, die letzt­lich nur noch sich selbst beklatscht?

Die­se Fra­ge kön­nen wir Deut­schen mit Blick auf unse­re jün­ge­re Geschich­te wohl tat­säch­lich bes­ser als ande­re Völ­ker beant­wor­ten – und dies ganz ohne Selbst­über­he­bung. Doch die Fra­ge »Bist du für uns oder gegen uns?« ist und bleibt eine tota­li­tä­re Anma­ßung, eine Auf­for­de­rung zum Bekennt­nis­zwang, der wie­der­um mit einer Ver­in­ner­li­chung demo­kra­ti­scher Grund­wer­te nichts gemein hat. »Wollt ihr den tota­len Krieg?«, »Bist du für oder gegen den Welt­frie­den?«, »Denkst du denn gar nicht an die vie­len Coro­na-Toten?« sind zuge­ge­be­ner­ma­ßen geschmack­los anein­an­der­ge­reih­te, nicht mit­ein­an­der ver­gleich­ba­re, aber den­noch sug­ge­sti­ve Instru­men­ta­li­sie­run­gen einer Moral, die die­sen Namen nicht ver­dient. Die kom­mu­ni­ka­ti­ven Kon­sti­tu­en­ten der öffent­li­chen Debat­te wer­den geprägt von Stig­ma­ta: von »Gut­men­schen«, »Nazis«, »Öko­fa­schi­sten«, »Coro­na- oder Kli­ma-Leug­nern« – kate­go­ri­sie­ren­den Ope­ra­to­ren also, die nicht zuerst der Aus­gren­zung des Ande­ren, son­dern zunächst der Anbie­de­rung an die eige­ne mora­li­sie­ren­de Meu­te die­nen. Dazu gesellt sich die schlei­chen­de Mili­ta­ri­sie­rung einer offi­zi­el­len Ver­laut­ba­rungs­spra­che, die mit »Pak­ten«, »task for­ces«, »Stabs­stel­len« und »Impf­of­fen­si­ven« einen Aktio­nis­mus ver­spricht, der die zuvor medi­al erzeug­ten Äng­ste und Befürch­tun­gen der Öffent­lich­keit zu beschwich­ti­gen sucht.

Der seit der Auf­nah­me von knapp einer Mil­li­on Flücht­lin­gen in den Jah­ren 2015 und 2016 nicht mehr abrei­ßen­den Hin­wen­dung vie­ler Mit­men­schen zu rechts­kon­ser­va­ti­ven, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen bis zu offen rechts­ra­di­ka­len Denk­sche­ma­ta hat neben dem Ver­schwin­den unse­rer Welt, wie wir sie ken­nen, auch etwas damit zu tun, wie man mit Halt suchen­den Men­schen spricht, bevor sie für immer in den Orkus des Irra­tio­na­len ent­glei­ten. Gegen­wär­tig ist die kom­mu­ni­ka­ti­ve Waf­fe der sich für gebil­det Hal­ten­den die Pole­mik, die Ent­geg­nung der soge­nann­ten Bil­dungs­fer­nen ist die Ver­bal­in­ju­rie. Die sprach­li­che Ver­ro­hung unse­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on geht ein­her mit der Unfä­hig­keit, ja dem Unwil­len, über­haupt noch hin­zu­hö­ren. Wo die eige­ne Posi­ti­on als unan­greif­bar, ja mora­lisch all­zeit über­le­gen pro­kla­miert wird, ist es für den gedank­li­chen Aus­tausch bereits zu spät. Das betrifft die urba­nen Links­li­be­ra­len in ihren intel­lek­tu­el­len Res­sen­ti­ments gegen­über dem bran­den­bur­gi­schen Land­ei eben­so wie den hes­si­schen Quer­den­ker mit sei­nem Herr­schafts­wis­sen über Bill Gates’ Groß­pro­jekt der mensch­li­chen Gesamt­ver­chip­pung. Doch die­ser kom­mu­ni­ka­ti­ve Lock­down (»Mit Nazis dis­ku­tiert man nicht« hier, »Lügen­pres­se auf die Fres­se« dort) gene­riert eine Atmo­sphä­re der per­ma­nen­ten Häme, Ver­un­glimp­fung und Her­ab­set­zung auf allen Sei­ten. Die erste nen­nens­wer­te Quer­front der bun­des­deut­schen Öffent­lich­keit bil­de­te sich mit der Abwehr der Migra­ti­ons­po­li­tik. Die jet­zi­ge zwei­te Quer­front ist zah­len­mä­ßig ungleich stär­ker, sozi­al und poli­tisch ungleich hete­ro­ge­ner. Die Pan­de­mie wirkt hier nur noch als kata­ly­sie­ren­des Ele­ment für den Zusam­men­schluss einer Men­ge, deren Dis­kurs mit der »Rest Gesell­schaft« sich längst erle­digt hat. Und umgekehrt.

Die zuneh­men­de Dis­kurs­macht der mora­li­sie­ren­den Meu­ten nagt an den huma­ni­sti­schen Grund­fe­sten unse­rer Gesell­schaft. Es herrscht der Affekt, es ver­liert der Intel­lekt. Es wütet die Ver­schwö­rung, es ver­schwin­det die Ratio. Coro­na wird uns noch lan­ge beglei­ten. Das Virus hat die Welt so schnell ver­än­dert, dass wir noch gar nicht in der Lage sind, zu ermes­sen, wel­che Fol­gen in Bil­dung, Kul­tur und Gesund­heits­we­sen die­se Pan­de­mie für uns alle zei­ti­gen wird. Der zur mensch­li­chen Epi­de­mie­ge­schich­te an der Yale-Uni­ver­si­tät for­schen­de US-Ame­ri­ka­ner Frank M. Snow­den schreibt in sei­nem 2020 neu auf­ge­leg­ten Buch »Epi­de­mie und Gesell­schaft«: »Eine weit­aus pas­sen­de­re Fra­ge ist, ob die Mensch­heit nach dem Abklin­gen der COVID-Pan­de­mie zu ihrer Selbst­ge­fäl­lig­keit zurück­kehrt oder sich dafür ent­schei­det, nach­hal­ti­ge und lang­fri­sti­ge Ein­schät­zun­gen zukünf­ti­ger der­ar­ti­ger Her­aus­for­de­run­gen zu tref­fen und die Mit­tel zu deren Bekämp­fung bereit­zu­stel­len.« Snow­den ver­weist auf die Unab­ding­bar­keit glo­ba­ler Zusam­men­ar­beit aller Staa­ten und deren Gesund­heits­in­sti­tu­tio­nen, auf die Bedeu­tung des Mit­ein­an­der-Spre­chens in der Kri­se. Gemes­sen an die­sem Anspruch befin­den wir uns hier in Deutsch­land kom­mu­ni­ka­tiv auf dem Weg ins Mit­tel­al­ter. Möge die Pan­de­mie uns Kathar­sis genug sein, wie­der zu uns selbst zu finden.