Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Musiker statt Demütigung

Charles de Gaul­le als Prä­si­dent der Repu­blik Frank­reich und Kon­rad Ade­nau­er als Bun­des­kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land tra­fen sich im Sep­tem­ber 1958 zum ersten Mal und waren ent­schlos­sen, die alte Feind­schaft zwi­schen Deutsch­land (West) und Frank­reich end­gül­tig zu been­den. Die Last der deutsch-fran­zö­si­schen Geschich­te – Krie­ge, Kon­flik­te und wech­sel­sei­ti­ge Demü­ti­gun­gen – war immens. Meh­re­re gegen­sei­ti­ge Staats­be­su­che folg­ten. Am 22. Janu­ar 1963 unter­schrie­ben sie im Ély­sée-Palast in Paris den Freund­schafts­ver­trag, umarm­ten sich und gaben sich den Bru­der­kuss – als Geste zu einer dau­er­haf­ten Aussöhnung.

Der klei­ne Lord aus der bekann­ten Weih­nachts­sto­ry hät­te kom­men­tiert: »Lie­ber spät als nie.«

1951 wur­de bereits in Ber­lin-Wei­ßen­see, im ande­ren deut­schen Staat, der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, ein histo­ri­scher Schluss­strich gezo­gen. Bis dahin gab es ein Fran­zö­si­sches Vier­tel. Die Stra­ßen tru­gen Namen von Kriegs­schau­plät­zen des deutsch-fran­zö­si­schen Krie­ges von 1870/​1871. Von der Krö­nung des ersten deut­schen Kai­sers in Ver­sailles als tie­fer Demü­ti­gung für Frank­reich ganz abge­se­hen. Des­halb wähl­te Wei­ßen­see die Namen berühm­ter Komponisten.

Am 3. Janu­ar 1951 waren die Elsäs­ser und die Loth­rin­ger Stra­ße in Wil­helm-Pieck-Stra­ße umbe­nannt wor­den. Anlass war der 75. Geburts­tag des ersten Prä­si­den­ten der DDR. 1994 kam es infol­ge bun­des­deut­scher Geschichts­be­rei­ni­gung zu einer noch­ma­li­gen Umbe­nen­nung: in Torstraße.

Dumm nur, dass die­ses Quar­tier mit­samt sei­nen Stra­ßen in Ost­ber­lin gele­gen war. Aus bon­ne­sisch-west­rhei­ni­scher Sicht in der »Soff­jet­zo­ne«, somit nicht exi­stent, und in Histo­rie wie Anna­len nicht erwähnenswert.

Der 31. Mai 2021 böte zumin­dest der Repu­blik Frank­reich eine Gele­gen­heit, das nach­zu­ho­len. Wei­ßen­see gehört jetzt zwar zum Bezirk »Pan­koff«, wie Kon­ni Ade­nau­er ver­ach­tungs­voll zu sagen pfleg­te, nun aber rea­li­ter im Bun­des­land Ber­lin und in der Haupt­stadt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die­se deut­sche Repu­blik hät­te 150 Jah­re nach der Demü­ti­gung Frank­reichs und der Anne­xi­on von Elsass-Loth­rin­gen beson­de­ren Anlass, die­sen frü­hen Ver­söh­nungs­akt der »DDR« (in Sprin­gers Anfüh­rungs­zei­chen) gebüh­rend zur Kennt­nis zu nehmen.

Viel­leicht haben klu­ge Köp­fe im Pan­kower Rat­haus sogar eine zün­den­de Idee, wie das zu bewerk­stel­li­gen wäre. Zu wün­schen wäre es. Zumal es die Met­zer Stra­ße in jet­zi­gen Orts­teil Prenz­lau­er Berg wei­ter­hin gibt.