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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nachtrag zum 13. August 1961

Kam vor 60 Jah­ren wirk­lich alles aus hei­te­rem Him­mel? Ber­lin-West als »Schau­fen­ster und Pfahl im Fleisch der Ulb­richt-DDR« urplötz­lich ein­ge­mau­ert? Hat­te nicht zum Kon­strukt Mau­er = Spal­tung US-Prä­si­dent Har­ry S. Tru­man das Sei­ne bei­getra­gen? Wäh­rend der Pots­da­mer Kon­fe­renz erwähn­te er Sta­lin gegen­über bei­läu­fig, dass die USA »eine neue Waf­fe von unge­heu­er­li­cher Zer­stö­rungs­kraft hät­ten«. Das war der eigent­li­che Anstoß für den spä­te­ren Kal­ten Krieg und das Miss­trau­en in der sowje­ti­schen Poli­tik gegen­über dem Westen. Der bri­ti­sche Erfolgs­au­tor James Hawes bringt Wei­te­res ans Licht.

Win­s­ton Chur­chill lieb­äu­gel­te bereits 1944 mit einer Ope­ra­ti­on Unthinkable: einem anglo-ame­ri­ka­ni­schen Über­ra­schungs­an­griff auf die UdSSR mit Unter­stüt­zung deut­scher Ein­hei­ten. Die Roy­al Army war not ame­sud (vgl. »Die kür­ze­ste Geschich­te Deutsch­lands« von James Hawes, Ull­stein Taschen­buch, 10. Auf­la­ge 2020, S. 268 ff.). Sir Win­s­ton lie­fer­te mit sei­ner Ful­ton-Rede dann 1946 den »Eiser­nen Vor­hang« nach. Bi- und Tri­zo­ne waren wei­te­re Schrit­te zu einem abge­son­der­ten west­deut­schen Staats­ge­bil­de. 1948 folg­te mit der US-Akti­on Bird Dog die Sepa­rat­wäh­rung D-Mark. Der angeb­li­che Wirt­schafts­wun­der­start ent­pupp­te sich als Spreng­fal­le. Die sowje­ti­sche Blocka­de-Reak­ti­on war pro­vo­ziert und bil­li­gend in Kauf genom­men wor­den. Schließ­lich befe­stig­ten die Grün­dung der Bon­ner Repu­blik und deren Mili­ta­ri­sie­rung mit der Bun­des­wehr die »Mau­er« wei­ter. US-Außen­mi­ni­ster John Foster Dul­les pro­kla­mier­te schließ­lich offen das »roll­back«.

Kon­rad Ade­nau­er war von Anbe­ginn Mit­kon­struk­teur. Er woll­te lie­ber das hal­be Deutsch­land ganz als das gan­ze Deutsch­land halb. Im Dezem­ber 1955 ließ er den bri­ti­schen Hoch­kom­mis­sar wis­sen, dass er »kein Ver­trau­en in das deut­sche Volk (habe). Er fürch­te, dass, wenn er ein­mal abtre­ten wür­de, eine künf­ti­ge deut­sche Regie­rung sich mit Russ­land zum Nach­teil Deutsch­lands arran­gie­ren kön­ne« (eben­da S. 283). Laut Der Spie­gel soll er US-Außen­mi­ni­ster Rusk weni­ge Tage vor dem 13. August sogar die Idee offe­riert haben, West­ber­lin gegen Thü­rin­gen, Tei­le Sach­sens und Meck­len­burgs zu tau­schen (vgl. eben­da S. 284/​285). Die »Mau­er« von 1961 bewahr­te also sogar die West­ber­li­ner Insu­la­ner vor die­sem hin­ter­häl­ti­gen Coup.

Ja, der alte Rosen­züch­ter am Rhein war immer für eine böse Über­ra­schung gut. Soll­ten in den Archi­ven der Bun­des­re­pu­blik und der USA jemals ent­spre­chen­de doku­men­ta­ri­sche Bele­ge der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wer­den, müss­ten die Mau­er-Kapi­tel ergänzt, wenn nicht gar umge­schrie­ben wer­den. Er unter­schätz­te nur sei­ne Nach­fol­ger. Regime-chan­ge im »Wan­del durch Annä­he­rung« ermög­lich­te nach 1990 wie­der Krieg von deut­schem Boden aus als Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln samt NATO-Expan­si­on bis an die rus­si­sche Haustür.

Genau das aber war der Punkt, um den es 1961 vor dem Mau­er­bau ging. Im Vor­feld jenes Sonn­tags im August steck­ten im Juni beim Wie­ner Tref­fen Niki­ta Chruscht­schow und John F. Ken­ne­dy knall­hart ihre Claims im Gleich­ge­wicht des Schreckens ab. Bei­de Sei­ten woll­ten wegen West­ber­lin kei­nen ato­ma­ren Krieg ris­kie­ren. Chruscht­schow brach­te einen end­lich anste­hen­den Frie­dens­ver­trag ins Gespräch und droh­te ulti­ma­tiv einen Son­der­weg mit der DDR an. Ber­lin-West soll­te den beson­de­ren Sta­tus »Freie Stadt« erhal­ten. Das hät­te den Vier-Mäch­te-Sta­tus West­ber­lins schlag­ar­tig besei­tigt. Den USA ging es allein um die alli­ier­ten Zugangs­rech­te – aus Pre­sti­ge­grün­den als west­li­cher Füh­rungs­macht. Daher kam es zum das Patt. Die »deut­sche Fra­ge« war zwar ein The­ma, im Grun­de aber rei­ne Neben­sa­che! (https://www.chronik-der-mauer.de/chronik/_year1961/ – Nie­der­schrift der Unter­re­dung N. S. Chruscht­schows mit J. F. Ken­ne­dy in Wien, 4. Juni 1961, Teil 1, sowie https://snanews.de/20210813/mauerbau-1961-westen-mauer-3174775.html – Mau­er­bau 1961: Teil 3: Westen setzt sich durch – Mau­er ver­hin­dert Atomkrieg).

Ende Juli 1961 stif­te­te zudem US-Sena­tor Wil­liam Ful­bright in einem Fern­seh-Inter­view Ver­wir­rung: »Ich ver­ste­he nicht, wes­halb die Ost­deut­schen ihre Gren­ze nicht schon längst geschlos­sen haben; ich glau­be, sie haben jedes Recht dazu.« Da aus dem Wei­ßen Haus kein Wider­spruch kam, konn­te Mos­kau anneh­men, dass eine tat­säch­li­che Abgren­zung West­ber­lins von den USA als akzep­tier­ba­rer Weg zur Lösung der Ber­lin-Kri­se ange­se­hen wur­de – ver­mut­lich mit Ken­ne­dys Segen. Er soll spä­ter gesagt haben: »Das ist kei­ne sehr schö­ne Lösung, aber eine Mau­er ist ver­dammt noch mal bes­ser als ein Krieg.«

Öffent­lich ist das Pro­to­koll eines Gesprächs zwi­schen Niki­ta Chruscht­schow und Wal­ter Ulb­richt, das am 1. August 1961 vor der Bera­tung der War­schau­er Ver­trags­staa­ten geführt wur­de (voll­stän­di­ger Wort­laut unter www. Chro­nik der Mau­er). Chruscht­schow: »Ich habe unse­ren Bot­schaf­ter gebe­ten, Ihnen mei­nen Gedan­ken dar­zu­le­gen, dass man die der­zei­ti­gen Span­nun­gen mit dem Westen nut­zen und einen eiser­nen Ring um Ber­lin legen soll­te. Das ist leicht zu erklä­ren: Man droht uns mit Krieg, und wir wol­len nicht, dass man uns Spio­ne schickt. Die­se Begrün­dung wer­den die Deut­schen ver­ste­hen. Dann wür­den Sie im Inter­es­se des War­schau­er Ver­tra­ges han­deln und nicht nur in Ihrem eige­nen Inter­es­se. Ich bin der Mei­nung, den Ring soll­ten unse­re Trup­pen legen, aber kon­trol­lie­ren soll­ten Ihre Trup­pen. Erstens muss das vor Abschluss des Frie­dens­ver­tra­ges gesche­hen. Es wäre ein Druck­mit­tel und wür­de zei­gen, dass wir das Pro­blem ernst neh­men. Wenn man uns Krieg auf­zwingt, dann wird es Krieg geben. Zwei­tens hilft das Ihnen, denn es redu­ziert die Fluchtbewegung.«

So die Mos­kau­er Agen­da. Die west­li­chen Geheim­dien­ste wur­den zum Bau­ern­op­fer, zu Dep­pen. Spä­te­stens am 12. August dürf­ten sie west­lich von Staa­ken bemerkt haben, was ich auf der Bahn­fahrt nach Stend­al ohne Fern­glas sehen konn­te: Mili­tär zog sich zusam­men. Es darf ein Rät­sel blei­ben, wie 4200 Sol­da­ten mit nahe­zu 140 Pan­zern, über 200 SPW und ande­rem Gerät unent­deckt blei­ben konn­ten. Es han­del­te sich um Sol­da­ten der Natio­na­len Volks­ar­mee, Ein­hei­ten von Kampf­grup­pen der Grenz- und Volks­po­li­zei sowie der Grup­pe der Sowje­ti­schen Streit­kräf­te in Deutsch­land (GSSD). Chruscht­schows Plan wur­de Realität.

In Pots­dam hat­ten der­weil die drei west­li­chen Mili­tär­mis­sio­nen ihren Haupt­sitz und gin­gen von dort ganz offi­zi­ell auf ihre Spio­na­ge­tou­ren durch die »Soff­jet­zo­ne«. Aus der Luft war die Roy­al Air Force von Gatow behilf­lich. Vom Teu­fels­berg betrie­ben die USA ihre Abhör­sta­ti­on zur nach­rich­ten­dienst­li­chen Auf­klä­rung. Die fran­zö­si­sche Mili­tär­spio­na­ge mach­te im Quar­tier Napo­le­on gleich­falls ihren Job. Ergo: Die ande­re Sei­te wuss­te vom Gesche­hen und hat­te Nichts­tun angesagt.

Natür­lich tour­te via RIAS & Co. eine gewal­ti­ge Empö­rungs­pro­pa­gan­da hoch. Aber in Mos­kau ging kein ein­zi­ger offi­zi­el­ler Pro­test der West­mäch­te ein! Egon Bahr über­zeug­te sich spä­ter in rus­si­schen Archi­ven von die­sem Fakt. Zugleich erin­ner­te er an einen Brief des dama­li­gen Regie­ren­den Bür­ger­mei­sters Brandt an Ken­ne­dy, wor­in die Fra­ge nach Gegen­maß­nah­men auf­ge­wor­fen wor­den war. »Und Ken­ne­dy hat­te Brandt brief­lich mit­ge­teilt, dass nie­mand die­se Mau­er weg­brin­gen könn­te ohne Krieg. Und Krieg will niemand.«

Weder in den »Mau­er­schüt­zen­pro­zes­sen« noch bei ande­ren Auf­ar­bei­tern scheint »Die Gehei­me Ver­schluss­sa­che 2. Aus­fer­ti­gung VS-Eing.-Nr. E – 65/​61 - Nr. 13/​00638 14. Sep­tem­ber 1961« eine Rol­le gespielt zu haben. Es han­delt sich um ein Schrei­ben Iwan Konews als Ober­kom­man­die­ren­der der GSSD an den DDR-Mini­ster für Natio­na­le Ver­tei­di­gung, Armee­ge­ne­ral Heinz Hoff­mann. Ein­ge­lei­tet wird die­ser Brief mit: »Zur Ver­stär­kung der Bewa­chung der Gren­ze der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik und zur Errich­tung eines stren­gen Grenz­re­gimes im Grenz­strei­fen bit­te ich Sie, bei der Lösung die­ser Fra­ge unse­re Vor­schlä­ge und Wün­sche zu berück­sich­ti­gen.« Wünsche?

Nein, ein sehr detail­lier­ter stabs­mä­ßig auf­be­rei­te­ter Befehl: »Zur Schaf­fung von Pio­nier­sper­ren, die der Deut­schen Grenz­po­li­zei zur Ver­fü­gung ste­hen sol­len, ist es ange­bracht, einen Gelän­de­strei­fen von 30 m Brei­te zuzu­wei­sen, der bis zu einem Kilo­me­ter von der Gren­ze ent­fernt ist. In die­sem Strei­fen sind Draht­sper­ren, Minen­fel­der, Signal­vor­rich­tun­gen, Beob­ach­tungs­tür­me und ein Kon­troll- und Patrouil­len­strei­fen anzu­le­gen.« In den Dienst­an­wei­sun­gen sei »es not­wen­dig, die Ord­nung für die Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt an der West­gren­ze und der Gren­ze zu den sozia­li­sti­schen Län­dern sowie im See­ab­schnitt und am Ring um Groß­ber­lin abzugrenzen.«

Die­se Quel­le im Bun­des­ar­chiv-Mili­tär­ar­chiv Straus­berg (AZN 32595, BI. 66-68) belegt, dass die DDR-Staats­gren­ze West zur Bun­des­re­pu­blik und die »Mau­er« in Ber­lin für die UdSSR und die Staa­ten des War­schau­er Ver­tra­ges als System­gren­ze zum west­li­chen Nato-Bereich gal­ten. Die »inner­deut­sche Gren­ze« war ein Kon­strukt des Kal­ten Krie­ges, eine histo­ri­sche und zeit­ge­nös­si­sche Lüge wie in rechts­hi­sto­ri­schen Betrach­tun­gen nach­zu­le­sen ist (Dr. Klaus Emme­rich »Staats­gren­zen im Kon­text ihrer Zeit – rechts­hi­sto­ri­sche Betrach­tun­gen«, 2017, Books on Demand). Sie hat­te Tote und Ver­letz­te zur Fol­ge. Jeder war einer zu viel. Dass die DDR jenen, die ihr den Rücken keh­ren woll­ten, kei­nen roten Tep­pich aus­roll­te, könn­te zumin­dest in Anbe­tracht der Kosten einer fun­dier­ten Berufs­aus­bil­dung oder eines Stu­di­ums erklär­lich sein. Trotz­dem konn­ten zwi­schen 1973 und 1983 jähr­lich durch­schnitt­lich 9.000 Men­schen aus der DDR legal in die Bun­des­re­pu­blik über­sie­deln. Zwi­schen 1984 und 1988 waren es rund 113.000, denen die »stän­di­ge Aus­rei­se« erlaubt wur­de (vgl. https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-krisenmanagement/niedergang-der-ddr/ausreise.html).

Damals wie heu­te gilt nur einer als gene­rell Schul­di­ger: Sta­lin. Wenn ja, dann in dem Sin­ne, dass er vor, in und nach Pots­dam den Ver­bün­de­ten ver­trau­te und annahm, sie wür­den das inter­na­tio­na­le Abkom­men Punkt für Punkt ein­hal­ten. Ein Trug­schluss wie spä­ter bei Gor­bat­schow. Russ­land und Rus­so­pho­bie domi­nie­ren wie­der das west­li­che Feind­bild und haben sich um Chi­na erwei­tert. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ihr Noch-Außen­mi­ni­ster Hei­ko Maas (SPD) zün­deln im Team der Macht­ha­ber im Wei­ßem Haus eif­rig mit. Es droht weit Schlim­me­res, als es Mau­ern jemals sein kön­nen. Prä­si­dent Biden pro­phe­zeit offen­her­zig einen Krieg gegen Chi­na und Russ­land wegen angeb­li­cher Cyber­at­tacken. Die Fol­ge wäre der Super-GAU.

Nicht nur der thü­rin­gi­sche Mini­ster­prä­si­dent Bodo Rame­low (Die Lin­ke) soll­te etwas gegen sei­ne histo­ri­sche Unbil­dung unter­neh­men. Die Mau­er hat­te näm­lich vie­le Väter – lan­ge vor dem 13. August 1961.