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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nato – Hinsehen, einmaliges Erlebnis

In mei­ner Offi­ziers­aus­bil­dung vor rund 40 Jah­ren lern­te ich die Schutz­mas­ke auf­zu­set­zen und die Schutz­aus­rü­stung anzu­le­gen. Licht­blitz, Atom­pilz, Druck­wel­le, Atom­ver­strah­lung. Ich ver­stand auch, dass sich hin­ter einem Erd­wall je nach der Stär­ke oder einer Beton­mau­er im Bun­ker mit Fil­ter­be­lüf­tung die Atom­strah­lung ent­spre­chend min­dert. Das konn­te man auch mathe­ma­tisch berechnen.

Und so ziem­lich am Ende der Aus­bil­dung zum Schutz gegen bio­lo­gi­sche, che­mi­sche und ato­ma­re Waf­fen­an­wen­dung mein­te unser Aus­bil­dungs­of­fi­zier – ein Major, an des­sen Namen ich mich nicht mehr erin­ne­re: Und wenn Sie den Blitz und Atom­pilz wahr­neh­men: »Hin­se­hen, ein­ma­li­ges Erleb­nis.« Von Hin­le­gen und Beton­bun­ker war dabei nicht mehr die Rede.

Mei­ne Aus­bil­dung absol­vier­te ich 1981/​82 in Zit­tau. An dem Mili­tär­flug­platz in Laage bei Rostock habe ich selbst mit­ge­baut, Staf­fel 1. Die­ser befin­det sich heu­te in der Hand der Nato.

An dem Vor­schlag von 1989/​90, dass alle aus­län­di­schen Trup­pen das Gebiet der DDR/​BRD ver­las­sen sol­len, hal­te ich für die heu­ti­ge BRD fest. Die Stär­ke der US-Trup­pen in Euro­pa beträgt meh­re­re 10.000. Deh­nen wir die­sen Vor­schlag auf ganz Euro­pa aus. Rück­zug der BRD- und ande­rer Nato-Streit­kräf­te aus ande­ren Län­dern in ihr jeweils eige­nes Land ist eben­so ein prak­ti­ka­bler Frie­dens­schritt. Ein wei­te­rer Schritt ist, das Nato-Euro­pa zur Ver­bots­zo­ne für jeg­li­che mili­tä­ri­sche Flü­ge zu erklä­ren. Die Län­der des ehe­ma­li­gen War­schau­er Ver­tra­ges, die heu­te Nato-Mit­glied sind, müs­sen wie­der aus­tre­ten. Schaf­fen wir dort eine ent­mi­li­ta­ri­sier­te Zone.

Als der War­schau­er Ver­trag sich um 1990 auf­lö­ste, die sowje­ti­schen Trup­pen sich zurück­zo­gen und die Sowjet­uni­on zer­fiel, frag­te ich mich (und ich war wohl nicht der Ein­zi­ge): Was machen jetzt USA, Nato und der Mili­tär-Indu­stri­el­le-Kom­plex, da ihnen doch der Feind abhan­den­ge­kom­men ist?

Die Ant­wort konn­te ich in der Zei­tung lesen: Irak, Afgha­ni­stan, Jugo­sla­wi­en, Liby­en, Ost-Erwei­te­rung der Nato. Die wei­te­re Ein­krei­sungs­po­li­tik der Nato gegen Russ­land war und ist sehr deut­lich erkennbar.

Es scheint nur auf den ersten Blick para­dox, wenn das kapi­ta­li­sti­sche Russ­land durch Wla­di­mir Putin im Jahr 2000 der US-Regie­rung mit Bill Clin­ton diplo­ma­tisch vor­schlug, Russ­land in die Nato auf­zu­neh­men. Das aggres­si­ve Kriegs­bünd­nis wäre grö­ßer und mili­tä­risch stär­ker gewor­den – jedoch die Zuspit­zung eines Krie­ges in Euro­pa und gegen Russ­land wäre vom Tisch.

Nun lässt sich aber mit Frie­den und Abrü­stung der erstreb­te Pro­fit aus Krieg und Rüstung nicht erzie­len. Herr­schafts­an­sprü­che sol­len durch­ge­setzt wer­den. Euro­pa soll in der inne­ren Nato-Kon­kur­renz zur domi­nan­ten USA nicht zu sehr gestärkt wer­den. Krieg und Streit brin­gen Geld. Da kön­nen sogar bei­de Sei­ten zum mör­de­ri­schen Feu­ern belie­fert werden.

Der Russ­land­krieg gegen die Ukrai­ne 2022 ist eine Ant­wort auf die Ein­krei­sungs­po­li­tik der Nato gegen Russ­land – offen­bar ein Ver­zweif­lungs­akt rechts­wid­ri­gen Selbst­schut­zes. 30 Minu­ten Rake­ten­ent­fer­nung bis zum mög­li­chen Unter­gang schnü­ren einem die Luft ab. Die Ent­schei­dungs­zei­ten bei Rake­ten­an­grif­fen ver­kür­zen sich immer wei­ter. Nicht ein­mal eine hal­be Stun­de zur Abwä­gung ver­langt auto­ma­ti­sier­te Algo­rith­men. Haben die Nato-Euro­pä­er den rus­si­schen Prä­si­den­ten ver­stan­den, wenn er sagt, dass eine Ant­wort »unver­züg­lich« erfol­ge – also sofort, ohne Zögern?

Und die USA kön­nen ihre euro­päi­schen Ver­bün­de­ten auch recht schnell fal­len las­sen: Euro­pa als Kriegs­schau­platz – eine kal­ku­lier­te Kata­stro­phe. Die gegen­sei­ti­ge gesi­cher­te Ver­nich­tung, ermor­de­te Mör­der und ermor­de­te Menschheit.

Wie­viel Zeit bleibt mir, vor die Haus­tür zu gehen, mich ohne Schutz­aus­rü­stung auf­recht hin­zu­stel­len und das ein­ma­li­ge Erleb­nis des Endes zu beschauen?

Nach den ver­nich­ten­den Euro­pa­krie­gen seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on hat August von Ein­sie­del etwa um 1814 mit inne­rer Ver­zweif­lung nie­der­ge­schrie­ben: Wie weit könn­te die Ent­wick­lung der Mensch­heit bereits fort­ge­schrit­ten sein, wenn man die mensch­li­chen Kräf­te (Arbeit und Erfin­dun­gen) nicht auf Mili­tär und Krieg ver­schwen­det, son­dern fried­lich ange­wen­det hätte.

Auf­rü­stung und Mili­tär füh­ren in die Sack­gas­se mit der laten­ten Gefahr, dass die jetzt leben­den Genera­tio­nen tat­säch­lich die letz­ten sind: von der Nato in Kauf genom­me­ner Weltuntergang.

Die huma­ne Logik ist eine ande­re: Dese­ska­la­ti­on, Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung, Sen­kung der Rüstungs­aus­ga­ben und Mili­tär­ak­ti­vi­tä­ten. Jetzt! Das Völ­ker­recht ist wei­ter­zu­ent­wickeln. Die Atom­waf­fen sind welt­weit zu äch­ten. Wann tritt die BRD die­sem Ver­trag der Ver­ein­ten Natio­nen end­lich bei? Jeg­li­che stra­te­gi­sche Fern­waf­fen und die Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen sind zu äch­ten und abzu­schaf­fen. Begin­nen müs­sen die­je­ni­gen, die über die mei­sten sol­cher Waf­fen und über­di­men­sio­na­le Rüstungs- und Kriegs­haus­hal­te ver­fü­gen und die­se hal­bie­ren – ganz klar: die Nato und USA.

Salz­we­del, den 28. Febru­ar 2022