Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nicht im Archiv erstickt

Wer nach Fran­ken reist, um Kunst ken­nen­zu­ler­nen, soll­te nicht nur die Städ­te Bay­reuth, Bam­berg, Nürn­berg oder Würz­burg besu­chen, son­dern – vor­zugs­wei­se am Sonn­tag­nach­mit­tag – auch einen Abste­cher in die Markt­ge­mein­de Neun­kir­chen am Brand (Land­kreis Forch­heim) wagen. Dort steht eine sehens­wer­te Kir­che aus dem 14. Jahr­hun­dert, die Pfarr­kir­che St. Micha­el, und in ihrem Schat­ten, im »Zehnt­spei­cher«, gibt es ein klei­nes bemer­kens­wer­tes Muse­um, das Felix-Mül­ler-Muse­um. Es ist einem »unbe­kann­ten« Künst­ler, dem Bild­hau­er und Maler Felix Mül­ler (1904–1997), gewid­met. Mül­ler gehör­te zu den hoff­nungs­vol­len Talen­ten des 20. Jahr­hun­derts, deren Künst­ler­bio­gra­fie aber gebro­chen wur­de; bei ihm sogar drei­mal. Mül­ler arbei­te­te sein gan­zes Leben gegen die­se Brü­che an. Davon zeu­gen sei­ne Skulp­tu­ren und Bil­der, die im Muse­um zu sehen sind, aber auch sei­ne zahl­rei­chen Brie­fe, in denen er davon erzählt hat.

Felix Mül­ler wur­de 1904 in Augs­burg als Sohn eines Eisen­bahn­ar­bei­ters gebo­ren. Von 1917 bis 1920 wird er an der Hand­wer­ker­fach­schu­le in Fürth zum Holz­bild­hau­er aus­ge­bil­det. Mit dem Gesel­len­brief in der Tasche geht er – nach alter Tra­di­ti­on – auf Wan­der­schaft. Auf den Stra­ßen in Süd­deutsch­land zeich­net er Bett­ler, Musi­kan­ten, Obdach­lo­se, außer­dem »stu­diert« er, wo immer sich Gele­gen­heit bie­tet, auch Wer­ke gro­ßer Künst­ler sei­ner Zeit, wie Ernst Bar­lach, Oskar Kokosch­ka, Emil Nol­de, aber auch sol­che von van Gogh und von barocken Mei­stern. 1927 gibt er die ein­tö­ni­ge Arbeit in einer Stil­mö­bel­fa­brik auf und wagt in Lau­ben­dorf (Land­kreis Fürth) den Ein­stieg in einen »schö­nen Beruf«, wie er einem Freund schreibt. Er wird frei­schaf­fen­der Künst­ler. Von nun ab schnitzt er Kru­zi­fi­xe für Prie­ster, malt far­ben­präch­ti­ge Land­schaf­ten, formt Figu­ren aus Ton. Es ist ein ent­beh­rungs­rei­ches Leben, und er mei­stert es nur dank sei­ner gro­ßen Lei­den­schaft und der Hil­fe vie­ler Freun­de. Sie kau­fen nicht nur sei­ne Arbei­ten, son­dern ver­sor­gen ihn auch mit Far­ben und ver­mit­teln Auf­trä­ge. Ab 1928 gelingt ihm der Durch­bruch als Künst­ler. Jahr für Jahr wer­den nun Arbei­ten von ihm in Nürn­ber­ger Aus­stel­lun­gen gezeigt. Mit sei­nen Pla­sti­ken und Bil­dern fin­det er nach und nach auch Aner­ken­nung bei Kri­ti­kern und Kol­le­gen. Der Weg in die Öffent­lich­keit ist 1934 schlag­ar­tig zu Ende. Gau­lei­ter Juli­us Strei­cher schmäht zwei Ton­skulp­tu­ren des Künst­lers, »Schä­fer« und »Bett­ler«, als »undeutsch« und lässt sie aus einer Aus­stel­lung ent­fer­nen. Das kommt einem Aus­stel­lungs­ver­bot gleich. Felix Mül­ler zieht sich in sei­ne Lau­ben­dor­fer »Werk­statt« zurück und arbei­tet beses­sen wei­ter. Bei allem, was er nun zeich­net, formt und malt, ist er sich immer bewusst, dass er sich damit in Gefahr begibt.

»Ich bin bestän­dig vol­ler Gedan­ken, ein Teil davon fei­ert im Jahr über dann Auf­er­ste­hung in Far­be u[nd] Holz. Alles ande­re ist mir so egal wie nur was. Ich gehe mei­nen Weg, ver­stehst Du! Ich lebe mein Leben. U[nd] schaf­fe mein Schaf­fen. Ein Abwei­chen wäre Feig­heit u[nd] Fah­nen­flucht vorm eige­nen Ich«, schreibt er 1939 an einen Freund.

In jener Zeit ent­ste­hen Wer­ke von gro­ßer Expres­si­vi­tät, wie die Zeich­nung »Mei­ne Mut­ter 64 Jahr« und auch die Holz­skulp­tur »Krist am Kreuz«. Bei­de Wer­ke sind im Muse­um zu sehen. Das Kru­zi­fix gilt in sei­ner expres­si­ven Dar­stel­lung mensch­li­cher Ver­zweif­lung heu­te als eines der her­aus­ra­gen­den Wer­ke des Künst­lers. Im Mai 1940, zwei Wochen nach der Fer­tig­stel­lung, wird er auch aus die­ser Peri­ode her­aus­ge­ris­sen und zum Kriegs­dienst ein­be­ru­fen. Damit gin­gen, so notiert er spä­ter, für ihn als Künst­ler neun Jah­re verloren.

Als Felix Mül­ler 1948 völ­lig mit­tel­los aus fran­zö­si­scher Gefan­gen­schaft zurück­kehrt, lässt er sich in Neun­kir­chen am Brand nie­der, dem Ort, in dem sei­ne Mut­ter den Krieg über­leb­te. Sofort beginnt er wie­der zu arbei­ten. Der Start ins Künst­ler­le­ben beginnt hoff­nungs­voll. Denn schon ein Jahr spä­ter wird er von der 1947 gegrün­de­ten Künst­ler­grup­pe »Der Kreis« ein­ge­la­den, in Nürn­berg aus­zu­stel­len. Aber er muss auch Geld ver­die­nen, und so kon­zen­triert er sich erst ein­mal auf das, was in der Nach­kriegs­zeit gebraucht wird. Er ent­wirft und schnitzt Haus­tü­ren, er ent­wirft Grab­stei­ne, Fir­men­schil­der, Brot­scha­len und vie­les ande­re mehr. In den 50er Jah­ren ent­ste­hen aber auch fas­zi­nie­ren­de Por­träts sei­ner Frau Ger­trud, sei­ner Mut­ter und das Bron­ze­re­li­ef »Noc­turno«, ein Hohe­lied auf die Lie­be. Mit die­sen Wer­ken kann er zwar an die Erfol­ge vor 1934 anknüp­fen, jedoch bleibt er ein Regio­nal-Künst­ler. Der west­deut­sche Kunst­be­trieb hat­te begon­nen, sich auf Abstrak­tes zu ori­en­tie­ren. Felix Mül­ler aber arbei­tet nach wie vor figür­lich, wenn nun auch in einem eige­nen Stil. Damit ist ihm der Weg in die west­deut­sche Kunst­sze­ne weit­ge­hend ver­wehrt. Er baut sich abseits des Kunst­be­trie­bes einen Freun­des­kreis von Samm­lern auf, mit denen er regen Aus­tausch, auch in Brie­fen, pflegt. Es ent­ste­hen nun aber auch Wer­ke für den öffent­li­chen Raum, Mahn­ma­le gegen den Krieg, Grab­plat­ten, Ent­wür­fe für Kir­chen­fen­ster, Land­schafts­bil­der, in denen die Far­ben regel­recht explo­die­ren, Ansich­ten der Kir­che von Neun­kir­chen am Brand, Madonnenfiguren.

In den 1980er Jah­ren beginnt er sein Werk zu sich­ten und zu ord­nen. Sein gro­ßer Wunsch ist es, dass sei­ne »Arbei­ten in kei­nem Archiv ersticken«, so kommt es für ihn nicht infra­ge, den Nach­lass dem Pfalz­mu­se­um in Forch­heim oder gar dem renom­mier­ten Ger­ma­ni­schen Natio­nal­mu­se­um in Nürn­berg zu über­las­sen. Seit 1984 ist er Ehren­bür­ger der Markt­ge­mein­de Neun­kir­chen am Brand, und so ver­fügt er, sein Werk der Gemein­de zu über­ge­ben, und ver­pflich­tet sie, den Nach­lass zu erhal­ten und öffent­lich zu präsentieren.

Drei Jah­re nach sei­nem Tod, am 21. Juli 2000, wird das Felix-Mül­ler-Muse­um im ersten Stock des »Zehnt­spei­chers« eröff­net. 2007 gibt der Markt Neun­kir­chen Mül­lers Brie­fe an sei­nen Freund Karl Schwab her­aus, drei Jah­re spä­ter erscheint der Brief­wech­sel des Künst­lers mit sei­ner Mut­ter wäh­rend der Kriegsgefangenschaft.

Im Juli besteht das Muse­um zwan­zig Jah­re. Gefei­ert wer­den soll­te das mit einem Kon­zert und mit einer Aus­stel­lung, in der auch Leih­ga­ben aus Pri­vat­be­sitz zu sehen sein soll­ten. Bei­des ist auf unbe­stimm­te Zeit ver­scho­ben wor­den. Aber viel­leicht gelingt es dem Muse­um, das jähr­lich bis­her nur 900 Besu­cher zählt, schon vor­her Auf­merk­sam­keit außer­halb der Regi­on Nürn­berg, Erlan­gen, Fürth und Forch­heim zu fin­den. Denn dort gibt es nicht nur das Wer­den eines Künst­lers im 20. Jahr­hun­dert zu erkun­den, son­dern auch eini­ge her­aus­ra­gen­de Kunst­wer­ke zu entdecken.

 

Das Muse­um ist seit dem 17. Mai wie­der geöff­net, immer sonn­tags von 15 bis 17 Uhr. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Muse­um unter www.neunkirchen-am-brand.de/freizeit/fmm