Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nichtmehrmitmachen

Zu mei­nem durch­aus gro­ßen Bedau­ern sehe ich mich ver­an­lasst, nach nun­mehr fast 23 Jah­ren mei­ne Mit­glied­schaft in der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands mit sofor­ti­ger Wir­kung zu been­den. Der Grund für mei­ne Ent­schei­dung liegt dar­in, dass ich es leid bin, seit über einem Jahr mit anzu­se­hen, wie sich die SPD von der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung mit ihren unan­tast­ba­ren Grund­rech­ten ver­ab­schie­det und sich – frei nach dem von mir hoch­ge­schätz­ten Heri­bert Prantl – als »Laut­spre­cher der Viro­lo­gie anstel­le der Demo­kra­tie« geriert, allen vor­an der uner­träg­li­che Genos­se Lau­ter­bach. In der jüngst erschie­ne­nen, äußerst lesens­wer­ten Brand­schrift (»Not und Gebot: Grund­rech­te in Qua­ran­tä­ne«, Mün­chen 2021) des Juri­sten, ehe­ma­li­gen Rich­ters und Staats­an­walts sowie lang­jäh­ri­gen Res­sort­lei­ters der Süd­deut­schenZei­tung gegen die Maß­lo­sig­keit und Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der seit über einem Jahr andau­ern­den, über­aus dum­men Coro­na-Poli­tik fin­den sich jede Men­ge wei­te­rer kon­zi­ser Ein­las­sun­gen wie nach­fol­gen­de Aus­wahl illustriert:

»Noch nie in der Geschich­te ist das Leben der Men­schen außer­halb von Gefäng­nis­sen so strikt regu­liert wor­den wie in der Coro­na-Zeit« (S. 8).

»Die Sicher­heits­ge­set­ze, die zur Zeit des Ter­ro­ris­mus ver­hängt wur­den, fan­den in der Coro­na-Zeit nicht nur ihre begrüß­te Fort­set­zung, son­dern ihre will­kom­me­ne Poten­zie­rung« (S. 8).

»Mit begrün­dungs­lo­sen Ver­ord­nun­gen hat die Ver­wal­tung die Ver­samm­lungs- und Reli­gi­ons­frei­heit auf­ge­ho­ben, die Frei­zü­gig­keit abge­schal­tet, gewerb­li­che Tätig­kei­ten mas­siv beein­träch­tigt, das Recht auf Bil­dung und Erzie­hung ver­dünnt; alte und behin­der­te Men­schen wur­den nur noch unzu­rei­chend ver­sorgt« (S. 10).

»Die­ses Maß der Mit­tel wird im demo­kra­ti­schen Rechts­staat vom Recht bestimmt, nicht von Stim­mun­gen und auch nicht von der Viro­lo­gie« (S. 42).

»Die Grund­rechts­ein­grif­fe im Coro­na-Jahr 2020 sind extre­mer, als man es in den sech­zi­ger Jah­ren befürch­te­te, als gegen die Not­stands­ge­set­ze demon­striert wur­de« (S. 50).

»Der Deut­sche Bun­des­tag hat am 25. März 2020 den Löf­fel abge­ge­ben. Damals hat er die ›epi­de­mi­sche Lage von natio­na­ler Trag­wei­te‹ fest­ge­stellt. Die­se Fest­stel­lung war rich­tig, aber die damit ver­bun­de­ne Selbstent­mach­tung war falsch, gefähr­lich und anhal­tend schäd­lich« (S. 87).

»In der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie gibt es eine Gestal­tungs­pflicht des Gesetz­ge­bers. Der Bun­des­tag hat sich in der Coro­na-Poli­tik die­ser Auf­ga­be ent­zo­gen; er hat sei­ne Pflicht ver­ra­ten; er hat erlaubt, was das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­bo­ten hat: dass in blo­ßen Rechts­ver­ord­nun­gen der Ver­wal­tung ›ori­gi­när poli­ti­scher Gestal­tungs­wil­le der Exe­ku­ti­ve zum Aus­druck‹ kommt« (S. 87).

»Das Par­la­ment hat die Demo­kra­tie beschä­digt, weil es dem Volk zu ver­ste­hen gab, daß es zu schwach ist für Ent­schei­dun­gen in Kri­sen­zei­ten« (S. 88).

»Die coro­na­le Selbst­verzwer­gung des Par­la­ments wird nicht been­det. Es ist maka­ber: Im Ver­tei­di­gungs­fall, dann also, wenn Deutsch­land mili­tä­risch ange­grif­fen wird, hat das Par­la­ment mehr Rech­te als heu­te nach den Pan­de­mie-Regeln« (S. 89).

Nicht erwähnt ist in die­ser Auf­zäh­lung die im Grund­ge­setz nicht vor­ge­se­he­ne exe­ku­ti­ve Selbst­er­mäch­ti­gung der soge­nann­ten »Mini­ster­prä­si­den­ten­kon­fe­renz (MPK)« sowie dar­über hin­aus die mit der soeben ver­ab­schie­de­ten Neu­fas­sung des »Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes« erfolg­te Aus­he­be­lung des in der Ver­fas­sung ver­an­ker­ten Föderalismusgebotes.

An der vor­ste­hend skiz­zier­ten skan­da­lö­sen Poli­tik des Demo­kra­tie­ver­rats hat sich die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands in expo­nier­ter Funk­ti­on als Regie­rungs­par­tei in Tat­ge­mein­schaft mit den Koali­ti­ons­part­nern von der CDU/​CSU betei­ligt. Ange­sichts des­sen muss es frei­lich als noch skan­da­lö­ser erschei­nen, dass im Bun­des­tag der­zeit ledig­lich die FDP als die habi­tu­el­le Par­tei der orga­ni­sier­ten Nie­der­tracht in Gestalt der Inter­es­sen­ver­tre­tung der Bes­ser­ver­die­nen­den sowie die Westen­ta­schen-Nazis von der AfD auf die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Grund­rech­te der hier­zu­lan­de leben­den Men­schen pochen.

Wenn ich mir somit das Geba­ren der Polit-Cov­idio­ten an den Schalt­he­beln der Macht, das erbärm­li­che Ver­hal­ten von Par­la­men­ta­ri­ern ohne Rück­grat, die hirn­los jedes Ermäch­ti­gungs­ge­setz abnicken, sowie die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit mathe­ma­tisch-sta­ti­sti­scher Analpha­be­ten hier­zu­lan­de, die obrig­keits­hö­rig wie eh und je jeden regie­rungs­amt­lich ange­ord­ne­ten Schwach­sinn mit­ma­chen, anse­he, kann ich getreu Max Lie­ber­mann gar nicht so viel fres­sen, wie ich kot­zen möch­te. All jenen Grund­rech­te­ver­äch­tern soll­te man eine Gei­stes­grö­ße wie Wil­helm von Hum­boldt um die Ohren hau­en, der sich ein­stens ent­schie­den gegen jede Staats­tä­tig­keit äußer­te, »wel­che die Frei­heit der Bür­ger aus Sor­ge um den phy­si­schen oder mora­li­schen Zustand der Nati­on ein­engt«, und »das Princip, daß die Regie­rung für das Glück und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nati­on sor­gen muß, … de(n) ärgste(n) und drükkendste(n) Des­po­tis­mus« nennt und wei­ter­hin anmerkt: »Der Staat ent­hal­te sich aller Sorg­falt für den posi­ti­ven Wohl­stand der Bür­ger, und gehe kei­nen Schritt wei­ter, als zu ihrer Sicher­stel­lung gegen sich selbst, und gegen aus­wär­ti­ge Fein­de nothwen­dig ist; zu kei­nem ande­ren End­zwek­ke beschrän­ke er ihre Frei­heit« (Wil­helm von Hum­boldt: Ideen über Staats­ver­fas­sung, durch die neue fran­zö­si­sche Con­sti­tu­ti­on ver­an­laßt, 1791, zitiert nach Georg Geismann: Ethik und Herr­schafts­ord­nung, Tübin­gen 1974, S. 50 f).

Nach­schau­en könn­ten die Laut­spre­cher der Viro­lo­gie auch mal bei Imma­nu­el Kant, der im Hin­blick auf jene Form von Staats­despo­tis­mus lako­nisch ange­merkt hat­te, dass man »viel­leicht bewei­sen (könn­te), daß dem ande­ren mei­ne Hand­lung nütz­te –, aber er ist dabei doch nicht frey« (ebd., S. 54).

Letz­te­re Kon­klu­si­on fin­det ihre schla­gen­de Bestä­ti­gung durch kei­nen Gerin­ge­ren als den lang­jäh­ri­gen Außen­mi­ni­ster der Sowjet­uni­on, Andrej Gro­my­ko, bekannt­lich ein über jeden Zwei­fel erha­be­ner »lupen­rei­ner Demo­krat«, um es mit dem berühm­ten Apho­ris­mus des Genos­sen der Bos­se, Ger­hard Schrö­der, zu for­mu­lie­ren. Jener hat­te zu Beginn der fünf­zi­ger Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts die Rai­son d‘être der in sei­nem Lan­de herr­schen­den kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur in die berühm­te Sen­tenz gefasst: »Our pur­po­se (…) is the well-being of the peop­le, whe­ther they like it or not« (ebd., S. 54). Auf die aktu­ell nicht nur hier­zu­lan­de herr­schen­den Ver­hält­nis­se gewen­det lau­tet die­se Maxi­me nur leicht modi­fi­ziert: »Our pur­po­se is kee­ping peop­le healt­hy, whe­ther they like it or not.«

Ich den­ke, hin­rei­chend deut­lich klar­ge­legt zu haben, wes­halb ich eine der­ar­ti­ge Poli­tik des Demo­kra­tie­ver­rats weder zu unter­stüt­zen noch gar mich dar­an aktiv zu betei­li­gen gedenke.

In die­sem Sin­ne ver­blei­be ich mit der sar­ka­sti­schen Devi­se einer lei­der nur all­zu klei­nen Grup­pe von Kunst­schaf­fen­den in unse­rem Lan­de, die sowohl noch ihre Tas­sen im Schrank als auch einen Arsch in der Hose haben und dafür selbst­re­dend prompt von einer system­hö­ri­gen Rudel­jour­nail­le aufs Übel­ste dif­fa­miert wur­den: alles­dicht­ma­chen /​ nie­wie­der­auf­ma­chen /​ lock­down­fürim­mer.

 

Der Text ist die leicht über­ar­bei­te­te Ver­si­on eines Briefs an die Vor­sit­zen­den der SPD, mit dem der Autor sei­nen Par­tei­aus­tritt erklärte.