Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Österreichs katholische Antwort auf die Krise

»… denn unser ist das Reich und die Kraft und die Herr­lich­keit in Ewig­keit – Amen.« Die­ser inni­ge Schluss­satz eines deut­schen Spit­zen­po­li­ti­kers mit katho­lisch öster­rei­chi­schen Wur­zeln in den 1930er Jah­ren zeigt uns, wie nach­hal­tig das reli­giö­se Bewusst­sein, auch unter­be­wusst, die poli­ti­sche Pra­xis befruch­ten kann.

Im säku­la­ren Öster­reich der 2. Repu­blik ist die Tren­nung von Kir­che und Staat ein wesent­li­ches Ele­ment der Ver­fas­sung. Den­noch ist die Alpen­re­pu­blik mehr­heit­lich katho­lisch, vom Hei­li­gen Land Tirol bis an die Gren­zen zu den sehr geschätz­ten katho­li­schen Nach­barn Slo­wa­kei und Ungarn. Nur das Rote Wien berei­tet man­chen Poli­ti­kern ein wenig Sor­gen, in der Haupt­stadt wird mehr­heit­lich anders gebe­tet, wenn über­haupt. Vie­le der Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten haben ihre Kar­rie­re ja als Mini­stran­ten beim sonn­täg­li­chen Hoch­amt begon­nen, um dann als Mini­ster ange­lobt zu wer­den. Auf dem Höhe­punkt sei­ner Lauf­bahn darf dann manch ehe­ma­li­ger Mini­strant – mini­stra­bel gewor­den – der Repu­blik in ihrer Gebrech­lich­keit und Wür­de dienen.

»Es war, als hätt’ der Him­mel die Erde still geküsst«, so lie­ße sich das Nah­ver­hält­nis der Kir­che zu die­sen Poli­ti­kern poe­tisch unver­fäng­lich umschrei­ben. Tat­säch­lich nah­men man­che Reli­gi­ons­ver­tre­ter in Öster­reich die Ein­la­dung des Natio­nal­rats­prä­si­den­ten zu einem Gebets­früh­stück im Par­la­ment an. Bröt­chen­es­sen, beten und sin­gen für wohl­fei­le 10.000 Euro Ver­an­stal­tungs­ko­sten, »ver­gelts Gott«. Die Alter­na­ti­ve, die­se Ver­an­stal­tung in der »Dol­lfuß-Kapel­le« im Bun­des­kanz­ler­amt statt­fin­den zu las­sen, wur­de bis­her nicht ven­ti­liert. Nach den Coro­na-Bestim­mun­gen hät­ten in die­sem schnucke­li­gen Sakral­raum genau 1,7 Früh­stücks­be­ter mit Bröt­chen Platz gefun­den, was die Kosten für die ohne­hin schon hoch ver­schul­de­te Repu­blik auf ein erträg­li­ches Maß redu­ziert hät­te. Kom­mu­ni­on hat ja auch immer etwas mit Kom­mu­ni­ka­ti­on zu tun, das unter­schei­det die Hei­li­ge Mes­se von den Pres­se­kon­fe­ren­zen der Regierung.

Über­haupt begibt sich der Par­la­ments­prä­si­dent, obzwar mit säku­la­rem Auf­trag aus­ge­stat­tet, nur sel­ten vom Him­mel auf die Erde, höch­stens zum Früh­stück mit sei­nen (christ­lich-sozia­len) Par­tei­brü­dern und -schwe­stern. Er pflegt in sei­ner Funk­ti­on als katho­li­scher Cel­list beste Kon­tak­te bin hin­ein in die höch­sten Krei­se der Hei­li­gen und Seli­gen, zu denen auch Coro­na, die blut­jun­ge, früh­christ­li­che Mär­ty­re­rin gehört – sie hät­te sich in der Regie­rungs­rie­ge der Seli­gen viel­leicht ganz gut gemacht, ja, könn­te als Patro­nin des Gel­des, der Metz­ger und Schatz­grä­ber wah­re Wun­der wir­ken. In ihrem Leben, vor allem aber in ihrem Tod, der nicht grip­p­ebe­dingt war, führ­te sie uns im wahr­sten Sinn des Wor­tes die Zer­ris­sen­heit der mensch­li­chen Exi­stenz vor Augen. Es wird ja berich­tet, dass sie von ihren Pei­ni­gern zwi­schen zwei Pal­men am Strand buch­stäb­lich zer­ris­sen wur­de. Wer poli­tisch denkt, was am Mit­tags­tisch öster­rei­chi­scher Par­la­men­ta­ri­er sogar an katho­li­schen Fei­er­ta­gen der Fall sein kann, der denkt natür­lich an die Zer­ris­sen­heit der Frau in unse­rer Gesell­schaft. Eine exi­sten­ti­el­le Zer­ris­sen­heit zwi­schen Beruf und Fami­lie, zwi­schen der Küche und dem Kin­der­zim­mer, zwi­schen dem rech­ten und dem lin­ken Mini­stran­ten. Hier wird die Durch­drin­gung des Frauseins von der Ent­schei­dungs­ge­walt des poli­tisch den­ken­den Man­nes oder gar Mini­sters, nicht nur in Öster­reich, offenkundig.

Neben der Kir­che spielt bekannt­lich auch die Kunst in Öster­reich eine her­aus­ra­gen­de Rol­le – gera­de in Zei­ten, in denen gilt: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Ret­ten­de auch.« Fie­ber und Kunst sind im kri­ti­schen Zustand unse­rer Gegen­wart glei­cher­ma­ßen ansteckend. Das kam auch in der Mon­ar­chie schon vor, in jener vor­de­mo­kra­ti­schen Epo­che, die bis in die Zwei­te Repu­blik hin­ein zu wir­ken scheint, etwa wäh­rend der Spa­ni­schen Grip­pe, die mehr Tote for­der­te als der erste Welt­krieg. Die bil­den­den Künst­ler zum Bei­spiel, vor allem die Maler, wur­den emp­find­lich dezi­miert, was dem katho­li­schen Bür­ger­tum, in dem vie­le Samm­ler zu fin­den sind, durch­aus zu pass kam. Man stel­le sich nur vor, ein Work­aho­lic wie Schie­le wäre nicht von die­ser Seu­che, der alt­vor­de­ren Ver­wand­ten von Covid & Co dahin­ge­rafft wor­den. Wien wäre mit Schie­le­bil­dern über­schwemmt, in jedem Wie­ner Haus­halt, in den Kin­der­zim­mern und Sakri­stei­en, in den Ope­ra­ti­ons­sä­len und Par­la­ments­toi­let­ten wür­de je min­de­stens eine unan­stän­di­ge Schie­le-Zeich­nung hän­gen. Du lie­ber Him­mel! Das wäre fatal für den Kunst­markt und ein Desa­ster für die Moral des Bil­dungs­bür­ger­tums, das zwi­schen Küche und Kin­der­zim­mer eine eige­ne klei­ne, aber herr­li­che katho­li­sche Repu­blik erschaf­fen hat, wo wirk­lich ger­ne gebe­tet wird – denn unser ist das (Öster-)Reich und die Kraft und die Herr­lich­keit in Ewig­keit – Amen.

An die­ser Stel­le muss ich, um Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den, als Wie­ner Kor­re­spon­dent Abbit­te lei­sten: Die katho­li­sche Kir­che hat auf der »Insel der Seli­gen« (so nann­te Papst Paul VI Öster­reich) viel Gutes getan und ver­mit­telt eine Kul­tur der Soli­da­ri­tät weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus. Genau­so wie die ande­ren Kir­chen­ge­mein­schaf­ten, aber mit grö­ße­rem Gewicht, bil­det sie durch viel Enga­ge­ment ein Kor­rek­tiv zur sozi­al-öko­no­mi­schen Käl­te, die von poli­ti­schen Eli­ten pro­pa­giert wird, zu jenen also, die eine Repu­blik mit einem Unter­neh­men ver­wech­seln, in dem diver­se sozia­le Errun­gen­schaf­ten nur Stör­fak­to­ren sind. Vie­le Kir­chen­ver­tre­ter sind red­lich dar­um bemüht, die­ses men­schen­ver­ach­ten­de Gesell­schafts­bild zurecht­zu­rücken und die in ihrem fehl­ge­lei­te­ten Glau­ben über­eif­ri­gen Poli­ti­ker in die Schran­ken zu wei­sen. Mit über­schau­ba­rem Erfolg, wie wir wis­sen. Got­tes Wege sind und blei­ben eben unergründlich.