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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Offener Brief aus dem Jahr 1870

Wer heu­te ange­sichts von Bre­x­it und wach­sen­dem Natio­na­lis­mus in der EU die »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« als Ziel pro­kla­miert, gilt als Träu­mer oder unver­bes­ser­li­cher Uto­pist. Wer das 1870 pro­kla­mier­te, mit­ten im von Preu­ßen pro­vo­zier­ten Krieg gegen den »Erb­feind« Frank­reich, galt als Ver­rä­ter an der natio­na­len Sache. Auch und gera­de wenn er als Fran­zo­se auf der Ver­lie­rer­sei­te stand. Und ganz beson­ders, wenn er den deut­schen Sieg bei Sedan und die Gefan­gen­nah­me Napo­le­ons III. begrüßt hat­te, weil das zur Aus­ru­fung der 3. fran­zö­si­schen Repu­blik führte.

Man sieht schon, dass es sich beim Ver­fas­ser um jeman­den han­del­te, der nicht vor­zugs­wei­se in den Kate­go­rien eth­ni­scher Kol­lek­ti­ve dach­te wie die mei­sten Zeit­ge­nos­sen damals und heu­te. Auf­ent­hal­te in Mün­chen und Frank­furt hat­ten ihm Freun­de unter sei­nen deut­schen Maler­kol­le­gen und Aner­ken­nung beim Publi­kum gebracht. Er schrieb dar­über: »So wie ich for­dert Ihr, indem Ihr Frei­heit für die Kunst ver­lang­tet, Frei­heit auch für die Völ­ker. Mit­ten unter Euch, glaub­te ich mich zu Hau­se und unter Brü­dern; wir tran­ken auf das Wohl Frank­reichs und auf die künf­ti­ge euro­päi­sche Repu­blik; noch in Mün­chen – ver­gan­ge­nes Jahr – schwör­tet Ihr mit hei­li­gen Eiden, Euch in kei­ner Wei­se an Preu­ßen anzu­schlie­ßen.« Es kam anders und die hei­li­gen Eide waren schnell ver­ges­sen. Gust­ave Cour­bet aber – von ihm ist hier die Rede – hielt an sei­ner Über­zeu­gung fest, dass, wer für sei­nen jewei­li­gen »Cäsa­ren« in den Krieg zieht, nur an den Ket­ten schmie­det, in die er selbst gelegt wird. So beschwor er die in Frank­reich ein­ge­fal­le­nen Sol­da­ten von jen­seits des Rheins in einem offe­nen Brief an die deut­sche Armee, den er am 29. Okto­ber 1870 im Pari­ser Athe­nä­um-Thea­ter ver­las, umzu­keh­ren, zu ihren Frau­en und Kin­dern zurück­zu­keh­ren: »Gebt Eurem natür­li­chen Emp­fin­den nach, denn es ist schwie­rig, das Böse zu ver­hin­dern; Ihr wer­det uns nicht ver­nich­ten, und Ihr wer­det für Eure Taten vor der Mensch­heit büßen.«

Sein danach von ihm ver­le­se­ner Brief an die deut­schen Künst­ler hat­te es noch mehr in sich. Zunächst kri­ti­sier­te er sie und ihre Lands­leu­te hef­tig dafür, nicht mehr, wie ihre Vor­vä­ter es taten, ihre Kai­ser »manch­mal zum Erzit­tern« zu brin­gen, son­dern sich vor dem Preu­ßen­kö­nig »flach auf den Bauch zu wer­fen«, wenn der nur den Fin­ger hebe. Spä­te­stens seit der Aus­ru­fung der Repu­blik in Frank­reich han­de­le es sich um einen Krieg, der »infa­mer ist als die schmut­zig­sten Krie­ge des Feu­da­lis­mus«. Dann folg­te ein Appell an die Ver­nunft und an die gemein­sa­men Inter­es­sen. Nicht umsonst hat­te sein Freund Cas­ta­gna­ry Cour­bet – nicht nur wegen Sujets wie den »Stei­ne­klop­fern«, son­dern wegen Cour­bets poli­ti­scher Hal­tung seit der Revo­lu­ti­on von 1848 – als »ersten sozia­li­sti­schen Maler« bezeich­net: »Man nennt Euch bedürf­tig, umso bes­ser; in Frank­reich ist die Armut ein Zeug­nis für Red­lich­keit; allein die Rei­chen haben die Mit­tel zu steh­len; wir kön­nen uns also ver­stän­di­gen.« Cour­bet schlug vor, die Grenz­pfäh­le zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich nie­der­zu­le­gen, die Zita­del­len zu schlei­fen und die Arme­en bei­der­sei­tig abzu­schaf­fen, denn sie sei­en über­flüs­sig, wenn es kei­ne Gren­zen mehr gebe: »Nur die Mör­der wer­den noch töten, wenig­stens ist dies unse­re Hoff­nung«. Dann wer­de man sich »aber­mals die Hand drücken, und wir wer­den ansto­ßen: auf die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa«. Am Schluss des offe­nen Brie­fes hieß es: »Lasst uns Eure Kano­nen von Krupp, und wir wer­den sie mit den uns­ri­gen zusam­men ein­schmel­zen; die letz­te Kano­ne, die Mün­dung in die Luft, die phry­gi­sche Müt­ze oben­auf, das Gan­ze auf ein Posta­ment gesetzt, das sei­ner­seits auf drei Kano­nen­ku­geln auf­liegt, und die­ses kolos­sa­le Monu­ment, das wir gemein­sam auf der Place Ven­dô­me errich­ten wer­den, dies sei Eure Säu­le, Eure und unse­re, die Säu­le der Völ­ker, die Säu­le Deutsch­lands und Frank­reichs, die dann auf immer ver­eint sind.« Auch die­se Idee Cour­bets blieb eine schö­ne Uto­pie. Kano­nen von Krupp spiel­ten in den bei­den Welt­krie­gen des 20. Jahr­hun­derts wei­ter ihre Rol­le. Der deut­sche und der fran­zö­si­sche Rüstungs­ex­port in alle Welt ist nach wie vor beträcht­lich. Und zur Stär­kung der Ein­heit und Rol­le Euro­pas wird heu­te der Auf­bau einer gemein­sa­men Mili­tär­macht propagiert.

Im Übri­gen stand sei­ner­zeit auf der Place Ven­dô­me bereits eine Säu­le, die 1806-10 zu Ehren Napo­le­ons aus ein­ge­schmol­ze­nen, in der Schlacht von Auster­litz erbeu­te­ten rus­si­schen und öster­rei­chi­schen Kano­nen errich­tet wor­den war. Sie wur­de wäh­rend der kur­zen Zeit der Pari­ser Kom­mu­ne von 1871 zer­stört. Cour­bet wur­de als Kunst­kom­mis­sar der Kom­mu­ne nach deren Nie­der­schla­gung für die Zer­stö­rung ver­ant­wort­lich gemacht und zu sechs Mona­ten Gefäng­nis ver­ur­teilt. 1873 ging er in die Schweiz ins Exil, nach­dem er in einem erneu­ten Pro­zess zum Scha­dens­er­satz für die Ven­dô­me-Säu­le ver­ur­teilt wor­den war. Die Säu­le wur­de selbst­ver­ständ­lich wiederhergestellt.