Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Portrait kommentiert – endlich

Am 3. April erreich­te mich eine E-Mail von der Post­stel­le des Bundeskanzleramtes.

Wört­lich aus dem Inhalt: »… Ich dan­ke Ihnen für ihre Anre­gung im Hin­blick auf den Umgang mit dem Foto von Herrn Dr. Glob­ke im Bun­des­kanz­ler­amt (BKAmt). Nach reif­li­cher Prü­fung und in Abstim­mung mit der Histo­ri­ker­kom­mis­si­on, die mit der Auf­ar­bei­tung der Histo­rie des Bun­des­kanz­ler­am­tes betraut ist, wur­de ent­schie­den, dass eine Ent­fer­nung des Bil­des von Dr. Glob­ke dem Anlie­gen der Trans­pa­renz nicht gerecht wer­den kann. Im Sin­ne einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der deut­schen Geschich­te wur­de nun unter dem Foto von Herrn Dr. Glob­ke in der Por­trait­ga­le­rie des Chefs des Bun­des­kanz­ler­am­tes ein Hin­weis­schild ange­bracht, das auf sei­ne Tätig­keit in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und sei­ne Mit­wir­kung an den Ras­se­ge­set­zen hinweist.«

Ergän­zend folg­te am 6. April eine wei­te­re Mail mit dem Text:

»Dr. Hans Glob­ke, Chef des Bun­des­kanz­ler­am­tes von 1953 bis 1963, war im natio­nal­so­zia­li­sti­schen Deutsch­land Mit­ver­fas­ser des ersten Kom­men­tars zu den Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­zen von 1935. Als Beam­ter im Reichs­mi­ni­ste­ri­um des Innern betei­lig­te er sich an deren wei­te­rer Aus­ge­stal­tung und Umset­zung auch in den spä­ter besetz­ten Gebie­ten. Die Nürn­ber­ger Geset­ze spra­chen ›Nicht-Ari­ern‹ die Bür­ger­rech­te ab, ver­bo­ten ihnen die Ehe­schlie­ßung mit Nicht­ju­den und kon­kre­ti­sier­ten durch die ras­si­sti­sche Defi­ni­ti­on des Begriffs ›Jude‹ die Anwen­dung eines Geset­zes, das Juden von öffent­li­chen Ämtern aus­schloss. Die Gesetz­ge­bung, an der Hans Glob­ke mit­wirk­te, bil­de­te eine Grund­la­ge für die Ver­fol­gung, Depor­ta­ti­on und Ermor­dung der deut­schen und euro­päi­schen Juden sowie der Sin­ti und Roma.«

Begon­nen hat­te die­se bis dato uner­träg­li­che Ange­le­gen­heit mit mei­ner Nach­fra­ge im Jahr 2018 (sie­he Ossietzky 18/​2018). Damals, im Sep­tem­ber 2018, war von Klaus Bäs­t­lein das Buch »Der Fall Glob­ke, Pro­pa­gan­da und Justiz in Ost und West« erschie­nen (Metro­pol Ver­lag, Ber­lin). Es wur­de im Febru­ar 2019 in Ber­lin im Audi­to­ri­um der Topo­gra­phie des Ter­rors öffent­lich vorgestellt.

Der Autor kam als Histo­ri­ker und Voll­ju­rist anhand sei­ner Nach­for­schun­gen zu dem Schluss, Glob­ke habe nicht nur die NS-Ras­sen­ge­set­ze kom­men­tiert, son­dern auch jene Ver­ord­nun­gen ver­fasst, die der Depor­ta­ti­on der Juden den Weg in die Ver­nich­tungs­la­ger berei­te­ten und maß­geb­lich die Wei­chen für den Holo­caust stell­ten. Denn: »Hans Glob­ke war ein NS-Schreib­tisch­tä­ter. Er hat kei­nen Men­schen eigen­hän­dig getö­tet. Das tat auch Adolf Eich­mann nicht. Doch Glob­ke schuf die juri­sti­schen Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden. Ohne die Defi­ni­ti­on, wer als ]ude zu gel­ten hat­te, und ohne Rege­lun­gen über die Aus­lö­schung ihrer bür­ger­li­chen Exi­stenz samt Ver­mö­gens­ein­zie­hung wären die Depor­ta­tio­nen und damit der Mas­sen­mord nicht mög­lich gewesen.«

Klaus Bäs­t­lein ist kei­nes­wegs der DDR-Nost­al­gie zu ver­däch­ti­gen. Nach­dem er sich inten­siv mit dem 1963 geführ­ten Ver­fah­ren des Ober­sten Gerichts der DDR gegen Glob­ke befasst hat­te, stell­te er fest, dass die­ses gericht­li­che Ver­fah­ren, »das zu pro­pa­gan­di­sti­schen Zwecken durch­ge­führt und rechts­staats­wid­rig vor­be­rei­tet wur­de, zu einem juri­stisch ein­wand­frei­en und in sei­ner histo­ri­schen Sub­stanz beacht­li­chen Urteil führte«.

Zu die­ser Auf­fas­sung war nach 1990 bereits das Insti­tut für Straf­recht der Uni­ver­si­tät von Amster­dam unter Feder­füh­rung von Chri­stia­an F. Rüter und Dick W. de Mildt gelangt. In der Samm­lung »DDR-Justiz und NS-Ver­bre­chen« wur­den Straf­ur­tei­le von 1945 bis 1990 publi­ziert. Unter dem Buch­sta­ben G auf der Liste der ange­klag­ten Män­ner: Glob­ke, Hans lebens­läng­lich 1068. (Die Num­mer führt zur Ein­zel­aus­fer­ti­gung des Urteils des Ober­sten Gerichts der DDR vom 23. Juli 1963.) Der Name des frü­he­ren Kanz­ler­amts­chefs war auf­ge­nom­men wor­den, weil das in der DDR geführ­te Ver­fah­ren weder als rechts­staats­wid­rig bewer­tet wur­de noch nach 1991 eine Reha­bi­li­ta­ti­on durch ein bun­des­deut­sches Gericht erfolgte.

Unter Ver­weis auf den Besuch von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel in der Gedenk­stät­te Ausch­witz hat­te ich mich im vori­gen Jahr noch­mals nach dem Umgang mit Glob­kes Por­trait im Amt erkun­digt. Mer­kel hat­te in Ausch­witz die »Ver­pflich­tung zur Erin­ne­rung an die NS-Ver­bre­chen« betont und erklärt: »Uns die­ser Ver­ant­wor­tung bewusst zu sein, ist fester Teil unse­rer natio­na­len Iden­ti­tät, unse­res Selbst­ver­ständ­nis­ses als auf­ge­klär­te und frei­heit­li­che Gesell­schaft, als Demo­kra­tie und Rechtsstaat.«

Sei es, wie es sei: Die Ant­wort und das Ergeb­nis sind zu begrü­ßen. Ein Anfang ist gemacht. Viel­leicht wäre das Por­trait durch das Cover von Bäs­t­leins Buch ersetz­bar: G. in schwar­zer Nazi-Uni­form und unter­tä­nig als Bon­ner Staatsdiener.