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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Preiswürdig

Düs­sel­dorfs Stadt­rat erhob im Jahr 2006 ein sol­ches Geschrei, dass der öster­rei­chi­sche Dich­ter Peter Hand­ke den ihm zuge­dach­ten, von Düs­sel­dorf gestif­te­ten Hein­rich-Hei­ne-Preis ablehn­te. Die Schau­spie­ler Käthe Rei­chel und Rolf Becker sowie Ossietzky-Her­aus­ge­ber und -Redak­teur Eck­art Spoo rie­fen damals dazu auf, für einen Ber­li­ner Hein­rich-Hei­ne-Preis zu spen­den, den Hand­ke gera­de auch wegen sei­nes stän­di­gen Bemü­hens um die Wahr­heit über Ser­bi­en erhal­ten soll­te. Ziel war es, 50.000 Euro zusam­men­zu­brin­gen – eben­so viel, wie die Stadt Düs­sel­dorf für ihren Preis hat­te aus­ge­ben wol­len. Es gelang. Mehr als 500 Spen­der, dar­un­ter auch vie­le Ossietzky-Lese­rin­nen und -Leser, tru­gen zum Erfolg bei. Hand­ke nahm das Geld nicht für sich, son­dern schlug von vorn­her­ein vor, es den Men­schen im »Elend­strich­ter Euro­pas«, in den ser­bi­schen Enkla­ven im Koso­vo, zukom­men zu las­sen. Ostern 2007 rei­sten die Initia­to­ren des Ber­li­ner Prei­ses zusam­men mit dem dama­li­gen Inten­dan­ten des Ber­li­ner Ensem­bles, Claus Pey­mann, der vie­le Hand­ke-Stücke her­aus­ge­bracht hat­te, sowie der Ber­li­ner Foto­gra­fin Gabrie­le Senft, die immer wie­der den Bal­kan berei­ste und mit ihren Fotos Schick­sa­le doku­men­tier­te und Soli­da­ri­täts­ak­tio­nen auf den Weg brach­te, in die ser­bi­sche Enkla­ve Veli­ka Hoča im Koso­vo. In einer fröh­li­chen Zere­mo­nie über­reich­te die ange­rei­ste Schar Hand­ke das Preis­geld, der es an sei­ne Toch­ter Leo­ka­dia wei­ter­reich­te, die es dem Bür­ger­mei­ster des 700-See­len-Dor­fes über­gab. Ossietzky doku­men­tier­te die Rei­se mit einem The­men­heft: »Koso­vo. Was wir damit zu tun haben«. Es ver­sam­melt Tex­te von Käthe Rei­chel, Otto Köh­ler, Rolf Becker, Eck­art Spoo, Gabrie­le Senft, Han­nes Hof­bau­er, Alex­an­der S. Neu, Ser­gej Guk und Ralph Hart­mann. Außer­dem – und das ist ein Novum für Ossietzky – Fotos, die Gabrie­le Senft wäh­rend der Rei­se auf­ge­nom­men hatte.

Jetzt erhält Peter Hand­ke den Lite­ra­tur­no­bel­preis. Und die Jury hat sich zum Glück nicht vom Geschrei beein­drucken las­sen, das sich nach der Ver­kün­dung erhob. Erleich­te­rung bei Ossietzky, denn alter­na­tiv ein Preis­geld in die­ser Höhe zu sam­meln, wäre nicht ein­fach gewor­den. Auch Rolf Becker freut sich für Hand­ke: »Dank an die im Nobel­preis­ko­mi­tee, die es gewagt haben, sich dem – Peter Hand­ke meist denun­zie­ren­den – Main­stream zu wider­set­zen. Nicht trotz, son­dern wegen sei­ner Schrif­ten über Jugo­sla­wi­en gebührt ihm die Aus­zeich­nung. Sei­nen Kri­ti­kern sei nahe­ge­legt, Hand­ke zu lesen, statt Vor­ur­tei­le zu über­neh­men, die Geschich­te des NATO-Krie­ges zu hin­ter­fra­gen, statt dem ›Grün­dungs­my­thos der Ber­li­ner Repu­blik‹ (Otto Köh­ler) und der geschicht­lich nicht halt­ba­ren Recht­fer­ti­gung des ersten deut­schen Angriffs­krie­ges seit 1939 zu ent­spre­chen. ›Sagt die Wahr­heit, nichts als die Wahr­heit‹ wur­de uns nach­ge­ru­fen, als wir das bom­bar­dier­te Land am 29. Mai 1999 ver­lie­ßen. Peter Hand­ke sagt sie, unge­ach­tet aller Benach­tei­li­gung, hat ver­schrift­licht, wozu wir gemein­sam mit Eck­art Spoo als Gewerk­schaf­te­rin­nen und Gewerk­schaf­tern bei­zu­tra­gen ver­sucht haben: ›Dia­log von unten statt Bom­ben von oben‹. Mit Hein­rich Hei­ne: Der Gedan­ke, den wir gedacht, lässt uns kei­ne Ruhe, bis wir ihm einen Leib gege­ben, bis wir ihn zur sinn­li­chen Erschei­nung geför­dert. Der Gedan­ke will Tat, das Wort will Fleisch werden.«

An fast allen Medi­en vor­bei ging der­weil, dass die ser­bi­sche Stadt Var­va­rin der Foto­gra­fin Gabrie­le Senft die Ehren­bür­ger­schaft ver­lie­hen hat. Am 23. Sep­tem­ber nahm sie in der Stadt die Ehren­ur­kun­de samt Pla­ket­te entgegen.

Die Var­va­ri­ner Bür­ger waren 1999 Opfer zwei­er schwe­rer NATO-Luftangriffe.

Im Nach­gang zur Aus­zeich­nung schrieb Gabrie­le Senft in einem Dan­kes­brief an Gemein­de­rat, Bür­ger­mei­ster und alle Var­va­ri­ner im Okto­ber 2019: »Das erste Mal war ich im April 2001 in Ihrer Stadt und lern­te die Var­va­ri­ner Betrof­fe­nen eines schlim­men NATO-Kriegs­ver­bre­chens ken­nen. Und doch war das schon die Fort­set­zung einer Ent­schei­dung, die ich 1999 mit ande­ren deut­schen Frau­en und Män­nern traf. Die­se waren wie ich ent­setzt und empört, dass Deutsch­lands füh­ren­de Poli­ti­ker zum ersten Mal seit Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges wie­der deut­sche Sol­da­ten in einen Angriffs­krieg schick­ten. Im April 1999 hat­ten sich eini­ge von ihnen ent­schlos­sen, ein Zei­chen gegen die­sen Krieg zu set­zen, indem sie durch eine Bus­rei­se in die durch Bom­ben ange­grif­fe­ne Repu­blik Jugo­sla­wi­en ener­gisch ein[en] Stop[p] der Bom­ben for­der­ten. Am 24. April 2001 stand ich mit 130 ande­ren aus Deutsch­land und Lands­leu­ten von Ihnen in Bel­grad vor dem in der Nacht zer­stör­ten staat­li­chen Rund­funk- und Fern­seh­sen­der RTS. Bis dahin zurück reicht der mir selbst gege­be­ne Auf­trag, die Wahr­heit über die Kriegs­ver­bre­chen gegen die Volks­re­pu­blik Jugo­sla­wi­en auch als Foto­jour­na­li­stin zu ver­brei­ten. Ich dan­ke allen, die mir das ermöglichten. […]«

Glück­wunsch an Peter Hand­ke und Gabrie­le Senft, dass sie sich in ihrer Suche nach der Wahr­heit nicht beir­ren lassen.

Das Ossietzky-The­men­heft (15/​2017) ist noch zu haben: Son­der­druck, 72 Sei­ten, 6,50 € zzgl. 1,50 € Ver­sand­ko­sten, Bezug: ossietzky@interdruck.net. Im Ver­lag Wil­jo Hei­nen erschien 2014 Gabrie­le Senf­ts Doku­men­ta­ti­on »TARGET. Die Brücke von Var­va­rin«, 224 Sei­ten, 16,80 €. Das Buch liegt seit 2019 auch in ser­bi­scher Spra­che vor (Ver­lag des RTS).