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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Recht und Unrecht

In den zurück­lie­gen­den Jah­ren haben die Begrif­fe »Unrechts­staat« und »Rechts­staat« in der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung immer wie­der eine gro­ße Rol­le gespielt. Vor allem betraf dies die Rück­schau auf die DDR und ihre staat­li­chen und juri­sti­schen Insti­tu­tio­nen. In Thü­rin­gen fand die­se Debat­te sogar Ein­gang in den zur­zeit gül­ti­gen Koalitionsvertrag.

Von ver­schie­de­nen Sei­ten wur­de immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der »Unrechts­staat« nicht juri­stisch defi­niert ist und des­halb mit die­ser For­mu­lie­rung sehr zurück­hal­tend umge­gan­gen wer­den soll­te. Selbst der wis­sen­schaft­li­che Dienst des Deut­schen Bun­des­ta­ges muss­te atte­stie­ren, dass es kei­ne fest­ste­hen­den Kri­te­ri­en hier­für gibt. Bei dem grund­sätz­lich zunächst posi­tiv besetz­ten Wort »Rechts­staat« mag dies etwas anders sein. Den­noch sind die Vor­stel­lun­gen und Erwar­tun­gen des Bür­gers an einen sol­chen Rechts­staat sehr viel­ge­stal­tig und erwei­sen sich kei­nes­wegs immer als zutref­fend. Die Bür­ger­recht­le­rin Bär­bel Boh­ley brach­te dies kur­ze Zeit nach 1989 auf den Punkt, indem sie for­mu­lier­te: »Wir haben Gerech­tig­keit erwar­tet und den Rechts­staat bekommen.«

Der mehr als 50 Jah­re als Rechts­an­walt in bei­den deut­schen Staa­ten tätig gewe­se­ne Fried­rich Wolff und Egon Krenz, der eben­falls lan­ge Zeit in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen von Par­tei und Staat der DDR tätig war, haben sich jetzt in einem Gespräch mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­ge­setzt. Dar­aus ist ein Buch ent­stan­den mit dem etwas pro­vo­kan­ten Titel: »Komm mir nicht mit Rechts­staat«. Allein die Über­schrif­ten der sechs Kapi­tel, die das Buch ohne Anla­gen aus­ma­chen, ver­spre­chen Span­nung und machen neu­gie­rig. Dabei geht es unter ande­rem um die Fra­ge, ob Justiz poli­tisch oder neu­tral ist, ob wir heu­te einen Rechts­staat oder doch eher einen Gerichts­staat haben und ob Gerich­te in der Lage sind, Geschich­te auf­zu­ar­bei­ten. Fried­rich Wolff ver­tei­dig­te 1960 und 1963 die in der Bun­des­re­pu­blik als Bun­des­mi­ni­ster bzw. Staats­se­kre­tär täti­gen Theo­dor Ober­län­der und Hans-Maria Glob­ke. Bei­de waren in der Zeit der faschi­sti­schen Dik­ta­tur nicht uner­heb­li­che Stüt­zen des Hit­ler­staa­tes. So war Glob­ke maß­geb­lich an der Kom­men­tie­rung der Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­ze betei­ligt, die dafür Sor­ge tru­gen, dass Men­schen aus­ge­grenzt, depor­tiert und letzt­lich indu­strie­mä­ßig ermor­det wurden.

Gegen Ober­län­der und Glob­ke wur­den in Abwe­sen­heit der Ange­klag­ten vor dem Ober­sten Gericht der DDR Pro­zes­se geführt. Fried­rich Wolff ver­tei­dig­te aber auch Wal­ter Jan­ka und spä­ter Erich Hon­ecker und ande­re frü­he­re Mit­glie­der des Polit­bü­ros. In sei­ner lan­gen beruf­li­chen Tätig­keit konn­te er die unter­schied­lich­sten Erfah­run­gen mit der Rechts­staat­lich­keit sam­meln. Im Ergeb­nis des­sen kommt er zu der Ein­schät­zung, dass die DDR im Ver­gleich zur Bun­des­re­pu­blik »der tat­säch­li­che Rechts­staat« war.

Egon Krenz nimmt das Rechts­sy­stem der DDR vor­ran­gig auf­grund sei­ner poli­ti­schen und staat­li­chen Funk­tio­nen und spä­ter als Betrof­fe­ner, der wegen die­ser Tätig­keit durch die Justiz der Bun­des­re­pu­blik ver­ur­teilt wur­de, in den Blick. Er kommt zu dem Resü­mee, dass die bun­des­deut­sche Justiz den ihr nach 1990 vor allem durch den dama­li­gen Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ster Kin­kel erteil­ten Auf­trag erfüllt hat. Die­ser ver­lang­te auf dem 15. Deut­schen Rich­ter­tag 1991, dass es der Straf­ju­stiz gelin­gen müs­se, »das SED-Regime zu dele­gi­ti­mie­ren«. Auf die­se Wei­se wur­de den Gerich­ten in nicht uner­heb­li­chem Umfang auch die Auf­ar­bei­tung der jün­ge­ren deut­schen Geschich­te zuge­scho­ben, die eigent­lich Histo­ri­kern vor­be­hal­ten blei­ben soll­te. Sei­ne Wor­te wur­den zugleich als eine Art regie­rungs­amt­li­che Auf­for­de­rung ver­stan­den und in der Fol­ge viel­fach auch umgesetzt.

Das höchst inter­es­san­te Buch gewährt einen Ein­blick in eine The­ma­tik, die Anlass für wei­te­re Dis­kus­si­on und Aus­ein­an­der­set­zung sein soll­te. Sei­ne Ver­brei­tung, vor allem auch unter jun­gen Men­schen, wäre mehr als wünschenswert.

Fried­rich Wolff und Egon Krenz im Gespräch: »Komm mir nicht mit Rechts­staat«, Ver­lag edi­ti­on ost, Ber­lin 2021, 204 S., 15 .