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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Russland, ade

Gera­de rückt Russ­land ganz schön weit weg von uns. Wir, das sind die Euro­pä­er, die­je­ni­gen zumin­dest, die in der Uni­on sind. Wir sind auch in der Nato. Bei­des passt nicht beson­ders gut zusam­men: Als EU wol­len wir mit den USA wirt­schaft­lich kon­kur­rie­ren, in der Nato unter­stel­len wir uns der mäch­ti­gen US Army.
EU und Nato haben in den letz­ten Jah­ren immer mehr nach Ost­eu­ro­pa geschaut und sind nach Osten gewach­sen, und seit­dem erle­ben wir eine schwie­ri­ge Nach­bar­schaft mit Russ­land. Zwi­schen den Mäch­ten reibt es. Bela­rus, Ukrai­ne, Geor­gi­en, Trans­ni­stri­en: Wer glaub­te, in einem fried­li­chen Euro­pa zu leben, träumte.
Nun ist der Krieg für alle wahr­nehm­bar. Wir sind ent­setzt über Russ­land und ent­setzt über uns, weil wir träum­ten. Pusch­kin lan­det im Müll, der Laden mit den rus­si­schen Spe­zia­li­tä­ten wird beschmiert, der Basch­ki­ri­sche Spiel­platz ist verwaist.
Zugleich sind Rus­sisch­leh­rer hoch im Kurs, weil es von ihnen mehr gibt als sol­che, die mit den Flücht­lin­gen Ukrai­nisch spre­chen könn­ten. Nur eine von vie­len Son­der­bar­kei­ten im Hin­ter­land von Putins Krieg.
In Hal­le gibt es immer noch eine St. Peters­bur­ger Stra­ße. Sie liegt zwi­schen der Gen­fer, der Amster­da­mer und der War­schau­er Stra­ße. Die Hal­te­stel­le der Tram heißt Mos­kau­er Stra­ße. Hier liegt Russ­land mit­ten in Euro­pa. Kann ein Mann allein das ändern?
Das Restau­rant »Zum Samo­war« öff­net nach lan­ger Coro­na-Pau­se wie­der sei­ne rus­si­sche Küche. Per Mail kommt das Schrei­ben: »Schä­men Sie sich, mit rus­si­scher Kul­tur zu werben.«
Win­ter­ein­bruch im Frühling.
Wir wer­fen dem Kreml vor, ein fal­sches Bild von uns unter den Rus­sen zu ver­brei­ten. Wir selbst brau­chen nicht ein­mal eine Regie­rung, um ein Feind­bild auf­zu­bau­en. Das kann man erklä­ren: Angst, Frust, Hilf­lo­sig­keit, blin­der Eifer … Aber gut­hei­ßen muss man das nicht.