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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schauend und denkend betrachten

Dem Ber­li­ner Zeich­ner, Maler und Gra­fi­ker Die­ter Goltz­sche, der gera­de sei­nen 85. Geburts­tag began­gen hat, wur­de sei­ne Umwelt zum Fokus, zur Welt im klei­nen Maß­stab. Sie lie­fer­te ihm Anlass und Hin­ter­grund, um heu­ti­ge (Großstadt-)Erfahrung in der gan­zen Span­ne zwi­schen Unrast und Ein­sam­keit, zwi­schen visio­nä­rem Träu­men und bana­ler All­täg­lich­keit tage­buch­ar­tig ein­zu­fan­gen. Sei­ne Form­welt ent­fal­tet sich aus den aus­ba­lan­cier­ten Bezü­gen far­bi­ger, aber auch mono­chro­mer Tex­tu­ren, aus dem Wech­sel­spiel von Anpas­sung und Kon­trast, aus asso­zia­ti­ven Zuord­nun­gen. Der Impro­vi­sa­ti­on folgt eine zuneh­men­de Begren­zung durch Defi­ni­ti­on, durch Form- und Farb­ent­schei­dung. Das Flüs­si­ge gerinnt zum Festen, das Dif­fu­se zum Geform­ten, und die­ses wie­der­um ten­diert zur Auf­lö­sung. Der Künst­ler greift ein, in spie­le­ri­scher Frei­heit, in der Lust am poe­ti­schen Fabu­lie­ren, damit die Bild­si­tua­ti­on, die immer auch die sei­ne ist, offen wird, offen bleibt. Das Frag­men­ta­ri­sche, das non fini­to ist sei­nen Arbei­ten eigen. Mit dem sicht­bar leicht, nie mas­siv mate­ri­ell oder auf­fal­lend eksta­tisch gesetz­ten Pin­sel­strich bricht er die Farb­flä­chen auf und nimmt ihnen alles Deko­ra­ti­ve. Neben einem kon­tra­st­för­dern­den Schwarz springt die »war­me« Far­be Rot den Betrach­ter förm­lich an, wäh­rend die »kal­te« Far­be Blau vor ihm zurück­weicht. Die sug­ge­sti­ve Wir­kung von gegen­ein­an­der gesetz­ten Pri­mär­far­ben erprobt Goltz­sche in gan­zen Blät­tern, wobei er sich auf unter­schied­li­che Moti­ve kon­zen­triert. Der Viel­an­sich­tig­keit der Welt, die das jeweils eine, stets unvoll­kom­me­ne oder fal­sche Welt­bild abge­löst hat, ent­spricht im Künst­le­ri­schen die Viel­falt des offe­nen Experiments.

Sein Bild­band »Schwarz«, den er jetzt vor­legt, umfasst – in vor allem ganz­for­ma­ti­ven Abbil­dun­gen – Arbei­ten auf Papier von 1953 bis 2019. Mit Feder, Pin­sel, Tusche, Ölkrei­de, mit Blei-, Farb- und auch Gold­stift bannt er die gegen­ständ­li­che Welt in Chif­fren und Hin­wei­sen, die den deu­tungs­wil­li­gen Betrach­ter in wah­re Laby­rin­the füh­ren. Die Beto­nung liegt eben­so sehr auf der Beschrei­bung des pro­ble­ma­ti­schen Ich als auch auf einer Hom­mage an die Wei­te, die gei­sti­ge Trans­pa­renz wie Kon­zen­tra­ti­on der uns umge­ben­den Welt. Es las­sen sich ort­lo­se Sze­ne­rien, Land­schaf­ten, traum­bild­haf­te Wel­ten, frag­men­tier­te Erin­ne­run­gen, Figu­ren, Köp­fe, Gesich­te und ande­re zei­chen­haf­te Ele­men­te in ent­zif­fer­ba­ren, manch­mal im Bild­ti­tel auf­ge­lö­sten Kon­stel­la­tio­nen aus­ma­chen. Einen »Text«, eine »Erzäh­lung« gibt es aller­dings nicht. Immer blei­ben Bild­re­ste, insta­bi­le, schwe­ben­de Struk­tu­ren, Lini­en, die sich umschlin­gen und sich dann im Unge­wis­sen ver­lie­ren. Das seman­ti­sche Feld von Warn­zei­chen wird zuneh­mend durch zurück­ge­blie­be­ne Spu­ren mensch­li­cher Prä­senz ersetzt. Sind dies Reste von Eigen­sinn, Zeu­gen emo­tio­na­len Pro­te­stes, Hoff­nungs­par­ti­kel oder Motiv­frag­men­te einer ver­klin­gen­den Menschlichkeit?

»Ins Offe­ne, ein Licht­ver­hal­ten«, sieht Gun­nar Decker in sei­nem ein­füh­ren­den Bei­trag Goltz­sche »zwi­schen Schwarz und Weiß«: »Das Weiß kämpft sich durch das Schwarz wie das Licht durch das Dun­kel. Das Schwarz scheint über­mäch­tig eben­so wie das Dun­kel. Aber irgend­wo ist immer ein ret­ten­der Spalt, da drängt sich ein Fun­ke Licht durch, ein wei­ßer Fleck ent­steht – und behaup­tet damit eine ande­re Dimen­si­on. Eine Art Flucht­vi­si­on, ein Bruch mit der Zeit. Abbruch also, eine Lee­re, die nicht defi­nier­bar scheint.«

Kan­din­sky sprach von Vibra­tio­nen, in denen ein See­len­zu­stand fass­bar und dar­stell­bar wird, und die­ses Vibrie­ren der For­men oder sich ver­än­dern­der Abläu­fe ist auch bei Goltz­sche erkenn­bar. Die per­spek­ti­vi­sche Raum­il­lu­si­on wird abge­löst, der Raum baut sich aus Ebe­nen auf, die sich über­schnei­den und durch­drin­gen, eige­ne Raum­schich­ten bil­den, die nicht mehr im Wider­spruch zur Flä­che des Bil­des ste­hen, son­dern sich in ihr auflösen.

Er kön­ne mit Schwarz das Weiß ver­schie­den weit öff­nen, aber auch schlie­ßen, schreibt Goltz­sche. Zuerst sei es »die Linie, meist als Kon­tur, aber auch als Geflecht in Gra­fit oder als Tusch­fe­der« gewe­sen. Mit der Tem­pe­r­a­ma­le­rei »ging es dar­um, die Flä­chen anein­an­der­sto­ßen zu las­sen gegen die Kon­tur-Male­rei«. »Aber der brei­te Pin­sel ermög­lich­te neben der Flä­chen­ma­le­rei auch die ver­brei­ter­te Kon­tur und wur­de all­mäh­lich zum Selbstausdruck.«

Den gesam­ten Span­nungs­um­fang von der mate­ri­el­len bis zur psy­chi­schen Wirk­sam­keit ord­net Goltz­sche einem Vor­stel­lungs­bild ein, das ein mensch­li­ches Span­nungs­feld asso­zi­iert: Streu­un­gen und Bal­lun­gen, Kon­zen­tra­tio­nen, Abdrän­gun­gen, Tan­gen­ten, Strah­lun­gen, Erhel­lun­gen und Ver­fin­ste­run­gen, arche­ty­pi­sche For­meln bestim­men das Sein. Die Tur­bu­lenz der klei­nen Wel­ten ist ein Bewe­gungs­er­leb­nis. Durch das Gefäl­le der Farb­tem­pe­ra­tur, den Schwarz-Weiß-Kon­trast wird im Auge der Reiz aus­ge­löst, Bewe­gung zu kon­sta­tie­ren, obwohl in Wirk­lich­keit alles unbe­weg­lich an sei­nem Platz ver­harrt. So expe­ri­men­tiert man wei­ter mit einer auch vom Kin­topp her erprob­ten Erfah­rung, dass meh­re­re mit Unter­bre­chun­gen dar­ge­bo­te­ne Bewe­gungs­pha­sen vom Auge zum tat­säch­li­chen Ablauf ergänzt werden.

Geo­me­tri­sche Zei­chen­kom­bi­na­tio­nen, Krei­se, Qua­dra­te, Drei­ecke, Kur­ven, Gegen­kur­ven, Schlei­fen, Bal­ken, Recht­ecke, Win­kel­for­men und so wei­ter sind bei Goltz­sche zu ables­ba­ren Zei­chen gefügt, deren Sinn im Betrach­ter ent­ste­hen muss, durch ein Befra­gen und Ver­glei­chen die­ser Zei­chen und ihrer Kon­fron­tie­rung mit der eige­nen Erfah­rung. Das Ver­ste­hen der Zei­chen ergibt sich eigen­tüm­lich rasch, da ihr Ansatz­punkt im funk­tio­na­li­sti­schen Bereich liegt, von Gleich­ge­wicht, Balan­ce, Takt, Echo, Tra­gen, Lasten, Rol­len oder Schwe­ben han­delt, deren mecha­ni­sti­scher Nach­voll­zug in der Medi­ta­ti­on unver­mit­telt in den meta­phy­si­schen Bereich führt.

For­men asso­zi­ie­ren sich in Goltz­sches Arbei­ten zu traum­haf­ten Sym­bo­len, die beim Betrach­ter den Wunsch aus­lö­sen, in nicht zu ent­rät­seln­de Geheim­nis­se ein­zu­drin­gen. Die Kom­ple­xi­tät der Betrach­tung besteht eben dar­in, dass sie zugleich schau­end und den­kend sich voll­zie­hen muss.

Sig­rid Walt­her (Hg.): »Die­ter Goltz­sche – Schwarz. Arbei­ten auf Papier«, mit einem Bei­trag von Gun­nar Decker, Sand­stein Ver­lag, 160 Sei­ten, 34 €