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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schicken wir sie endlich weg!

Eigent­lich war Jesus ein tougher Typ. Sei­ne spon­ta­ne Akti­on am Tem­pel von Jeru­sa­lem: beacht­lich – viel­leicht auch nach­ah­mens­wert? Er macht aus Stricken eine Peit­sche und ver­jagt die Händ­ler mit ihren Scha­fen und Rin­dern aus dem Tem­pel­hof. Er fegt mit aus­ho­len­der Arm­be­we­gung das Geld der Geld­lei­her und -wechs­ler auf den Boden, wirft ihre Tische um und brüllt: Hin­aus! Hier hat der Markt nichts zu suchen!

Wür­de er heu­te die Akteu­re des Hei­li­gen Mark­tes und die Tra­der und Bro­ker und Spe­ku­lan­ten ver­trei­ben wol­len, hät­te er eine Men­ge zu tun. Und ruck­zuck sähe er sich der Staats­ge­walt gegen­über, den Robo­Cops, die ihm mit Pfef­fer­spray, Schlag­stock und Tasern zu Lei­be rücken wür­den – alles natür­lich im Namen von Sicher­heit und Ordnung.

Dar­an muss­te ich in die­sem kal­ten Dezem­ber­ta­gen den­ken. Am Ran­de des Weih­nachts­mark­tes traf der Duft von fet­ter Brat­wurst und Glüh­wein auf die Klän­ge von Mon­te­ver­dis »Ves­pro del­la bea­te ver­gi­ne« aus der Stadt­kir­che. Durch die halb­of­fe­ne Tür – Coro­na! – weh­ten die Chor­klän­ge des Psalm 110: »So hat der Herr gespro­chen zu mei­nem Herrn: Set­ze dich nie­der, bis ich dir dei­ne Fein­de als Sche­mel unter die Füße lege! (…) Er rich­tet Völ­ker, er häuft die Toten, zer­schlägt die Häup­ter weit übers Land.« Ganz schön hart, sicher nicht jugendfrei.

In die­se weih­nacht­li­che Idyl­le hin­ein ver­sam­mel­te sich ein klei­ner Trupp jun­ger Leu­te. Sie stell­ten einen Ver­stär­ker auf. Einer mit Bart und lan­gen Haa­ren, der von den ande­ren Jay­Cee geru­fen wur­de, stieg auf einen lee­ren Bier­ka­sten und rief durchs Mikro­phon: »Hey Leu­te, wir fei­ern hier, schla­gen uns den Bauch voll und lau­schen den sakra­len Klän­gen – wäh­rend an der Gren­ze der EU Flücht­lin­ge gejagt und in den Tod getrie­ben wer­den! Wäh­rend Ama­zon täg­lich Mil­li­ar­den an uns ver­dient und die Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen aus­beu­tet, leben hun­der­te Mil­lio­nen am Ran­de des Hun­ger­to­des! Deutsch­land lie­fert töd­li­che Waf­fen an 160 Län­der – natür­lich für den Frie­den!« Und so ging es noch ein paar Minuten.

Es herrsch­te ange­spann­te Stil­le. Die weih­nacht­li­chen Leu­te schie­nen unent­schlos­sen, ob sie sich ange­grif­fen füh­len soll­ten. Aber sie blie­ben. Der Typ, den sie Jay­Cee nann­ten, stieg von sei­ner Kiste, und die jun­gen Leu­te stell­ten sich in zwei Grup­pen auf, Frau­en auf der einen Sei­te, Män­ner gegen­über. Plötz­lich erklang ein har­ter Rhyth­mus, und schon nach weni­gen Tak­ten wipp­ten die Men­schen auf dem Markt mit, denn sie erkann­ten die Melo­die – und die macht was mit dem Kör­per. Unmög­lich, dabei ruhig zu blei­ben. Dann began­nen die jun­gen Frau­en zu sin­gen, als wären sie die Harlem-Singers.

Stopp! Bevor Sie wei­ter­le­sen, rufen Sie bit­te erst mal auf You­Tube »Hit the Road Jack!« mit Ray Charles auf. Über­sprin­gen Sie die Wer­bung. Und jetzt klicken Sie auf Start – und dann mitlesen!

Frau­en: ’s hat doch kei­nen Zweck,
der Ärger mit Konzernen:
Black­Rock, Face­book, RWE!
Nehm’n uns alles weg,
für Steu­er­räu­ber sind wir Dreck!
(Zwi­schen­ruf Män­ner: Was ist los?)
F: ’s hat doch kei­nen Zweck,
der Ärger mit Konzernen:
Black­Rock, Face­book, RWE!
Die sind total gestört!
Wir woll’n was uns gehört!
Män­ner: Wie wollt ihr denn das machen
ohne Macht und Militär?
Nur Gedan­ken, Träu­me und Kon­sum sind frei!
Zum Schluss sitzt ihr im Knast:
die Rei­chen lachen sich’n Ast.
F: ’s hat doch kei­nen Zweck,
der Ärger mit Konzernen:
Black­Rock, Face­book, RWE!
Nehm’n uns alles weg,
für Steu­er­räu­ber sind wir Dreck!
(M: Was wollt ihr?)
F: ’s hat doch kei­nen Zweck,
der Ärger mit Konzernen
Black­Rock, Face­book, RWE!
Die sind total gestört!
Wir woll’n was uns gehört!
M: Ihr Eigen­tum verteilen?
F: Ja, das wird gemein!
M: Krie­gen die ver­dien­te Rente,
F: aber die ist klein.
Und sie mer­ken, dass die Mie­te frisst
die hal­be Ren­te auf – so’n Mist.
M: Dann erfahr’n sie end­lich hier
das Luxus­le­ben unter Hartz vier.
F: Wär doch mal ein Gag:
Wir schaf­fen nicht für sie,
nie mehr, nie mehr, nie mehr, nie mehr!
Neh­men uns nix weg,
behan­deln uns nie mehr wie’n Dreck.
(M: Recht so!)
F + M: Wär doch mal ein Gag:
Wir schaf­fen nicht für sie,
nie mehr, nie mehr, nie mehr, nie mehr!
Neh­men uns nix weg!
Behan­deln uns nie mehr wie’n Dreck. (Yeah!)
Das wär doch end­lich mal ein Gag
(M: Machen wir!)
Schicken wir sie end­lich weg!
Das wär doch end­lich mal ein Gag!
Schicken wir sie end­lich weg!
(Fan­gen wir end­lich an!)
 
Nun, wie war’s? Noch­mal hören?
Ja, unwi­der­steh­lich, die­ser Klang, die­ser Rhyth­mus. Und der Text bleibt irgend­wie im Kopf. Die Leu­te began­nen tat­säch­lich mit zu klat­schen, und sie san­gen aus vol­lem Hals: »Wär doch mal ein Gag! Schicken wir sie end­lich weg!«