Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schnee in Hutong

Bei­jing ist grün. Rot gewiss. Aber grün? Wir ken­nen die Bil­der aus Chi­nas Haupt­stadt. Meist hängt eine Dunst­glocke über der Metro­po­le, nicht weni­ge der mehr als zwan­zig Mil­lio­nen Bewoh­ner tra­gen dann einen Mund­schutz, von des­sen Nütz­lich­keit selbst die Trä­ger nicht über­zeugt sind. Die Stadt wird im Westen und im Nor­den vom Gebir­ge umschlos­sen. Weht von dort der Wind, ist es win­ters sau­kalt und der Him­mel klar, weht er mal nicht oder schwach aus dem Süden, bil­den die Abga­se von Fabri­ken, Hei­zungs­an­la­gen und Ver­kehr jenen ste­hen­den Dunst, der all­ge­mein Smog heißt. Der Nord­wind, wenn er denn über die Stadt geht, ist in der Regel scharf, wes­halb vie­le offe­ne Flä­chen mit grü­nen Net­zen bedeckt sind, damit der Luft­zug nicht die trocke­ne Kru­me mit sich reißt. So schützt man den Boden und auch die Luft.

Aber nicht wegen die­ser Net­ze ist die Stadt grün. Son­dern wegen der Grün­an­la­gen. Das meint nicht nur die alten Parks und Gär­ten aus vor­so­zia­li­sti­schen Tagen, son­dern die grü­nen Kor­ri­do­re, die sich zuneh­mend durch die Stadt schie­ben. Sie rah­men die Schnell­stra­ßen, auf denen es kein Hal­ten gibt, ufern da und dort zu klei­nen Parks und Wäld­chen aus. Die Ver­ant­wort­li­chen haben erkannt, dass es nicht allein mit der Reduk­ti­on des Fein­staubs getan ist – wes­halb man etwa alle Koh­le­kraft­wer­ke schloss, Betrie­be dicht­mach­te, an die zwan­zig­tau­send elek­trisch betrie­be­ne Ober­lei­tungs­bus­se auf die Stra­ße brach­te und den öffent­li­chen Nah­ver­kehr zuneh­mend in den Unter­grund ver­leg­te sowie nur noch Autos zulässt, die elek­trisch getrie­ben wer­den oder den höch­sten euro­päi­schen Abgas­nor­men genü­gen. Der iro­nisch-dop­pel­deu­ti­ge Ein­wand an die­ser Stel­le, dies über­ra­sche nicht, schließ­lich trü­gen die mei­sten PKW in Chi­na einen deut­schen Namen, ist deplatz­iert: Chi­na pro­du­ziert selbst ein hal­bes Dut­zend eige­ne Auto­mar­ken, die nicht weni­ger groß, wuch­tig und teu­er sind und den glei­chen Abgas­vor­schrif­ten unter­lie­gen wie die deutschen.

Zur Ver­bes­se­rung der Luft- und Lebens­qua­li­tät gehö­ren die grü­nen Oasen und die grü­nen Schnei­sen, mit denen die Stadt durch­lüf­tet wird. Das ist seit Jah­ren Pro­gramm. Doch dar­über liest man hier wenig bis nichts: Eine Dunst­glocke über der Haupt­stadt des Kom­mu­nis­mus, groß wie das Bun­des­land Thü­rin­gen, aber mit mehr als zehn Mal so vie­len Bewoh­nern, beweist schließ­lich über­zeu­gend, dass das nicht die Zukunft der Mensch­heit sein kann.

Zuge­ge­ben, in den Satel­li­ten­städ­ten mit ihren uni­for­men Wohn­tür­men möch­te unser­ei­ner nicht unbe­dingt leben. Die Anwoh­ner selbst monie­ren die oft feh­len­de Infra­struk­tur und die Anony­mi­tät; mein chi­ne­si­scher Freund teilt sei­ne Eta­ge seit eini­gen Jah­ren mit zehn Nach­barn, acht von ihnen kennt er nicht. Ja, die Mie­ten sind nied­rig, und das Auto fin­det unterm Haus bezahl­ten Platz in einer Tief­ga­ra­ge, den­noch ist’s dazwi­schen eng, und die Tech­ni­ker tüf­teln an Lösun­gen, wie man in naher Zukunft die PKW per Auf­zug an den Außen­wän­den der Hoch­häu­ser par­ken kann. Will hei­ßen: Den Indi­vi­du­al­ver­kehr geden­ken die Chi­ne­sen vor­erst nicht abzu­schaf­fen, auch wenn sie inzwi­schen als küh­ne Umwelt­pio­nie­re gel­ten. Man spürt den ver­ständ­li­chen Zwie­spalt der Zustän­di­gen: einer­seits die Mil­lio­nen­mas­sen ordent­lich und rasch behau­sen und ande­rer­seits sich objek­ti­ven Zwän­gen beu­gen zu müs­sen. Als da sind: wenig Bau­grund, enor­mer Zeit­druck, öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Rah­men­be­din­gun­gen. Aber immer­hin: Grund und Boden sind Staats­ei­gen­tum und damit von der Spe­ku­la­ti­on aus­ge­nom­men. Wer Häu­ser errich­tet, pach­tet das Land für eine bestimm­te Zeit. Und dann? Mei­ne Gesprächs­part­ner hoben an die­ser Stel­le die Schul­tern: Das wis­se man noch nicht, sieb­zig oder neun­zig Jah­re sind heut­zu­ta­ge eine lan­ge Zeit. Man wer­de dann sehen. Vor­dring­li­cher sei, die Kor­rup­ti­on zu stop­pen. Wo näm­lich gebaut wird, wird geschmiert. Wo viel gebaut wird, sind vie­le Hän­de im Geschäft, die auf­ge­hal­ten wer­den. Daher füh­re die Par­tei den Kampf gegen die Kor­rup­ti­on, und Prä­si­dent Xi mache sich damit nicht nur Freun­de, sagen die Freunde.

Eine der vie­len grü­nen Oasen win­det sich um den Qian­hai- und den Hou­hai-See in der Alt­stadt, viel­leicht fünf Kilo­me­ter nörd­lich von der Ver­bo­te­nen Stadt und dem Platz des Himm­li­schen Frie­dens, dem Nabel Bei­jings. Es wäre unge­hö­rig, kei­ne Rik­scha zu neh­men, sagen mei­ne Beglei­ter, und dass sie nicht Unrecht haben, begrei­fe ich, nach­dem wir uns auf die Sit­ze gezwängt und der nicht mehr ganz jun­ge Rad­fah­rer eine Decke über unse­re Bei­ne gebrei­tet hat. Es sei sei­ne erste Fahrt heu­te, sagt er und tritt in die Peda­le. Die Uhr zeigt bereits drei Uhr.

Zunächst pas­sie­ren wir eine Sport­schu­le. Sie hat Olym­pia­sie­ger und Welt­mei­ster in ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen her­vor­ge­bracht, ihre Namen sind am Ein­gang an die Wand geschrie­ben. Dann rol­len wir unter Trau­er­wei­den am Was­ser ent­lang. Men­schen fla­nie­ren am Ufer­weg und an den nied­ri­gen Häu­sern vor­bei, Läden und Restau­rants, Ate­liers und Wohn­ge­bäu­de rei­hen sich anein­an­der. An den Ein­gän­gen hän­gen mit­un­ter Dut­zen­de Strom­zäh­ler, jede dahin­ter befind­li­che Woh­nung hat einen eige­nen, wor­aus sich auf die Grö­ße des Innen­hofs, nicht aber auf die der Woh­nun­gen schlie­ßen lässt. Sie sei­en jedoch teu­er, sagt der Fah­rer, weil sehr begehrt und hip. Hut­ong hei­ßen die­se oft jahr­hun­der­te­al­ten Wohn­hö­fe und engen Gas­sen. Nur an man­chen Stel­len par­ken fet­te SUVs unter einem Über­zug. Hier leben offen­kun­dig die Rei­chen? Der Fah­rer grinst über den Bril­len­rand: Nee, die rich­tig Rei­chen haben eine Tiefgarage.

Wir müs­sen war­ten, weil in einer Uralt­knei­pe offen­bar ein Musik­vi­deo gedreht wird. Hin­ter der Schei­be sitzt im Schein­wer­fer­licht ein jun­ger Mann mit Gitar­re. Um ihn wuseln Mas­ken- und Kostüm­bild­ner, drau­ßen auf der Stra­ße herrscht ähn­lich wich­tig­tue­ri­sche Betrieb­sam­keit. Nein, stopp, kei­nen Schritt wei­ter! Die Roadies, jun­ge Bur­schen in ziem­lich schrä­ger Klei­dung, kosten ihre ver­meint­li­che Bedeu­tung aus. Selbst die drei bud­dhi­sti­schen Mön­che, die uns zuvor mit schnel­lem Schritt über­holt hat­ten, müs­sen verharren.

Wir sind in einem quir­li­gen und quietsch­bun­ten Sze­ne­vier­tel ange­kom­men. Jen­seits der Yun­dian-Brücke beginnt die Yan­dai Byway, Bei­jings älte­ste Geschäfts­stra­ße. Vor acht­hun­dert Jah­ren soll hier schon gehan­delt wor­den sein. Die Ein­rich­tun­gen sind inzwi­schen jün­ge­ren Datums und wohl auch nicht nur für die Anwoh­ner gedacht. Es gibt Sou­ve­nirs, Kla­mot­ten, die älte­ste Post (die aber schon seit Jah­ren kei­ne Post aus­lie­fert) und ein Schnaps­mu­se­um, Schnell­zeich­ner por­trä­tie­ren Tou­ri­sten für zehn Yuan (was etwas mehr als ein Euro ist), dazu brut­zelt und bro­delt chi­ne­si­sches Fast-Food in Töp­fen, Tie­geln und Woks. Ange­bo­ten wer­den Kunst und Kitsch (letz­te­rer über­wiegt), eso­te­ri­scher Schmuck und tra­di­tio­nel­le Medi­ka­men­te. Alle zehn Meter riecht und klingt es anders, die Musik kommt meist nicht aus der Kon­ser­ve. Die über­wie­gend jugend­li­chen Pas­san­ten schie­ben sich neu­gie­rig mit ihren Han­dys, unab­läs­sig Sel­fies pro­du­zie­rend, durch die Pfei­fen­gas­se – Yan­dai heißt näm­lich Tabak­pfei­fe mit lan­gem Stiel und klei­nem Pfei­fen­kopf. Und die Gas­se nennt sich so, weil sie den Schwung und die Rich­tung einer gebo­ge­nen Pfei­fe hat und sich am Ende ein wenig wei­tet. Das kann man auch auf einem Bron­ze­re­li­ef nebst eng­li­scher Erklä­rung studieren.

Mei­ne kun­di­gen Gefähr­ten lot­sen mich in eine Sei­ten­gas­se, die so schmal ist, dass man den Bauch ein­zie­hen muss, kommt einem jemand ent­ge­gen. Grau und alt die Fas­sa­den, doch der Blick durch die Fen­ster zeigt, welch unge­brem­stes Leben dahin­ter statt­fin­det. Wir gehen in eines die­ser Loka­le, eine schlich­te Zahl am Ein­gang weist auf den Namen: Hof­re­stau­rant Nr. 16. Aber nicht nur weil es win­zig ist, haben mei­ne Beglei­ter einen Tisch reser­vie­ren las­sen: Es bie­tet kai­ser­li­che chi­ne­si­sche Küche und hat sei­nen Preis, trotz­dem ist es immer voll. Zum Ser­vice (aber den gibt es auch in ande­ren Häu­sern) gehört das Lade­ge­rät fürs Han­dy, das an den Tisch gebracht wird, sofern der Saft aus­zu­ge­hen droht. Die geld­schein­gro­ßen und zen­ti­me­ter­dicken Gerät­schaf­ten stecken im Halb­dut­zend in einer Lade­sta­ti­on am Tre­sen, und wenn man geht, zahlt man dafür einen schma­len Obolus.

Wäh­rend wir in der elek­tro­ni­schen Spei­se­kar­te unter­wegs sind – auf dem Tablet tippt man die lecke­ren Gerich­te an, die man zu spei­sen wünscht –, fal­len plötz­lich vorm Fen­ster des win­ter­lich gestyl­ten Lokals, kein Witz, gro­ße Schnee­flocken. Die Gäste, die durch die Tür her­ein­kom­men, schla­gen lachend die wei­ßen Flocken von Jacken und Mänteln.

Als wir spä­ter über den wei­ßen Hof tram­peln, sehe ich die Schnee­ka­no­ne, die vom Dach den künst­li­chen Schnee pustet.