Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Todesstrafe in den USA

Mehr als 2.500 Men­schen war­ten in den Todes­zel­len der US-Bun­des­staa­ten auf ihre Hin­rich­tung, in den natio­na­len Todes­trak­ten zusätz­lich 61 Ver­ur­teil­te (2020). In den USA ist die Todes­stra­fe – so zynisch das klin­gen mag – Teil des poli­ti­schen Arse­nals, mit dem die Glau­bens­krie­ge aus­ge­tra­gen wer­den. Das Recht des Staa­tes, ein schwe­res Ver­bre­chen mit der Hin­rich­tung des Täters zu süh­nen – dar­an schei­det sich das libe­ra­le vom kon­ser­va­ti­ven Amerika.

Kurz vor Ende sei­ner Amts­zeit hat­te sich Trump noch ein­mal als kon­se­quen­ter Hard­li­ner erwie­sen: Künf­tig soll­ten neben dem Tod durch die Gift­sprit­ze auch ande­re Metho­den der Hin­rich­tung wie Erschie­ßun­gen, der elek­tri­sche Stuhl oder der Ein­satz von töd­li­chem Gas erlaubt sein. Und Trump hat­te die Wie­der­ein­füh­rung von Hin­rich­tun­gen auf Bun­des­ebe­ne durch­ge­setzt, nach­dem es dort seit 2003 kei­ne Hin­rich­tung mehr gege­ben hat­te. Die Todes­stra­fe war seit­dem zwar wei­ter ver­hängt, aber nicht voll­streckt wor­den. Der Rechts­streit um die Wie­der­auf­nah­me der Hin­rich­tun­gen hat­te sich bis vor das ober­ste Gericht in Washing­ton gezo­gen, das zugun­sten der Trump-Regie­rung ent­schied. Die ersten drei Exe­ku­tio­nen waren dar­auf­hin im Juli 2020 in einem Bun­des­ge­fäng­nis in Terre Hau­te im Staat India­na per Gift­sprit­ze durch­ge­führt worden.

Trump war immer ein glü­hen­der Ver­fech­ter der Todes­stra­fe, hier unter­schied er sich nicht von sei­nen repu­bli­ka­ni­schen Ex-Kol­le­gen. Geor­ge W. Bush, einer sei­ner Vor­gän­ger, ließ wäh­rend sei­ner Wahl­kampf­kam­pa­gne gar einst ver­lau­ten, er befür­wor­te die Todes­stra­fe, »weil ich glau­be, dass sie Leben ret­ten kann«. Eine bizar­re Logik, die auch heu­te noch den mei­sten in der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei als Leit­satz dient. Dabei zei­gen Stu­di­en, dass von der Andro­hung der Todes­stra­fe kei­ner­lei abschrecken­de Wir­kung aus­geht. Tat­sa­che ist: Trumps Hin­rich­tungs-Offen­si­ve mar­kier­te eine der töd­lich­sten Peri­oden in der Geschich­te der Todes­stra­fe auf Bun­des­ebe­ne seit min­de­stens 1927.

Nun hat die Regie­rung von US-Prä­si­dent Biden die Hin­rich­tun­gen auf Bun­des­ebe­ne vor­erst wie­der aus­ge­setzt und ein Mora­to­ri­um für Hin­rich­tun­gen auf Bun­des­ebe­ne beschlos­sen. Wie Justiz­mi­ni­ster Merrick Gar­land mit­teil­te, wer­den in den Bun­des­ge­fäng­nis­sen so lan­ge kei­ne Todes­ur­tei­le mehr voll­streckt, bis eine Über­prü­fung sei­nes Mini­ste­ri­ums abge­schlos­sen ist. Es gebe »ernst­haf­te Beden­ken« gegen die Voll­streckung der Todes­stra­fe, schrieb Gar­land in einem Ver­merk. Er ord­ne­te an, die von der Trump-Regie­rung durch­ge­setz­ten Ver­än­de­run­gen der Richt­li­ni­en für Hin­rich­tun­gen zu über­prü­fen. Unter ande­rem soll unter­sucht wer­den, ob die in der Gift­sprit­ze ver­wen­de­te Sub­stanz Pento­bar­bi­tal mit hohem Risi­ko Schmer­zen und Qua­len ver­ur­sacht. Zudem sol­len Vor­schrif­ten geprüft wer­den, die dazu die­nen, Hin­rich­tun­gen zu beschleu­ni­gen. Auch die unter Trump ein­ge­führ­te Mög­lich­keit, bei Exe­ku­tio­nen auf Metho­den und Per­so­nal der Bun­des­staa­ten zurück­grei­fen zu kön­nen, soll auf den Prüf­stand kom­men. Justiz­mi­ni­ster Gar­land ver­wies dabei auf mög­li­che »Will­kür«, die über­pro­por­tio­na­le Betrof­fen­heit von Schwar­zen und die »beun­ru­hi­gen­de« Zahl von Fehl­ur­tei­len. Das Justiz­mi­ni­ste­ri­um müs­se sicher­stel­len, dass die Bun­des­ju­stiz jeden Men­schen ver­fas­sungs­ge­mäß und geset­zes­kon­form, aber auch fair und mensch­lich behan­de­le, erklär­te Garland.

Ins­ge­samt ist die Todes­stra­fe in den USA auf dem Rück­zug. Das hat vie­ler­orts mit einer sich wan­deln­den öffent­li­chen Mei­nung zu tun, aber auch mit den zuneh­men­den Schwie­rig­kei­ten, die nöti­gen Stof­fe für die Gift­sprit­ze zu beschaf­fen. Zudem füh­ren Todes­stra­fen-Urtei­le meist zu lang­wie­ri­gen – und vor allem kost­spie­li­gen – Rechts­strei­tig­kei­ten. Wenn also ein wach­sen­der Teil der US-Bür­ge­rin­nen und -Bür­ger über Sinn und Legi­ti­ma­ti­on der Todes­stra­fe nach­denkt, mag das auch mit der Ein­sicht zu tun haben, dass das gesam­te Hin­rich­tungs­sy­stem zukünf­tig kaum mehr finan­zier­bar ist. Indes: Die Mehr­heit, bei­na­he 60 Pro­zent der Erwach­se­nen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, befür­wor­tet nach wie vor die Todes­stra­fe, davon 27 Pro­zent sogar nach­drück­lich, wie eine aktu­el­le Befra­gung des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Pew Rese­arch Cen­ter ergab (https://www.pewresearch.org/fact-tank/2021/06/15/unlike-other-u-s-religious-groups-most-atheists-and-agnostics-oppose-the-death-penalty/).

Die For­de­rung nach einer Abschaf­fung der Todes­stra­fe löst in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten immer wie­der ent­spre­chend hef­ti­ge Debat­ten aus. In die­sem Zusam­men­hang ist eine zwei­te aktu­el­le Pew-Stu­die inter­es­sant: Je nach Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung gibt es erheb­li­che Unter­schie­de in der Zustim­mung oder Ableh­nung der Todes­stra­fe. So spre­chen sich 65 Pro­zent der Athe­istIn­nen und 57 Pro­zent der Agno­sti­ke­rIn­nen in den USA gegen die Todes­stra­fe nach einem Schuld­spruch wegen Mord aus. Hin­ge­gen spre­chen sich 75 Pro­zent der wei­ßen evan­ge­li­ka­len Pro­te­stan­tIn­nen und 73 Pro­zent der wei­ßen Pro­te­stan­tIn­nen ohne evan­ge­li­ka­len Hin­ter­grund für Hin­rich­tun­gen aus. Bei den his­pa­ni­schen Katho­li­kIn­nen sind es 61 Pro­zent, bei den Befrag­ten ohne kon­kre­te welt­an­schau­li­che Ver­or­tung (»not­hing in par­ti­cu­lar«) 63 Pro­zent. Etwas gerin­ge­re Zustim­mungs­wer­te zei­gen sich bei den schwar­zen Pro­te­stan­tIn­nen. 50 Pro­zent sind dafür, 47 Pro­zent dagegen.

Geg­ner der Todes­stra­fe ver­wei­sen häu­fig auf die Gefahr, dass Unschul­di­ge hin­ge­rich­tet wer­den – ein Risi­ko, das nun eben­falls durch das Justiz­mi­ni­ste­ri­um über­prüft wer­den soll. Wie zu erwar­ten, fin­den der­ar­ti­ge Beden­ken in den befür­wor­ten­den Grup­pen gerin­ges Gehör. 30 Pro­zent der wei­ßen evan­ge­li­ka­le Pro­te­stan­tIn­nen hal­ten die Sicher­heits­maß­nah­men für ange­mes­sen und aus­rei­chend, bei den athe­isti­schen Befrag­ten sind es nur 10 Pro­zent, bei den agno­sti­schen 11 Prozent.

Die USA – das zei­gen bei­de Stu­di­en – haben noch einen lan­gen Weg vor sich, von einer Kul­tur der Ver­gel­tung hin zu einer huma­nen Zivil­ge­sell­schaft. Immer­hin: Gar­lands Mora­to­ri­um ist ein ermu­ti­gen­des Signal nach der düste­ren Trump-Ära.

 

Sie­he auch: Hel­mut Ort­ner: OHNEGNADE – Eine Geschich­te der Todes­stra­fe. Mit einem Nach­wort von Bun­des­rich­ter a. D., Prof. Dr. Tho­mas Fischer, Nomen Ver­lag, 240 S., 22 .