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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Tödliche Medizin

Merck, Sharp & Doh­me (MSD) ist ein US-ame­ri­ka­ni­sches Phar­ma­un­ter­neh­men aus New Jer­sey, das auf den Darm­städ­ter Phar­ma­kon­zern E. Merck (heu­te Merck KGaA) zurück­geht und welt­weit etwa 71.000 Beschäf­tig­te hat. Auf der deut­schen Home­page des Unter­neh­mens heißt es: »MSD ist eines der welt­weit füh­ren­den for­schen­den Gesund­heits­un­ter­neh­men. Wir erfor­schen, ent­wickeln und pro­du­zie­ren Arz­nei­mit­tel und Impf­stof­fe, die Men­schen und Tie­re gesün­der machen und ihnen ein bes­se­res Leben ermög­li­chen sollen.«

Eine deut­sche Nie­der­las­sung des Phar­ma­un­ter­neh­mens, die Vet Phar­ma Frie­s­oy­the GmbH aus Nie­der­sach­sen, steht indes nun im drin­gen­den Ver­dacht, die­se heh­ren ethi­schen Wer­te des Unter­neh­mens mit Füßen getre­ten zu haben, wie im Som­mer 2018 Recher­chen von NDR und Süd­deut­scher Zei­tung erge­ben haben. Dem­nach wer­den Monat für Monat über Bre­mer­ha­ven ton­nen­wei­se Tier­arz­nei­mit­tel der Vet Phar­ma in alle Welt ver­schifft. Dabei soll es auch zu ille­ga­len Expor­ten in die USA gekom­men sein, was die Staats­an­walt­schaft Olden­burg auf den Plan geru­fen hat. Sie ermit­telt wegen mög­li­cher Ver­stö­ße gegen die EU-Fol­ter­richt­li­nie und das Außen­wirt­schafts­ge­setz. Mit­ar­bei­ter der Vet Phar­ma ste­hen im Ver­dacht, meh­re­re Ton­nen des Tier­arz­nei­mit­tels Beu­tha­na­sia-D unter Umge­hung der stren­gen Aus­fuhr­be­stim­mun­gen in die USA ver­schifft zu haben. Beu­tha­na­sia-D wird vor allem dazu ver­wen­det, Hun­de ein­zu­schlä­fern. Das Mit­tel wird Tie­ren in die Vene gespritzt und soll eine schmerz­freie und schnel­le Eutha­na­sie garan­tie­ren. Der Haupt-Wirk­stoff des Mit­tels, Pento­bar­bi­tal, wird in den USA aber auch in Gefäng­nis­sen als eines von meh­re­ren töd­li­chen Gif­ten ein­ge­setzt, um Men­schen damit hin­zu­rich­ten. Bei dem Her­stel­ler und allei­ni­gen Belie­fe­rer für US-Justiz­voll­zugs­an­stal­ten von Thio­pen­tal, dem Unter­neh­men Hospi­ra, kommt es seit 2010 zu Lie­fer­eng­päs­sen, wor­auf Hin­rich­tun­gen mit der Gift­sprit­ze in neun Bun­des­staa­ten zeit­wei­se aus­ge­setzt wer­den muss­ten. Und im Dezem­ber 2011 trat eine EU-wei­te ein­heit­li­che Aus­fuhr­ge­neh­mi­gungs­pflicht für Thio­pen­tal und alle wei­te­ren kurz- und mit­tel­fri­stig wir­ken­den Bar­bi­tu­ra­te in Kraft, wes­halb ein Export aus der EU seit­dem nur noch mit einer Son­der­ge­neh­mi­gung mög­lich ist.

Die Staats­an­walt­schaft Olden­burg hat des­halb Ankla­ge gegen meh­re­re Per­so­nen aus dem Umfeld der Vet Phar­ma erho­ben, und im ver­gan­ge­nen Mai hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg die Ankla­ge zuge­las­sen (OLG Olden­burg, 1 Ws 71/​21), nach­dem das zuvor vom Land­ge­richt Olden­burg abge­lehnt wor­den war.

Nach den Ver­öf­fent­li­chun­gen von NDR und Süd­deut­scher Zei­tung fand im Sep­tem­ber 2018 vor den Werks­to­ren der Vet Phar­ma in Frie­s­oy­the eine gewalt­freie Akti­on statt, in deren Ver­lauf Auf­ru­fe zum Whist­leb­lo­wing an die Beschäf­tig­ten des Unter­neh­mens ver­teilt wur­den. In den Flug­blät­tern wur­den sie über die vor­ge­nann­ten Vor­wür­fe gegen ihren Arbeit­ge­ber infor­miert und dazu auf­ge­for­dert, die Öffent­lich­keit über die Hin­ter­grün­de der in Rede ste­hen­den ille­ga­len Export­pra­xis der Vet Phar­ma zu infor­mie­ren. In der Fol­ge wur­den die Fly­er von der Poli­zei beschlag­nahmt, und das Amts­ge­richt Clop­pen­burg ver­ur­teil­te einen Ange­klag­ten zu einer Geld­stra­fe wegen der Auf­for­de­rung zum Ver­rat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.

Nur weni­ge Wochen nach der Ver­tei­lung der Fly­er kam es per E-Mail zu einer Anfra­ge des Zoll­fahn­dungs­am­tes Bre­mer­ha­ven, in der es heißt: »Auf Umwe­gen haben wir Kennt­nis von Ihrem ›Auf­ruf zum Whist­leb­lo­wing‹ erfah­ren. Wir bit­ten Sie, sich unmit­tel­bar mit uns in Ver­bin­dung zu set­zen, sobald Ihnen eine Per­son bekannt ist, die mög­li­cher­wei­se sach­dien­li­che Hin­wei­se als Zeu­ge im Ver­fah­ren geben kann.« Im Mai 2019 hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg das Urteil des Amts­ge­richts Clop­pen­burg auf­ge­ho­ben und den Ange­klag­ten frei­ge­spro­chen. In dem Urteil heißt es unmiss­ver­ständ­lich: Der inzwi­schen in Kraft getre­te­ne »§ 23 des Geset­zes zum Schutz von Geschäfts­ge­heim­nis­sen (Gesch­GehG) stellt das Ver­hal­ten, zu dem der Ange­klag­te in den von ihm ver­teil­ten Flug­blatt auf­ge­for­dert hat, nicht unter Stra­fe«, weil eine Offen­le­gung von Geschäfts­ge­heim­nis­se dann gebo­ten sei, wenn sie der »Auf­deckung einer rechts­wid­ri­gen Hand­lung oder eines beruf­li­chen oder son­sti­gen Fehl­ver­hal­tens (die­ne), sofern die Offen­le­gung geeig­net ist, das all­ge­mei­ne öffent­li­che Inter­es­se zu schüt­zen. Dies ist vor­lie­gend der Fall« (OLG Olden­burg, 1 Ss 72/​19).

Wegen der Auf­ru­fe zum Whist­leb­lo­wing sind bei den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten Olden­burg und Mün­chen indes noch immer drei Kla­gen anhän­gig, die wohl in Kür­ze öffent­lich ver­han­delt werden.

»Wir stre­ben danach, die Men­schen gesün­der zu machen – und ihnen so zu einem bes­se­ren Leben zu ver­hel­fen«, heißt es auf der Home­page der Merck, Sharp & Doh­me GMBH (MSD). Den bei­den Geschäfts­füh­re­rin­nen, Chan­tal Frie­berts­häu­ser und Jut­ta König, möch­te man da die Wor­te von Sant­ia­go Mar­ti­nez aus sei­nem »Brief an die Ein­sam­keit« zuru­fen, den er als zum Tode Ver­ur­teil­ter im kali­for­ni­schen San Quen­tin Sta­te Pri­son geschrie­ben hat: »Also, komm, Ein­sam­keit, es sind nur ich und du und mei­ne Gedan­ken! Und hey, wenn noch jemand kommt und sich zu uns gesellt, kann es nur ein Vor­teil sein!« Viel­leicht besu­chen Frau Frie­berts­häu­ser und Frau König im über­tra­ge­nen Sin­ne Sant­ia­go Mar­ti­nez ein­mal, indem sie dafür Sor­ge tra­gen, dass die straf­recht­li­chen Vor­wür­fe gegen ihre Beschäf­tig­ten auf­ge­deckt wer­den und künf­ti­ge Ver­stö­ße des Unter­neh­mens gegen die EU-Fol­ter­richt­li­nie für immer aus­ge­schlos­sen bleiben.

Fried­rich Jacob Merck, der Grün­der der Engel-Apo­the­ke im 17. Jahr­hun­dert, die den Grund­stein für die phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­men Merck KGaA und MSD bil­det, wür­de sich ganz bestimmt dar­über freuen!