Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Toter Schwan und brennende Fackel

Eine Hand­voll waren sie – fünf jun­ge Män­ner zwi­schen 17 und 20 Jah­ren, die im Mai 2019 Anstoß dar­an nah­men, dass eine Grup­pe fran­zö­si­scher Roma bei dem Ort Erbach-Dell­men­sin­gen (Alb-Donau-Kreis) eine Wie­se gemie­tet hat­te und die hei­ßen Früh­som­mer­ta­ge dort ver­brach­te. Einen kon­kre­ten Anlass für ihre Feind­se­lig­kei­ten gab es nicht; die fünf jun­gen Män­ner fan­den ein­fach, Roma sei­en uner­wünscht. Auch glaub­ten sie, im Sin­ne der Dorf­mehr­heit zu han­deln. In meh­re­ren Stu­fen eska­lier­ten sie ihre Angrif­fe. Als erstes stell­ten sie eine Tafel mit der Auf­schrift »Nicht will­kom­men!« auf. Dann erschreck­ten sie die Cam­per durch einen Böl­ler. Dann leg­ten sie ihnen einen toten Schwan vor die Tür. Schließ­lich war­fen sie nachts aus einem fah­ren­den Auto eine bren­nen­de Fackel zwi­schen die Wohn­wa­gen. Die Fackel lan­de­te neben einem Wagen, in dem eine jun­ge Frau mit ihrem neun Mona­te alten Baby schlief. Glück­li­cher­wei­se konn­te ein gei­stes­ge­gen­wär­ti­ger Mann den Brand­satz recht­zei­tig weit weg­wer­fen, so dass nie­mand ver­letzt wur­de. Die Roma flo­hen in Panik, wie seit Jahr­hun­der­ten ihre Vor­fah­ren vor anti­zi­ga­ni­sti­schen Ver­fol­gun­gen hat­ten flie­hen müssen.

 

Kein Mord­ver­such, kei­ne Brandstiftung?

Die fünf jun­gen Män­ner wur­den ver­haf­tet und wegen ver­such­tem Mord vor Gericht gestellt. Als im Mai 2020 die Haupt­ver­hand­lung vor der Gro­ßen Jugend­kam­mer des Land­ge­richts Ulm eröff­net wur­de, sag­te ein sach­ver­stän­di­ger Zeu­ge aus, die Fackel sei nicht geeig­net gewe­sen, einen Wohn­wa­gen in Brand zu set­zen. Und der Fackel­wer­fer gab an, er habe die Fackel gezielt so gewor­fen, dass sie in zwei Meter Ent­fer­nung von dem Wohn­wa­gen mit der Mut­ter und dem Baby gelan­det sei. Eine Brand­stif­tung sei nicht beab­sich­tigt gewe­sen. Aus dem fah­ren­den Auto so ziel­ge­nau geschleu­dert? Wer kann das glau­ben? Jeden­falls wur­den die Haft­be­feh­le auf­ge­ho­ben, alle fünf auf frei­en Fuß gesetzt. Es habe sich mög­li­cher­wei­se ja nicht um ver­such­ten Mord und ver­such­te Brand­stif­tung gehan­delt, son­dern nur um Nöti­gung. Das hieß aber nicht, dass der Moti­va­ti­on der Ange­klag­ten kei­ne Auf­merk­sam­keit geschenkt wurde.

 

Das Urteil

Am 23. Sep­tem­ber wur­den alle fünf Ange­klag­ten wegen »Ver­trei­bung bezie­hungs­wei­se gemein­schaft­li­cher Nöti­gung in 45 Fäl­len« nach dem Jugend­straf­recht ver­ur­teilt. Alle Stra­fen wur­den zur Bewäh­rung aus­ge­setzt. Als Moti­va­ti­on der Tat nann­te das Gericht aus­drück­lich Frem­den­feind­lich­keit, Ras­sis­mus und Anti­zi­ga­nis­mus. Die­se Ein­stel­lun­gen sei­en bei den Tätern auch wei­ter­hin vor­han­den. Alle Ange­klag­ten wur­den ver­pflich­tet, die KZ-Gedenk­stät­te Dach­au zu besu­chen und danach einen zehn­sei­ti­gen hand­schrift­li­chen Bericht über ihre Erfah­run­gen, Gefüh­le und Ein­drücke anzu­fer­ti­gen. Zwei der Ange­klag­ten müs­sen Geld­stra­fen in Höhe von 1200 Euro an die Hil­de­gard Lag­ren­ne Stif­tung zah­len. Die Stif­tung wur­de für Bil­dung, Inklu­si­on und Teil­ha­be von Sin­ti und Roma in Deutsch­land gegrün­det, da auf­grund der jahr­hun­der­te­lan­gen und noch andau­ern­den Geschich­te der Dis­kri­mi­nie­rung und des Anti­zi­ga­nis­mus Sin­ti und Roma gerin­ge­re Bil­dungs­chan­cen haben als Ange­hö­ri­ge der Mehrheitsbevölkerung.

Zu dem Urteil sag­te Rechts­an­walt Meh­met Dai­ma­gü­ler, der schon im NSU-Pro­zess als enga­gier­ter Neben­klä­ger­ver­tre­ter auf­ge­fal­len ist: »Die Neben­kla­ge kann mit dem Urteil leben, weil das Gericht die anti­zi­ga­ni­sti­sche Hass­mo­ti­va­ti­on klar benannt hat.«

 

Was sich die Neben­kla­ge gewünscht hätte

Vor dem Ende des Pro­zes­ses hat­te Dai­ma­gü­ler in einem beein­drucken­den Plä­doy­er dif­fe­ren­ziert aus­ge­führt, was für ein Urteil sich die jun­ge Mut­ter, neben deren Wohn­wa­gen die bren­nen­de Fackel gelan­det war, und er selbst gewünscht hätten:

»… Die Staats­an­walt­schaft hat für alle Ange­klag­ten mit Aus­nah­me von Herrn P. Haft­stra­fen bean­tragt. Dies trägt die Neben­kla­ge nur teil­wei­se mit. Mei­ne Man­dan­tin möch­te nicht, dass die Ange­klag­ten ins Gefäng­nis gehen. Anders als die Ange­klag­ten selbst hat sie die Fähig­keit zu Lie­be, Nach­sicht und zum Ver­zei­hen. Zudem glau­ben wir nicht, dass das Gefäng­nis aus den Ange­klag­ten bes­se­re Men­schen macht, im Gegen­teil. Wir wol­len, dass die Ange­klag­ten eine Aus­bil­dung machen und Gele­gen­heit bekom­men, ihr Leben ins Lot zu brin­gen.« Wäh­rend der Rechts­an­walt dem Ange­klag­ten P. sein Bedau­ern über die Tat glaub­te, war dies bei dem Ange­klag­ten O. nicht der Fall. O. habe sich zwar wie die ande­ren Ange­klag­ten bei den Roma ent­schul­digt, doch habe er noch lan­ge Zeit nach der Tat einen Insta­gram-Account betrie­ben, auf dem mit dem Hit­ler­gruß kom­mu­ni­ziert wur­de. »Im Fal­le von Herrn O. hal­te des­halb auch ich eine Haft­stra­fe ohne Bewäh­rung für tat- und schuld­an­ge­mes­sen.« Für die ande­ren Ange­klag­ten bean­trag­te Dai­ma­gü­ler Haft­stra­fen auf Bewäh­rung. Außer­dem soll­ten alle Ange­klag­ten ein Sta­di­on­ver­bot erhal­ten und nach Ermes­sen des Gerich­tes zu Geld­stra­fen zugun­sten der Hil­de­gard Lag­ren­ne Stif­tung ver­ur­teilt wer­den. Die Ange­klag­ten P. und D. soll­ten von der Zah­lung befreit sein, weil sie im Rah­men des Täter-Opfer-Aus­gleichs bereits eine Ent­schä­di­gung gelei­stet hat­ten. »Schließ­lich und end­lich: Wir hal­ten nichts davon, die Ange­klag­ten zu einem Besuch der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au zu ver­ur­tei­len. Was soll das brin­gen? Eine Füh­rung zur Erfül­lung nach Wei­sung? Ich mei­ne, dass man auch den Ange­stell­ten der Gedenk­stät­te nicht zumu­ten kann, des­in­ter­es­sier­te Nazis durch das Lager zu füh­ren. Mein Vor­schlag ist ein ande­rer: In Ulm wur­den, wie an vie­len ande­ren Orten in Deutsch­land, soge­nann­te ‹Stol­per­stei­ne› in den Boden gelas­sen, über­all dort, wo Opfer der Nazis gelebt hat­ten, bevor man sie ver­schlepp­te und ermor­de­te. Die­se Opfer sind Juden, Sin­ti und Roma, Men­schen mit gei­sti­ger Behin­de­rung, Zeu­gen Jeho­vas, Homo­se­xu­el­le, Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, Gewerk­schaf­ter und poli­tisch Anders­den­ken­de. In Ulm sind etwa 100 Stol­per­stei­ne ver­legt. Ich bean­tra­ge, dass die Ange­klag­ten F., D. und B. ver­ur­teilt wer­den, in einem Zeit­raum von zwei Jah­ren ein­mal im Monat, von­ein­an­der getrennt und unter Auf­sicht, die­se Stol­per­stei­ne zu rei­ni­gen. Soll­te der Ange­klag­te O. eben­falls zu einer Bewäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt wer­den, so soll auch er dazu ver­ur­teilt wer­den. Der Ange­klag­te P. soll für die Dau­er eines Jah­res ein­mal im Monat die glei­che Arbeit ver­rich­ten. … Im Anschluss soll jeder der Ange­klag­ten einen hand­ge­schrie­be­nen Auf­satz von 25 Sei­ten dar­über schrei­ben, war­um das Geden­ken an die Opfer der Nazis so wich­tig ist und was sie per­sön­lich bei ihrer Arbeit gelernt haben.«

Der Neben­kla­ge­ver­tre­ter been­de­te sein Plä­doy­er mit einem Dank an die Poli­zei, an die Staats­an­walt­schaft und das Gericht, »weil sie von Anfang an den anti­zi­ga­ni­sti­schen, ras­si­sti­schen und rechts­ex­tre­men Hin­ter­grund der Tat klar benannt bezie­hungs­wei­se unter­sucht haben. Das ist weiß Gott nicht selbstverständlich.«

 

Das Plä­doy­er von Rechts­an­walt Meh­met Dai­ma­gü­ler ist nach­zu­le­sen unter: https://zentralrat.sintiundroma.de/antiziganismus-tatmotiv-fuer-brandanschlag/.