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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Trümmerlandschaft, 39 Jahre danach

Don­ners­tag­vor­mit­tag, halb zehn. Die Fahr­ge­schäf­te und Bier­zel­te auf der Münch­ner Wies’n wer­den erst um zehn geöff­net, aber schon strö­men Tau­sen­de zur Fest­wie­se. An der mit Krän­zen geschmück­ten klei­nen Gedenk­stät­te am Haupt­ein­gang haben sich etwa hun­dert Men­schen ver­sam­melt, vie­le mit Blu­men in der Hand. Getra­ge­ne Blas­mu­sik klingt auf. Es ist der 26. Sep­tem­ber, Jah­res­tag des Okto­ber­fe­stat­ten­tats. Vor 39 Jah­ren, am 26. Sep­tem­ber 1980 um 22:19 Uhr, star­ben an die­ser Stel­le zwölf Fest­be­su­cher – Män­ner, Frau­en und Kin­der – sowie der Bom­ben­le­ger: ein 21-jäh­ri­ger Stu­dent aus dem Umkreis der faschi­sti­schen Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann. Zwei­hun­dert­drei­zehn Men­schen wur­den ver­letzt, 68 davon schwer. Eini­ge von ihnen sind heu­te gekom­men, um an der Gedenk­stun­de der DGB-Jugend teilzunehmen.

Acht­und­drei­ßig Mal haben wir schon hier gestan­den. Heu­te ist es das 39. Mal. In den ersten Jah­ren sorg­te eine von Kom­mu­ni­sten orga­ni­sier­te ganz­tä­gi­ge Mahn- und Schutz­wa­che dafür, dass der Jah­res­tag der blu­ti­gen Tat nicht ein­fach über­gan­gen und wenig­stens an die­sem Tag die unschein­ba­re Erin­ne­rungs­s­te­le nicht bekotzt und bepin­kelt wur­de. Spä­ter rief die DGB-Jugend zur vor­mit­täg­li­chen Gedenk­stun­de an dem neu gestal­te­ten Gedenk­ort auf. Im Lau­fe der Zeit ver­än­der­te sich das Bild. Seit vie­len Jah­ren spricht der Ober­bür­ger­mei­ster ein Gruß­wort, und unter den Teil­neh­mern sind zuneh­mend Stadt­rä­te, Land­tags­ab­ge­ord­ne­te, Mit­glie­der des Bun­des­tags, son­sti­ge Hono­ra­tio­ren. Die For­de­rung ist dabei gleich geblie­ben: Das Ver­bre­chen muss voll­stän­dig auf­ge­klärt wer­den, Hin­ter­män­ner und Mit­tä­ter müs­sen gefun­den und vor Gericht gestellt wer­den. Denn die The­se der Ermitt­lungs­be­hör­den vom unpo­li­ti­schen Ein­zel­tä­ter, der das Ver­bre­chen aus rein per­sön­li­chen Moti­ven – Lie­bes­kum­mer, all­ge­mei­nem Welt­schmerz und Ver­zweif­lung – ganz allein geplant und ver­übt habe, über­zeugt längst nicht mehr. Zu offen­sicht­lich sind die Unge­reimt­hei­ten der Ermitt­lungs­er­geb­nis­se, zu grob die angeb­li­chen »Pan­nen« bei der Spu­ren­si­che­rung, zu dreist die Umin­ter­pre­ta­ti­on von Zeu­gen­aus­sa­gen, das Vor­ge­hen beim Unter-den-Tep­pich-Keh­ren unge­wünsch­ter Befun­de, die Ver­nich­tung wich­ti­ger Beweis­stücke. Dass all dies der Öffent­lich­keit bekannt wur­de, ist haupt­säch­lich den akri­bi­schen Recher­chen von Rechts­an­walt Wer­ner Diet­rich – auch er ist heu­te gekom­men – zu ver­dan­ken, der als Neben­kla­ge­ver­tre­ter unend­li­che Ber­ge von Unter­la­gen gesich­tet, Zeu­gen gesucht und befragt, Wider­sprü­che auf­ge­deckt hat. Und der Hart­näckig­keit des Jour­na­li­sten Ulrich Chaus­sy, der sich nicht ein­schüch­tern ließ und immer neu­en Hin­wei­sen nachging.

Nach 32 Jah­ren: Wie­der­auf­nah­me der Ermittlungen

Chaus­sy ist der Haupt­red­ner bei der heu­ti­gen Gedenk­stun­de. Er begrüßt die unmit­tel­bar Betrof­fe­nen unter den Anwe­sen­den, nennt die Namen der Getö­te­ten, spricht vom Leid der Hin­ter­blie­be­nen, der lebens­lang Trau­ma­ti­sier­ten und Ver­sehr­ten. Dann gibt er einen knap­pen Über­blick über die dama­li­gen Ermitt­lun­gen, die schon nach zwei Jah­ren ein­ge­stellt wur­den: Der angeb­li­che Allein­tä­ter war ja tot, und gegen Tote wird nicht ermit­telt. Ulrich Chaus­sy berich­tet, wie Rechts­an­walt Diet­rich, nach dem Stu­di­um Zig­tau­sen­der Akten­sei­ten, den ersten Antrag auf Wie­der­auf­nah­me der Ermitt­lun­gen stell­te, dann den zwei­ten, wie­der ver­geb­lich. Was der Spiel­film »Der blin­de Fleck« bewirk­te. Wie sich danach neue Zeu­gen mel­de­ten und der drit­te Wie­der­auf­nah­me­an­trag end­lich – im Dezem­ber 2014 – zum Erfolg führ­te: »Nach 32 Jah­ren Still­stand hat die Bun­des­an­walt­schaft im Fall Okto­ber­fe­stat­ten­tat zum ersten Mal in ihrer Geschich­te ein von ihr ein­ge­stell­tes Ver­fah­ren wie­der auf­le­ben las­sen.« Und nicht nur das. »Gene­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge woll­te es unter dem Ein­druck des NSU-Deba­kels wis­sen: Haben auch beim Okto­ber­fe­stat­ten­tat Ermitt­ler und Geheim­dien­ste ver­sagt?« Die Fra­ge liegt nahe, nicht nur wegen der Erfah­run­gen mit dem NSU. Schließ­lich hat­te schon 1980 ein baye­ri­scher Geheim­dienst­chef die Ermitt­lun­gen durch vor­zei­ti­ge Infor­ma­ti­on der Pres­se sabo­tiert und gestört, mög­li­che Mit­tä­ter gewarnt. Ran­ge for­der­te alle Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter des Bun­des und der Län­der, den BND und den Mili­tä­ri­schen Abschirm­dienst auf, alle dort even­tu­ell vor­han­de­nen Akten zum Okto­ber­fe­stat­ten­tat für die Ermitt­lun­gen der Bun­des­an­walt­schaft zur Ver­fü­gung zu stellen.

Kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung bis­lang verweigert 

Acht Mona­te nach sei­ner Ent­schei­dung, die Ermitt­lun­gen wie­der auf­zu­neh­men, wur­de Ran­ge vom dama­li­gen Justiz­mi­ni­ster Hei­ko Maas vor­zei­tig in den Ruhe­stand ver­setzt. Sei­ne Nach­fol­ger woll­ten es nicht so genau wis­sen. Im Mai die­ses Jah­res erkun­dig­te sich Annet­te Ramels­ber­ger von der Süd­deut­schen Zei­tung bei der Bun­des­an­walt­schaft, was seit dem Raus­schmiss von Ran­ge gesche­hen ist. Beein­drucken­de Zah­len wur­den ihr genannt. Gan­ze Stein­brü­che sei­en um- und umge­dreht wor­den auf der Suche nach Mit­tä­tern – alles ver­geb­lich. Nur ein The­ma, berich­tet Chaus­sy, erwähn­ten die Kom­mis­sa­re der neu­en SoKo 26.9. nicht: »Ob sie über­haupt den Ursa­chen nach­ge­gan­gen sind, war­um ihre Kol­le­gen in den acht­zi­ger Jah­ren ihnen die­se Trüm­mer­land­schaft einer Ermitt­lung hin­ter­las­sen haben, in der sie die ent­schei­den­den Sach­be­wei­se irgend­wie ver­schwin­den lie­ßen und den Tat­zeu­gen und Spu­ren, die nicht in die Ein­zel­tä­ter­theo­rie pass­ten, nicht nach­gin­gen, als die­se noch frisch und die Erin­ne­rung prä­sent war.«

»Es wird der Bun­des­an­walt­schaft also nichts ande­res übrig blei­ben«, schrieb Annet­te Ramels­ber­ger in der SZ als Fazit ihrer Recher­che, »als die Ermitt­lun­gen ein­zu­stel­len. Ein zwei­tes Mal.« Ulrich Chaus­sy hat an den zustän­di­gen Bun­des­an­walt Beck, Lei­ter der Abtei­lung Ter­ro­ris­mus, geschrie­ben, ihn dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die neue Münch­ner SoKo, deren Auf­ga­be auch die kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Ermitt­lungs­tä­tig­keit ihrer Vor­gän­ge­rin, der alten SoKo The­re­si­en­wie­se, sei, die Erfül­lung die­ser Auf­ga­be bis­lang ver­wei­gert habe. Das dür­fe die Bun­des­an­walt­schaft nicht hin­neh­men. Beck habe ihm mit­ge­teilt, das Ermitt­lungs­ver­fah­ren daue­re wei­ter an. Hier­von geht Chaus­sy auch des­halb aus, weil Rechts­an­walt Diet­rich die Sich­tung erheb­li­cher Bestän­de von Akten der Nach­rich­ten­dien­ste zum Okto­ber­fe­stat­ten­tat noch vor sich hat – und ihm als Rechts­ver­tre­ter der Opfer müs­se und wer­de von der Bun­des­an­walt­schaft die Zeit gege­ben wer­den, die er dazu benö­tigt. Aber wird auch die SoKo die Zeit nut­zen und die kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung nachholen?

Die Wies’n-Besucher in ihren Dirndln und Leder­ho­sen stre­ben wei­ter den Bier­zel­ten und den Schieß­bu­den zu. 6,3 Mil­lio­nen Gäste wer­den es in die­sem Jahr am Ende gewe­sen sein. Die hun­dert Men­schen an der Gedenk­stät­te stel­len sich an, um ihre Blu­men nie­der­zu­le­gen und dann heim­zu­ge­hen. Vor­bei an gro­ßen Pla­kat­wän­den, auf denen das Justiz­mi­ni­ste­ri­um forsch ver­si­chert: »Wir sind Rechts­staat.« Sind wir das?

Ulla Jel­pke Euro­pa­par­la­ment ent­la­stet Nazideutschland

Die Gleich­set­zung von Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus ist seit Jah­ren fester Bestand­teil kon­ser­va­ti­ver – und zuneh­mend auch sozi­al­de­mo­kra­ti­scher – Geschichts­po­li­tik. Vor allem aus ost­eu­ro­päi­schen EU-Staa­ten kom­men regel­mä­ßig Initia­ti­ven, die for­dern, man müs­se sich »glei­cher­ma­ßen« vom deut­schen Faschis­mus wie von kom­mu­ni­sti­schen Regi­men bezie­hungs­wei­se Ideo­lo­gien distan­zie­ren. So wur­de schon 2008 in der soge­nann­ten Pra­ger Dekla­ra­ti­on über »Euro­päi­sches Bewusst­sein und Kom­mu­nis­mus« die »Gleich­heit« kom­mu­ni­sti­scher und faschi­sti­scher Ver­bre­chen beschwo­ren. Zu den Unter­zeich­nern gehör­te der spä­te­re Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck. Sol­che Vor­stö­ße zur Umdeu­tung der Geschich­te haben in der Ver­gan­gen­heit stets zu ver­nehm­ba­ren Pro­te­sten von Sei­ten pro­gres­si­ver Histo­ri­ker, Geschichts­ak­ti­vi­sten und Orga­ni­sa­tio­nen geführt. Jüdi­sche Orga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sier­ten ins­be­son­de­re, damit wer­de auch die Scho­ah als sin­gu­lä­res Ereig­nis relativiert.

Der­zeit scheint jedoch der rech­te Revi­sio­nis­mus die Ober­hand gewon­nen zu haben. Denn von Pro­te­sten war kaum etwas zu spü­ren, als das Euro­päi­sche Par­la­ment im Sep­tem­ber 2019 noch eins drauf­leg­te: Eine Mehr­heit von 81 Pro­zent der Abge­ord­ne­ten ver­ab­schie­de­te eine Reso­lu­ti­on, die über bis­he­ri­ge »Totalitarismus«-Erklärungen weit hin­aus­geht, indem sie die deut­sche Allein­schuld am Zwei­ten Welt­krieg direkt leug­net. Der Welt­krieg, so das Euro­pa­par­la­ment, sei viel­mehr vom Nazi­reich und der Sowjet­uni­on glei­cher­ma­ßen her­bei­ge­führt worden.

Der zen­tra­le Satz in der Reso­lu­ti­on »Bedeu­tung der Erin­ne­rung an die euro­päi­sche Ver­gan­gen­heit für die Zukunft Euro­pas« lau­tet, »dass vor 80 Jah­ren, am 23. August 1939, die kom­mu­ni­sti­sche Sowjet­uni­on und das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Deut­sche Reich den als Hit­ler-Sta­lin-Pakt bekann­ten Nicht­an­griffs­pakt und des­sen Geheim­pro­to­kol­le unter­zeich­ne­ten, womit die bei­den tota­li­tä­ren Regime Euro­pa und die Hoheits­ge­bie­te unab­hän­gi­ger Staa­ten unter­ein­an­der auf­teil­ten und in Inter­es­sen­sphä­ren ein­teil­ten und damit die Wei­chen für den Zwei­ten Welt­krieg stell­ten«. Und damit man genau ver­steht, was gemeint ist, wird zwei Sei­ten spä­ter noch nach­ge­scho­ben, dass der Welt­krieg »als unmit­tel­ba­re Fol­ge« die­ses Pak­tes und der Zusatz­pro­to­kol­le »aus­brach, in deren Rah­men die bei­den glei­cher­ma­ßen das Ziel der Welt­erobe­rung ver­fol­gen­den tota­li­tä­ren Regime Euro­pa in zwei Ein­fluss­be­rei­che aufteilten«.

Alles klar also? Der Zwei­te Welt­krieg wur­de nicht etwa von Nazi-Deutsch­land begon­nen, son­dern war ein gemein­sa­mes Pro­jekt Hit­lers und Sta­lins. Sol­che revi­sio­ni­sti­schen Dar­stel­lun­gen à la »Histo­ri­ker­streit« stie­ßen frü­her auf gro­ße gesell­schaft­li­che Wider­stän­de. Heu­te dage­gen fin­den sie größ­te Zustim­mung: Für die Reso­lu­ti­on stimm­ten nicht nur die Frak­tio­nen der Euro­päi­schen Volks­par­tei (EVP), der Kon­ser­va­ti­ven und Refor­mi­sten (EKR) sowie der Libe­ra­len (Renew), son­dern auch die der Sozi­al­de­mo­kra­ten (S&D) und der Grü­nen. Ableh­nung kam fast aus­schließ­lich von der Lin­ken (GUE/​NGL). Ein kla­res Zei­chen für den Rechts­ruck in Euro­pa, auch auf geschichts­po­li­ti­schem Feld.

Kei­ne Fra­ge: In man­chen ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten, ins­be­son­de­re im Bal­ti­kum und in Ungarn, ist die Geschichts­klit­te­rung schon so weit fort­ge­schrit­ten, dass man gera­de­zu froh sein könn­te, sie wür­den sich auf eine »Gleich­set­zung« von rechts und links beschrän­ken. Tat­säch­lich aber macht sich im Bal­ti­kum eine Reha­bi­li­tie­rung faschi­sti­scher Kol­la­bo­ra­teu­re der Kriegs­zeit breit, die kei­nen Zwei­fel dar­an lässt, dass die Kom­mu­ni­sten (oder gleich die Rus­sen) das aller­größ­te Übel der Welt­ge­schich­te gewe­sen sei­en. Der Holo­caust wird zwar nicht direkt bestrit­ten. Aber jüdi­sche Ein­woh­ner, die sich damals zu den sowje­ti­schen Par­ti­sa­nen ret­te­ten (wohin auch sonst?!), ste­hen im Ruf von Vaterlandsverrätern.

An einer Stel­le wird dies in der Reso­lu­ti­on wenig­stens ange­spro­chen, wenn sie »ver­ur­teilt, dass in eini­gen EU-Mit­glieds­staa­ten Geschichts­re­vi­sio­nis­mus betrie­ben wird und Per­so­nen ver­herr­licht wer­den, die mit den Natio­nal­so­zia­li­sten kol­la­bo­rier­ten«. Ross und Rei­ter wer­den hier frei­lich nicht genannt, was den Abge­ord­ne­ten die­ser Län­der die Zustim­mung ermög­lich­te. Ganz anders, wo es um das heu­ti­ge Russ­land geht: Es wird gleich mehr­fach als Inbe­griff des Schur­ken­staats mar­kiert. Man sei, so die Reso­lu­ti­on, »zutiefst besorgt ange­sichts der Bemü­hun­gen der der­zei­ti­gen rus­si­schen Füh­rung, histo­ri­sche Tat­sa­chen zu ver­fäl­schen und die vom tota­li­tä­ren Regime der Sowjet­uni­on began­ge­nen Ver­bre­chen schön­zu­fär­ben«. Die rus­si­sche Gesell­schaft wird auf­ge­for­dert, »ihre tra­gi­sche Ver­gan­gen­heit auf­zu­ar­bei­ten«. Hal­tet den Dieb, kann man da nur sagen.

Die ande­ren Pas­sa­gen der Reso­lu­ti­on bekräf­ti­gen, was schon bis­her vom Euro­pa­par­la­ment ver­laut­bart wur­de: Dass zwar die NS-Ver­bre­chen schon alle »auf­ge­klärt« sei­en, das Bewusst­sein für die sta­li­ni­sti­schen Ver­bre­chen aber »nach wie vor drin­gend geschärft« wer­den müs­se. Wie­der­holt wird das »gemein­sa­me Erbe der von kom­mu­ni­sti­schen, natio­nal­so­zia­li­sti­schen und ande­ren Dik­ta­tu­ren began­ge­nen Ver­bre­chen« beschwo­ren; zustim­mend wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in eini­gen EU-Staa­ten sowohl die kom­mu­ni­sti­sche als auch die natio­nal­so­zia­li­sti­sche »Ideo­lo­gie« ver­bo­ten sei­en (wie sich eine Ideo­lo­gie ver­bie­ten lässt, wird hier nicht wei­ter pro­ble­ma­ti­siert). Eben­falls zustim­mend wird auf die Ver­bo­te von sowje­ti­schen bezie­hungs­wei­se kom­mu­ni­sti­schen und faschi­sti­schen Sym­bo­len ver­wie­sen (wobei zumin­dest in der Pra­xis des Bal­ti­kums Haken­kreu­ze ger­ne als Aus­druck vor­fa­schi­sti­scher Tra­di­tio­nen aus­ge­legt werden).

Wider­spruch gegen die Reso­lu­ti­on kam fast nur von links. Die spa­ni­sche GUE/NGL-Abge­ord­ne­te Sira Rego mach­te dar­auf auf­merk­sam, dass es auch inner­halb der EU noch aus­rei­chend Staa­ten gibt, die sich einer poli­ti­schen und juri­sti­schen Auf­ar­bei­tung des Faschis­mus ver­wei­gern: Sie kom­me aus einem Land, »das vol­ler Plät­ze und Stra­ßen ist, die die Namen fran­quisti­scher Mör­der tragen«.

Kei­ne Fra­ge: Die Bestim­mun­gen in den gehei­men Zusatz­pro­to­kol­len von 1939 sind skan­da­lös. Die sowje­ti­sche Füh­rung ahn­te nur zu gut, dass die­se das eige­ne Image unter­gra­ben könn­ten, wes­halb ihre Exi­stenz bis 1989 geleug­net wur­de. Durch­aus nach­voll­zieh­bar ist auch, dass sich die bal­ti­schen Staa­ten und Polen nicht nur als Opfer Deutsch­lands, son­dern auch der Sowjet­uni­on betrach­ten. All das ändert aber nichts dar­an, dass es Nazi-Deutsch­land war, das auf den Welt­krieg syste­ma­tisch vor­be­rei­tet hat. Zu behaup­ten, im August 1939 sei eigent­lich noch alles offen gewe­sen und erst die sowje­ti­sche Unter­schrift unter die Abkom­men habe die »Wei­chen« für den Krieg gestellt, impli­ziert den Umkehr­schluss: Die Sowjet­uni­on habe es damals in der Hand gehabt, den Welt­krieg zu ver­hin­dern. Das ist eine gro­be Leug­nung der Kriegs­schuld­fra­ge. Die Sowjets ver­hiel­ten sich damals tak­tisch und ver­such­ten, aus der deso­la­ten Lage in Euro­pa das Beste für sich her­aus­zu­ho­len. Für die Ent­ste­hung die­ser Lage waren aber in erster Linie die Nazis ver­ant­wort­lich. Und nicht nur sie: Die por­tu­gie­si­sche Abge­ord­ne­te San­dra Perei­ra (GUE/​NGL) und die let­ti­sche Abge­ord­ne­te Tat­ja­na Schdano­ka (Grü­ne) mach­ten auf das Münch­ner Abkom­men von 1938 auf­merk­sam. Damit, so Perei­ra, hät­ten die kapi­ta­li­sti­schen Groß­mäch­te den Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges und den Ein­marsch in die Sowjet­uni­on vor­be­rei­tet. Als Ziel der Reso­lu­ti­on benann­te sie den Ver­such, die Ver­ant­wor­tung der kapi­ta­li­sti­schen Staa­ten für die NS-Ver­bre­chen zu ver­tu­schen. Auch in die­ser Hin­sicht ist der Kampf um die Aus­le­gung der Geschich­te ein Aspekt des Klas­sen­kamp­fes – in dem der­zeit lei­der nicht die Lin­ke in der Offen­si­ve ist.

Die Reso­lu­ti­on im Netz:https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2019-0021_DE.pdf