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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Victor Klemperer als Militärzensor

Seit den 1990er Jah­ren war Klem­pe­rer auf Grund sei­ner Tage­bü­cher postum zu Ruhm gelangt, der zwar im Lau­fe der Jah­re etwas ver­blasst, aber kei­nes­wegs ver­schwun­den ist. Hier­für sor­gen immer wie­der Publi­ka­tio­nen des Auf­bau-Ver­la­ges (Film­ta­ge­bü­cher, Revo­lu­ti­ons­ta­ge­bü­cher, Briefe).

Wich­tig sind aber zur Auf­recht­erhal­tung der Erin­ne­rung an ihn auch immer wie­der Detail­stu­di­en. Zu die­sen zählt »Vic­tor Klem­pe­rer und Leip­zig (1916-1919)« von Lothar Poethe.

Als Fach­stu­die allein wäre die­ses Buch für das all­ge­mei­ne Publi­kum wohl nicht sehr inter­es­sant. Die Bedeu­tung beruht dar­auf, dass sie ein­ge­bet­tet ist in Klem­pe­rers Bio­gra­fie. Die Grund­la­ge dafür hat Klem­pe­rer selbst gelie­fert: in sei­nem »Cur­ri­cu­lum Vitae« (2 Bän­de, zuerst 1989 erschienen).

»CV« wur­de von Klem­pe­rer unter dra­ma­ti­schen Umstän­den in den Jah­ren 1939 bis 1942 ver­fasst: Er war als Jude ver­folgt, hat­te sei­nen Lehr­stuhl, sei­nen Zugang zunächst zu wis­sen­schaft­li­chen, dann auch zu pri­va­ten Büche­rei­en ver­lo­ren und ver­wer­te­te nun sei­ne Tage­bü­cher, (die er anschlie­ßend aus Sicher­heits­grün­den ver­nich­te­te), um sei­ne Bio­gra­fie bis zum Jah­re 1918 zu schrei­ben. Immer wie­der ver­glich er dar­in sei­ne Sicht in der Zeit des Ersten Welt­kriegs mit der sei­ner Schreib­ge­gen­wart. Poe­the (S. 9) betont, dass Klem­pe­rer »sich erfolg­reich bemüh­te«, sei­ne Erin­ne­run­gen nach­träg­lich zu kor­ri­gie­ren oder zu beschönigen.

Die Behand­lung des Haupt­the­mas umfasst deut­lich weni­ger als die Hälf­te des Text­teils, der zur Ver­an­schau­li­chung mit vie­len Fotos aus­ge­stat­tet ist. So gelingt dem Autor eine leben­di­ge Dar­stel­lung Klem­pe­rers Leip­zi­ger Jahre.

Die Ver­set­zung von der West­front nach Leip­zig (1916) – über ver­schie­de­ne Etap­pen – war für Klem­pe­rer letzt­lich von lebens­ret­ten­der Bedeu­tung. Er arbei­te­te in der Mili­tär­zen­sur. Sei­ne Behör­de »Prü­fungs­stel­le Ober Ost Leip­zig« war in der Deut­schen Büche­rei unter­ge­bracht, die 1913 begon­nen hat­te, alle deutsch geschrie­be­nen Bücher zu sam­meln und zu kata­lo­gi­sie­ren, und in der der Autor Poe­the jahr­zehn­te­lang gear­bei­tet hat. Er kann auf Grund sei­ner Fach­kom­pe­tenz die wich­ti­gen Lini­en her­aus­ar­bei­ten: »Ober Ost« (Kur­land, Litau­en, Bia­ly­stok-Grod­no) als kolo­nia­les Pro­jekt, das Ziel der Zen­sur, das Wohl­wol­len der ansäs­si­gen Bevöl­ke­rung für die deut­schen Beset­zer zu erlangen.

Hin­sicht­lich Klem­pe­rers poli­ti­scher Hal­tung kommt Poe­the zu fol­gen­dem Ergeb­nis: »In den Erin­ne­run­gen Kl.s fin­det sich kein Hin­weis dar­auf, dass er über das Wesen der deut­schen Mili­tär­ver­wal­tung des gro­ßen, bis zur Beset­zung zum rus­si­schen Reich gehö­ren­den Ter­ri­to­ri­ums reflek­tiert habe, von kri­ti­scher Distanz sei­nes Mit­wir­kens als (…) klei­nes Räd­chen der Unter­drückungs- und Aus­beu­tungs­ma­schi­ne­rie ist nur gele­gent­lich etwas zu spü­ren« (S. 30 f.). Von daher erscheint Kl.s Ent­wick­lung bis zum Ein­tritt in die KPD im Jah­re 1945 umso bemerkenswerter.

Neben Kl.s Zen­s­ur­tä­tig­keit nimmt sein Pri­vat­le­ben in der Leip­zi­ger Zeit (Thea­ter, Wohn­ver­hält­nis­se) eine gro­ße Rol­le in Poe­thes Buch ein.

Fazit: Auch am Spe­zi­al­the­ma weni­ger Inter­es­sier­te wer­den aus die­sem Buch Gewinn ziehen.

Lothar Poe­the: Vic­tor Klem­pe­rer und Leip­zig (1916-1919), BoD 2021, 126 S., 8.99 .