Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vom Zins – und seiner Abschaffung

Ein Novum in der lan­gen Geschich­te des Zin­ses: Geschäfts­ban­ken lei­hen sich von den Zen­tral­ban­ken Geld, ohne dafür zu zah­len. Der Leit­zins der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) beträgt null Pro­zent, der der ame­ri­ka­ni­schen, der Federal Reser­ve, darf, so ihr Prä­si­dent Jero­me Powell, höch­stens bis 0,25 Pro­zent stei­gen. Der Zins­satz für Ein­la­gen der Ban­ken bei der EZB ist seit 2014 sogar nega­tiv, beträgt momen­tan minus 0,5 Pro­zent. Ver­kehr­te Welt: Die Gläu­bi­ger zah­len Zin­sen an die Schuld­ner. Man rech­net damit, dass deut­sche Ban­ken in die­sem Jahr für ihre Ein­la­gen 3 300 bis 4 650 Mil­lio­nen Euro Straf­zin­sen an die EZB zah­len müs­sen (www.tagesgeldvergleich.net). Eini­ge rei­chen die Nega­tiv­zin­sen an ihre Spa­rer wei­ter. Nach Anga­ben der Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Veri­vox berech­ne­ten im März 21 etwa 300 Ban­ken ihren Kun­den Nega­tiv­zin­sen (www.verivox.de). Die Gläu­bi­ger bekom­men weni­ger zurück, als sie geben. Wann jemals wur­den die Schuld­ner auf die­se Wei­se belohnt, die Geld­ge­ber und Spa­rer bestraft?

Jahr­tau­sen­de lang waren die Gläu­bi­ger klar die Stär­ke­ren: Die ersten Zeug­nis­se über Schul­den und Zin­sen sind rund 5 000 Jah­re alt und stam­men aus der frü­hen baby­lo­ni­schen Zeit. Miss­ern­ten, Natur­ka­ta­stro­phen oder Krie­ge trie­ben die Men­schen zu den Tem­pel­prie­stern oder rei­chen Kauf­leu­ten, um von ihnen Kre­di­te zu erbe­ten. Sie wur­den in Sil­ber und Natu­ra­li­en gewährt und führ­ten die Schuld­ner in eine dau­er­haf­te Abhän­gig­keit. Die Zins­sät­ze betru­gen bis zu 50 Pro­zent der Kre­dit­sum­me. Der Gläu­bi­ger leg­te den Ter­min für die Rück­zah­lung fest. Es gab kei­ne Til­gungs­plä­ne. Als Sicher­heit muss­ten die Schuld­ner dem Gläu­bi­ger ihre Arbeits­kraft ver­pfän­den. Wer zah­lungs­un­fä­hig wur­de, fiel in die Schuld­knecht­schaft. Die berühm­ten Geset­zes­ta­feln aus dem 18. Jahr­hun­dert v. u. Z. regel­ten erst­mals die Kre­dit­ver­ga­be über eine Schuld­ur­kun­de und die Rück­zah­lung der Schul­den. Ham­mu­r­a­pi, Baby­lo­ni­ens König von 1792 bis 1750 v. u. Z., begrenz­te die Zins­hö­he auf 20 bis 30 Pro­zent. Er woll­te noch grö­ße­ren Wucher ver­hin­dern. Die Schuld­knecht­schaft taste­te er nicht an – eben­so wenig wie sei­ne Nach­fol­ger. Im Römi­schen Reich regel­te das Zwölf­ta­fel­ge­setz (ca. 450 v. u. Z.) die Voll­streckung. Falls der ver­ur­teil­te Schuld­ner nicht zahl­te, konn­te ihn der Gläu­bi­ger bis zu 60 Tagen in Schuld­haft neh­men, muss­te ihn aber ernäh­ren. Der Schuld­ner konn­te sich nur durch Zah­lung befrei­en. Oder ein Bür­ge löste ihn aus. Andern­falls hat­te der Gläu­bi­ger das Recht, den Schuld­ner zu töten oder ihn als Skla­ve zu ver­kau­fen. Im Jah­re 43 v. u. Z. brach­ten aus­ufern­der Mili­tä­re­tat und Schul­den­last die römi­sche Repu­blik an den Rand des Unter­gangs. Octa­vi­us, der spä­te­re Kai­ser Augu­stus, ersann den Aus­weg: »Mori­turum esse!« »Es muss gestor­ben wer­den!« Die Köp­fe der Gläu­bi­ger roll­ten im gan­zen Reich, eine der­be Form des Gläu­bi­ger­ver­zichts. Es traf also nicht immer nur die Schuld­ner. Heu­te ist es üblich, dass Gläu­bi­ger auf Tei­le oder sämt­li­che ihrer For­de­run­gen ver­zich­ten müs­sen, gera­ten die Schuld­ner in die Insolvenz.

Theo­lo­gen und Kir­chen­für­sten des Mit­tel­al­ters wet­ter­ten wie vor ihnen der grie­chi­sche Phi­lo­soph Ari­sto­te­les gegen den Zins. Er sei gegen die Natur, weil Geld nicht aus Geld ent­ste­hen kön­ne. Sie ver­bo­ten, Zin­sen zu neh­men, und fan­den Wege, ihr eige­nes Zins­ver­bot zu umge­hen. Die kri­ti­sche Hal­tung zum Zins änder­te sich in dem Maße, wie sich Waren­pro­duk­ti­on und Geld­wirt­schaft ent­fal­te­ten und früh­ka­pi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­for­men keim­ten. Die Kir­che ris­kier­te, unglaub­wür­dig zu wer­den, wenn sie den Zins ver­ur­teil­te, von dem sie leb­te. Dog­ma­ti­schen Lehr­sät­zen und dem Feu­dal­ei­gen­tum ver­haf­tet, fällt ihr deren Preis­ga­be schwer. Den Stür­men der Ent­wick­lung hielt das kirch­li­che Theo­rien­ge­bäu­de nicht stand. Obgleich sie stur an ihren lächer­li­chen Dog­men fest­hält, ver­zeiht »die eng­li­sche Hoch­kir­che«, so Marx, »eher den Angriff auf 38 von 39 ihrer Glau­bens­ar­ti­kel als auf 1/​39 ihres Geldeinkommens.«

Von den Wucher- und Höchst­zin­sen der Anti­ke und des Mit­tel­al­ters zu den Null- und Nega­tiv­zin­sen des 21. Jahr­hun­derts ist ein wei­ter Weg. Es scheint, als hät­ten sich die Zins­kri­ti­ker durch­ge­setzt, die im Zins die Wur­zel allen Übels sehen und ihn abschaf­fen wol­len. Wie der Kauf­mann Sil­vio Gesell (1862-1930), der »Frei­geld« for­der­te. DDR-Öko­nom Fritz Beh­rens über ihn: »Es gibt auf jedem wis­sen­schaft­li­chen Gebiet Käu­ze, deren Komik« dar­in bestehe, dass ihre Wich­tig­tue­rei umge­kehrt pro­por­tio­nal zu ihrer Unkennt­nis wach­se: »die Kon­struk­teu­re des per­pe­tu­um mobi­le auf phy­si­ka­li­schem Gebiet, die Wei­ße-Käse-Dok­to­ren auf medi­zi­ni­schem Gebiet und die ›Frei-Geld-Leu­te‹ auf öko­no­mi­schem Gebiet.« Der Zins, so die Anhän­ger Gesells, unter­gra­be die Bereit­schaft zu inve­stie­ren, sei schäd­lich für die Pro­duk­ti­on und erhö­he die Arbeits­lo­sig­keit. Er unter­gra­be den sozia­len Frie­den und ver­schär­fe Kon­flik­te in der Gesell­schaft. Er ver­tie­fe die Kri­se des Staats­haus­halts wie die Schul­den­kri­se der drit­ten Welt und wei­te die Kluft zwi­schen armen und rei­chen Län­dern. Obgleich die Argu­men­ta­ti­on mehr als ein Körn­chen Wahr­heit ent­hält, ist sie falsch. Mit dem Weg­fall des Zin­ses ent­fie­le kei­nes­falls der Wachs­tums­druck mit all sei­nen Pro­ble­men bis hin zur Kli­ma­kri­se. Der Pro­fit blie­be in einer zins­lo­sen Wirt­schaft das Maß aller Din­ge, Wachs­tums­mo­tor Nr. 1 und der Ver­ur­sa­cher vie­ler Kri­sen und Kon­flik­te. Er, nicht der Zins, ist das Problem.

War­um wol­len man­che Öko­no­men den Zins abschaf­fen und das Auf­be­wah­ren des Gel­des mit Nega­tiv­zin­sen bestra­fen? Bekom­me man für Geld kei­ne Zin­sen, oder wer­de es durch Straf­zin­sen weni­ger, so sagen sie, wer­de es nie­mand mehr hor­ten, son­dern rasch wie­der aus­ge­ben. Somit blie­be es im Umlauf und kur­be­le die Wirt­schaft an. Schlau gedacht, aber stimmt die öko­no­mi­sche Logik? Und ent­schei­den die Zen­tral­ban­ken über Exi­stenz und Höhe des Zinses?

Die Zin­sen sind auf einem histo­ri­schen Tiefst­stand, nicht weil irgend­wel­che Zen­tral­bank­prä­si­den­ten die Idee dazu hat­ten, son­dern weil die Unter­neh­men Über­schüs­se pro­du­zie­ren und kein Geld brau­chen, um zu inve­stie­ren. Des­halb sen­ken die Ban­ken die Zin­sen und ver­la­gern ihre über­schüs­si­gen Geld­mit­tel zur Zen­tral­bank, die dar­auf­hin auch ihre Zin­sen senkt. Mehr Geld in der Kri­se wird nicht gebraucht. Kei­ner traut sich zu inve­stie­ren, solan­ge er auf Über­schüs­sen sitzt. Die Zen­tral­ban­ken trei­ben die Wirt­schaft nicht. Sie sind Getrie­be­ne. Zwar sieht es danach aus, als befolg­ten ihre Chefs seit Jah­ren die Tipps, mit denen es gelin­gen soll, die Wirt­schaft in Fahrt zu brin­gen. US-ame­ri­ka­ni­sche und euro­päi­sche Zen­tral­ban­ken kau­fen Mas­sen von Wert­pa­pie­ren und über­schäu­men die Ban­ken mit bil­lig­stem Geld. In Bil­lio­nen­hö­he! Gigan­ti­sche Anlei­he­käu­fe der EZB und der Fed, um den Staa­ten Geld zur Bekämp­fung der Coro­na- und Wirt­schafts­kri­se in die Hand zu geben. Die Effek­te sind gering: Die Unter­neh­men neh­men nicht mehr, son­dern weni­ger Kre­di­te auf, trotz histo­risch nied­ri­ger Zin­sen. Die Liqui­di­täts­schwem­me kommt nicht bei den Pro­du­zen­ten an. Sie flu­tet die spe­ku­la­ti­ven Finanz­märk­te und begün­stigt dort die berüch­tig­ten Blasen.

War­um ist das so? Die Nach­fra­ge der Unter­neh­men nach Kre­di­ten hängt nicht nur von den Zin­sen ab. Wich­ti­ger: Kann die kre­dit­fi­nan­zier­te Mehr­pro­duk­ti­on mit Gewinn ver­kauft wer­den? Die Aus­sich­ten dafür sind schlecht: Weit und breit wer­den Über­schüs­se pro­du­ziert, sind Märk­te gesät­tigt, ver­lang­samt sich das Wirt­schafts­wachs­tum und stei­gen die Erspar­nis­se. Da hilft auch nicht, dass die EZB die Geschäfts­ban­ken mit einem Nega­tiv­zins für das Hal­ten von Geld bestraft, um sie zu zwin­gen, Kre­di­te an die Unter­neh­men und Kon­su­men­ten zu ver­ge­ben. Wer leiht sich Geld, das er nicht braucht, nur weil gera­de die Zin­sen nied­rig sind? Und wer stößt sein Geld ab, wenn er für das Hal­ten mit Zin­sen bestraft wird, wenn er nicht weiß, wohin damit? Bar­geld lie­ße sich unterm Kopf­kis­sen ver­stecken oder im häus­li­chen Safe auf­be­wah­ren. Man­che Öko­no­men wol­len es des­halb abschaf­fen, damit sich die Leu­te nicht der schein­bar wirt­schaft­lich bele­ben­den Wir­kung der Nega­tiv­zin­sen ent­zie­hen kön­nen, indem sie es vom Kon­to abhe­ben. Den­noch: Mehr Geld, um zu inve­stie­ren, bedarf es nicht, solan­ge Märk­te gesät­tigt, Kapa­zi­tä­ten nicht aus­ge­la­stet und die Lager über­füllt sind. Um die Wirt­schaft zu bele­ben, bedarf es mehr als nied­ri­ger oder nega­ti­ver Zin­sen. Die Zei­ten sind nicht danach. Die Geld­po­li­tik, der mit­un­ter Heils­wir­kun­gen in Bezug auf die Beschäf­ti­gungs­po­li­tik nach­ge­sagt wer­den, kann ledig­lich die Ver­füg­bar­keit des Gel­des und die Bedin­gun­gen sei­ner Inan­spruch­nah­me beein­flus­sen. Damit die­se Poli­tik güter­wirt­schaft­li­che Effek­te und Effek­te auf den Arbeits­märk­ten aus­lö­sen kann, müss­te Geld in Ein­kom­men und Kre­di­te trans­for­miert wer­den. Auto­ma­tisch geschieht das nicht. Dazu feh­len die Vor­aus­set­zun­gen, müss­ten zusätz­li­che Kon­sum- und Inve­sti­ti­ons­gü­ter und Arbeits­kräf­te nach­ge­fragt wer­den. Und dar­auf haben die Ban­ken kei­nen, allen­falls einen mit­tel­ba­ren Ein­fluss. Das vie­le Geld, das die Zen­tral­ban­ken in die Zir­ku­la­ti­on drücken, finan­ziert die Staats­ver­schul­dung, kommt aber in den pro­duk­ti­ven Sek­to­ren gar nicht im not­wen­di­gen Umfang an. Und das ist gut so: In einer Welt, die vor dem Kli­ma­kol­laps steht, braucht es kei­ne Erhö­hung des Wirt­schafts­wachs­tums zur Meh­rung sinn­lo­ser Überschüsse.