Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von der Weltbühne nach Workuta

Ein Vor­trag vor gro­ßem Publi­kum? Nein, ein Thea­ter­stück, das wie im Audi­to­ri­um beginnt. Im Ham­bur­ger Schau­spiel­haus die Thea­ter­fas­sung von Chri­stoph Heins Roman »Trutz«. Die Büh­ne: zwei hohe Bret­ter­wän­de, auf die manch­mal Doku­men­te ein­ge­spielt wer­den. Alles karg, ein Klei­der­stän­der, Stüh­le. Der Regis­seur Dušan David Paří­zek lässt das Stück ähn­lich begin­nen wie den Roman. Eine stell­ver­tre­ten­de Direk­to­rin des Bun­des­ar­chivs spricht über deutsch-rus­si­sche Ver­hält­nis­se im vori­gen Jahr­hun­dert. Titel: »Feind­li­che Freun­de«. Die Aus­füh­run­gen wer­den bald unter­bro­chen von erreg­tem Pro­test aus dem Zuschau­er­raum. Der Über­fall auf die Sowjet­uni­on sei nicht als defen­si­ver Akt Hit­lers anzu­se­hen – wie hier behaup­tet –, nur um einer Offen­si­ve Sta­lins zuvor­zu­kom­men. Der Pro­te­stie­rer klet­tert müh­sam auf die Büh­ne. Inzwi­schen hat sich der Vor­tra­gen­de in eine Frau im Kostüm ver­wan­delt. Das hier sei ein Stan­dard­werk der Geschich­te, dar­auf pocht die Refe­ren­tin. Der Stö­rer kennt sich aus, weist auf Sei­te 432 hin, nennt wei­te­re Ein­zel­hei­ten, die er im Kopf hat. Noch ein­mal Pro­test hin­ten im Par­kett. Auch die­ser Rufer fin­det sich oben ein. Eine Mit­ar­bei­te­rin mit Doku­men­ten kommt dazu. Schon haben wir die vier Akteu­re: Sarah Fran­ke, Hen­ning Hart­mann, Mar­kus John, Ernst Stötz­ner, die alle Per­so­nen des Stücks dar­stel­len, auch mal eine, auf­ge­teilt in drei. Ver­wir­rend. Wer den Roman nicht gele­sen hat, dem geht vie­les ver­lo­ren. Ein Buch, das ein gan­zes Jahr­hun­dert umspannt, die Anfän­ge der Nazi­dik­ta­tur hier­zu­lan­de, der Sta­li­nis­mus in der Sowjet­uni­on und schließ­lich die DDR und das, was nach ihrer Been­di­gung her­ein­brach. Ein Stück zum Hören, was manch­mal kaum in den vor­de­ren Rei­hen gelingt.

Slap­stick-Sze­nen zum Auf­lockern der Grau­sam­kei­ten, die nur ange­deu­tet wer­den. Eine Geburt ist das komi­sche High­light: Wie der grau­haa­ri­ge Stötz­ner unter den Bei­nen der Mut­ter durch­rutscht, er fast nackt, sie hat immer noch ihren Bauch. Alle tra­gen Pelz­müt­zen (in Mos­kau), wohl unver­zicht­bar. Und wenn sie aus­ge­rü­stet wer­den für das, was sie in der Sowjet­uni­on erwar­tet, bekom­men alle als Geschenk rosa Brillen.

Im Mit­tel­punkt zwei Fami­li­en: eine deut­sche in Ber­lin, die nach Mos­kau emi­griert – ihr Sohn Maykl wird erst dort gebo­ren. Und eine rus­si­sche, deren gleich­alt­ri­ger Sohn Rem genannt wird nach: Revo­lu­ti­on, Einig­keit, Mar­xis­mus. Des­sen Vater ist Wal­de­mar Gejm, Pro­fes­sor für Mne­mo­nik, der Wis­sen­schaft des Erin­nerns. Er grün­det eine Grup­pe, die sich die­ser Leh­re wid­met. Vor allem unter­rich­tet er die bei­den Jun­gen darin.

Rai­ner Trutz, in einem nord­deut­schen Dorf gebo­ren, kam nach Ber­lin, um dort Schrift­stel­ler zu wer­den – tat­säch­lich erschei­nen zwei Roma­ne, einer eher fri­vol, der ande­re beschreibt das Kli­ma in einer Klein­stadt, das zum Nähr­bo­den für die Nazis wird. Eine loben­de Kri­tik in der Weltbühne macht ihn glück­lich. Was im Stahl­helm steht, nimmt er nicht wahr. Rai­ner wur­de vor einer Pis­ca­tor-Auf­füh­rung nie­der­ge­schla­gen, sein Zim­mer ver­wü­stet, die Manu­skrip­te zer­ris­sen. Sei­ne Frau Gud­run nennt ihn naiv. Er schreibt für den Ber­li­ner Lokal Anzei­ger. Sein Traum ist die Weltbühne. Und so bedeu­tet es für ihn eine Ehre, als er den Auf­trag bekommt, ein Buch zu bespre­chen über die Rei­se von zwölf bekann­ten deut­schen Autoren durch die Sowjet­uni­on. Aller­dings – ihn irri­tie­ren die Lobes­hym­nen. Er zieht sich aus der Affä­re, indem er sei­ner Rezen­si­on einen leicht iro­ni­schen Ton gibt und Fra­gen an die Autoren stellt. Im Hin­ter­grund an der Wand der Arti­kel – wie es scheint – im Fak­si­mi­le. Aber es ist, im Gegen­satz zu den ande­ren Ein­blen­dun­gen, ein Fake. Wich­tig? Nein. Aber spä­ter wird die­ser kur­ze Text Rai­ner Trutz nach Worku­ta bringen.

Trutz wur­de in Mos­kau beim U-Bahn-Bau ein­ge­setzt – denn, als »pro­gres­si­ver deut­scher Schrift­stel­ler ohne Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit« kann er in dem von Emi­gran­ten-Jour­na­li­sten nur so wim­meln­den Mos­kau nichts ande­res erwar­ten als die­se extrem schwe­re Arbeit. Als Deutsch­land die Sowjet­uni­on über­fällt, ändert sich alles. Nun sind die Emi­gran­ten Feinde.

Der rote Stuhl, der den gan­zen Abend lang wie ein Mene­te­kel an der Wand hängt, wird zur Richt­statt, auf der Rai­ner Trutz sitzt, liegt, schwankt – wie aus der Welt gefal­len, ohne Boden unter den Füßen. Sei­ne Mas­ke signa­li­siert: Er ist kein Mensch mehr. Von ganz oben das Urteil zur Zwangs­ar­beit. Grund: der Arti­kel in der Weltbühne, in dem er »für die bour­geoi­se Leser­schaft die­ser deut­schen Hetz­zeit­schrift in höh­ni­scher und bös­ar­tig­ster Wei­se die Auf­bau­er­fol­ge der Sowjet­uni­on zu einer Kari­ka­tur ver­zerrt« habe. Und Sta­lin dif­fa­miert. Trutz ver­schwin­det, auch sein Name, ohne Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Sei­ne Frau Gud­run erlei­det spä­ter ein ähn­li­ches Schick­sal. Der Sohn Maykl kommt in Mos­kau in ein Wai­sen­haus. Dann stu­diert er in Leip­zig. Nicht Geschich­te: Er hat zwar ein glän­zen­des Gedächt­nis, wird ihm bestä­tigt – aber in die FDJ will er nicht. So lan­det er im Archiv in Potsdam.

Bei sei­ner Arbeit ent­deckt er Akten, die bele­gen, dass ein Ernst Groß­mann, Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der Par­tei und des Erfur­ter Bezirks­ra­tes, frü­her NSDAP-Mit­glied war und der SS ange­hör­te. Der Fund ist ver­häng­nis­voll, denn aus­ge­rech­net zu die­ser Zeit ist in West­ber­lin eine Bro­schü­re erschie­nen: »Ehe­ma­li­ge Natio­nal­so­zia­li­sten in Pan­kows Dien­sten«. Auch Groß­mann kommt vor. Die Bro­schü­re stammt vom »Unter­su­chungs­aus­schuss frei­heit­li­cher Juri­sten«. Kein Wun­der, dass Trutz der Wei­ter­ga­be von Doku­men­ten beschul­digt wird, ein schwe­res Dienst­ver­ge­hen. Nur er kann­te die­se Akten. Etwas ret­tet ihn: sein Gedächt­nis. Er kann bewei­sen, dass es ver­schie­de­ne Unter­schrif­ten gibt, ein­mal haben drei, im ande­ren Doku­ment zwei Per­so­nen unter­schrie­ben. Das hat er alles im Kopf – zum gro­ßen Erstau­nen der säch­seln­den Dame, die ihn befragt. Aber er muss aus Pots­dam ver­schwin­den nach Wei­mar, in ein weni­ger »zeit­na­hes« Archiv, zu Goe­the und Schil­ler. Auch dort kann er nicht blei­ben. Er lan­det schließ­lich im unbe­deu­ten­den Wit­ten­ber­ge. Sein Gedächt­nis hilft ihm nicht. »Heut­zu­ta­ge ist Amne­sie bei Archi­va­ren ange­sagt«, heißt es einmal.

Am Schluss erklingt der alte Ope­ret­ten-Schla­ger, der immer mal wie­der zu hören war: »Glück­lich ist, wer ver­gisst, was doch nicht zu ändern ist.« Jetzt singt es die Ehe­frau San­dra, die sich von Maykl trennt, denn: »Ein nie­mals ver­ges­sen­des Gedächt­nis, das macht Angst.« Maykl und Rem sit­zen neben­ein­an­der, trin­ken Wod­ka, ohne Hoff­nung: »Alle tot …« Im Roman lebt auch Rem nicht mehr, er wur­de ermor­det. Im Stück taucht ein Alp­horn­blä­ser mit bestick­tem Hemd auf. Schwei­zer Folk­lo­re? Oder eine War­nung vor den neu­en Rech­ten, den Iden­ti­tä­ren? Kurz vor­her war vom »Vogel­schiss« die Rede. Sonst kein Hin­weis auf heu­te, auf das, was sich anbahnt.