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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vorkriegsweihnacht

Genos­sen haben wir die­ses Weih­nachts­fest. Die Kin­der haben wie im Rausch ihre Geschen­ke aus­ge­packt. Die knusp­rig gebra­te­ne Ente mit den selbst­ge­mach­ten Sem­mel­knö­deln war noch köst­li­cher als das Raclette am Vor­tag. Der Alt­glas­con­tai­ner in unse­rem klei­nen Dorf quoll die Tage nach dem Fest über von grü­nen und brau­nen Fla­schen, in denen noch bis weni­ge Tage vor dem Fest guter Rot­wein auf das Ent­kor­ken gewar­tet hatte.

Vie­le Weih­nach­ten habe ich schon erlebt. Die in mei­ner Jugend waren geprägt vom erleich­tert aus­ge­spro­che­nen Wort von der »Nach­kriegs­weih­nacht«, die fast wie­der so schön sei wie die Weih­nachts­fe­ste »vor dem Krieg«. Sie mach­te die Tage ver­ges­sen, in denen sich die Freu­de über den war­men Ker­zen­schein gemischt hat­te mit der ban­gen Furcht um »die an der Front« – ob sie das Paket, das in den Advents­ta­gen auf die Rei­se nach Osten geschickt wor­den war, denn auch erhal­ten hät­ten, vor allem aber, ob sie noch lebten.

Inzwi­schen gehen wie­der Pake­te nach Osten – nach Afgha­ni­stan und an die sich lang­sam an die rus­si­schen Gren­zen vor­schie­ben­den NATO-Gar­ni­so­nen öst­lich von Polen. Die fast wider­stands­los beschlos­se­nen dra­ma­ti­schen Erhö­hun­gen der Rüstungs­aus­ga­ben wer­den sich, wenn ihr Tem­po bei­be­hal­ten wird, noch zu unse­ren Leb­zei­ten in einem drit­ten gro­ßen Krieg entladen.

Von Kriegs- oder auch Nach­kriegs­weih­nach­ten redet heu­te nie­mand mehr – die Erin­ne­rung an die ban­gen Näch­te der ersten Hälf­te der vier­zi­ger Jah­re beginnt spür­bar zu ver­blas­sen in die­sem Volk. Von Zwi­schen­kriegs­weih­nach­ten war nie die Rede – zu sta­bil schien vor allem dank der beson­ne­nen Stär­ke des War­schau­er Pak­tes der Frie­de in den gol­de­nen Jahr­zehn­ten des Kapitalismus.

Ande­ren mag es anders gehen: Ich beken­ne, dass sich zwi­schen Ente und Rot­wein und mit ban­gem Blick auf mei­ne vie­len Kin­der das Wort von der Vor­kriegs­weih­nacht, die wir genie­ßen durf­ten, immer lästi­ger in mei­nem Kopf ein­ge­ni­stet hat.