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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmann – 95

Über vier­zig Bücher hat er geschrie­ben. Sie hei­ßen unter ande­rem »Voices in the Storm« (1953, auf Deutsch »Stim­men im Sturm« 1977), »Wohin der Mensch gehört« (1957), »Am Kai der Hoff­nung« (1974), »Wir lachen, weil wir wei­nen« (1977), »Die Zeit berüh­ren« (1992), »Mei­ne Sehn­sucht ist noch unter­wegs. Ein Leben auf Rei­sen« (2016), »Die mei­ne Wege kreuz­ten. Begeg­nun­gen aus neun Jahr­zehn­ten« (2018). Schon die Titel wei­sen auf Kampf­geist, Enga­ge­ment, Ver­bun­den­heit mit der Zeit und Auf­merk­sam­keit für ande­re hin. Das hat ihn immer bewegt und beschäf­tigt, als Rei­sen­der, Beob­ach­ter und Schrift­stel­ler. Es war – wir Leser wis­sen es aus sei­nen Büchern – ein lan­ger und schwe­rer Weg, den der jüdi­sche Jun­ge über Eng­land und Austra­li­en gegan­gen ist, bis er 1957 einen »Hafen« in der DDR fand. Da waren bri­ti­sches Inter­nie­rungs­la­ger, Arbeit auf Schif­fen und in Häfen und Foto­gra­fie­ren sei­ne Uni­ver­si­tä­ten gewe­sen. Kon­tak­te zur Gewerk­schaft und zur Frie­dens­be­we­gung erga­ben sich. Sein Sinn für Gerech­tig­keit und sei­ne Neu­gier lei­te­ten ihn, und er woll­te sich mit­tei­len. Das vor allem präg­te auch sei­ne Bücher, die er dann für DDR-Leser als Aus­lands­re­por­ter über gesell­schaft­li­che Brenn­punk­te in der Welt schrieb: Ein biss­chen poli­ti­scher Bericht­erstat­ter, ein biss­chen Kum­pel der ein­fa­chen Leu­te und auch ein klein wenig Aben­teu­rer in einer Welt, die die DDR-Leser nicht kannten.

Wal­ter Kauf­mann hader­te nicht mit sei­nem Jugend­schick­sal, das ihm höhe­re Bil­dung ver­sperr­te und die Eltern in Ausch­witz umkom­men ließ. »Das Leben war gut zu mir. Ich füh­le mich nicht als Opfer«, ist sei­ne trot­zi­ge Hal­tung. Aber umso dring­li­cher sein Appell, nichts zu ver­ges­sen. Des­halb beschrieb er sein Leben auf ver­schie­de­ne Wei­se in meh­re­ren sei­ner Bücher. Nie sieht er sich dabei iso­liert oder allein­ge­las­sen. Über­all fand er Unter­stüt­zer, Freun­de, Gefähr­ten. Die­se Hal­tung vor allem ist es, die sei­ne Bücher aus­zeich­net. So fand er sei­nen Stil, über sich zu schrei­ben, indem er Begeg­nun­gen mit ande­ren schil­dert. Immer neue Bekannt­schaf­ten fal­len ihm dabei ein, immer bringt er in sei­nen Short Sto­rys das zu Sagen­de auf den Punkt, immer ist Welt und Zeit in den Kurz­por­träts ent­hal­ten, wobei die Wider­sprüch­lich­keit mensch­li­cher Exi­stenz durch­aus ihren Platz hat. Er liebt und akzep­tiert das Leben, hat aber nie die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, es lie­ße sich etwas ändern.

Dies auf­zu­schrei­ben, erüb­rigt sich fast in die­ser Zeit­schrift, in der Wal­ter Kauf­mann in zahl­rei­chen Hef­ten über sein Lese­er­leb­nis berich­tet und dabei auch eini­ges über sich ver­rät. Nie schrieb er dabei einen Ver­riss, denn er weiß, wie viel Herz­blut ein Autor in sein Werk gibt, und er fühlt mit dem Kol­le­gen, mit dem er sich am lieb­sten über Gelun­ge­nes freut. Er liest, was ihn inter­es­siert, und sein Inter­es­se ist breit. Oft sind es jüdi­sche Schick­sa­le aus aller Welt, aber auch auf die neu­en Arbei­ten sei­ner Kol­le­gen aus der DDR ist er neu­gie­rig. Sei­nem Urteil kann man trau­en, es ist so hand­fest und klug wie sei­ne Bücher.

Am 19. Janu­ar wird Wal­ter Kauf­mann 95. Er soll noch lan­ge schreiben!