Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Mit dem Buch »Kon­rad Wolf: Chro­nist im Jahr­hun­dert der Extre­me« geht Die Ande­re Biblio­thek weit über eine Bio­gra­phie hin­aus. Ant­je Voll­mer und Hans-Eckardt Wen­zel, bei­de mit unter­schied­lich­sten Lebens­er­fah­run­gen – sie evan­ge­li­sche Pasto­rin und lan­ge Jah­re Vize­prä­si­den­tin des deut­schen Bun­des­ta­ges, er Musi­ker, Sän­ger, Schrift­stel­ler und Regis­seur – haben die drei­ßi­ger Jah­re bis zur Gegen­wart beleuch­tet: die Hit­ler-Zeit und die Zeit des Sta­lin, die des Krie­ges und die Nach­kriegs­zeit und die des gespal­te­nen Deutsch­land. Erst mit der Rück­kehr der Söh­ne Fried­rich Wolfs aus der Sowjet­uni­on in das Deutsch­land des sozia­li­sti­schen Umbruchs, öff­net sich der Text zum Schaf­fen von Kon­rad Wolf, zu sei­nen bedeu­ten­den Spiel­fil­men von »Ster­ne« bis »Ich war neun­zehn«, von »Pro­fes­sor Mam­lock« bis »Goya« und »Solo Sun­ny«. Zuvor ging es vor­ran­gig um Kon­rad Wolfs Vater, um Fried­rich Wolf, den Kom­mu­ni­sten, den Stücke­schrei­ber, den Arzt, den Mann, den die Frau­en lieb­ten. Eine unter ihnen, mit der er eng­stens ver­bun­den war und die ihm eine Toch­ter gebar, wur­de (die Umstän­de wer­den auf­ge­zeigt) in ein Straf­la­ger ver­bannt. Es spricht sehr für Wolfs Ehe­frau, dass sie das Kind lie­be­voll und ohne Zögern in die Fami­lie auf­nahm, wo es wie ein eige­nes auf­wuchs. Viel war bis dahin über das Ehe­paar Wolf zu erfah­ren gewe­sen, wie die bei­den vor den Scher­gen der Nazis in die Sowjet­uni­on flüch­te­ten, Fried­rich Wolf in Mos­kau als Dra­ma­ti­ker gefei­ert und ver­ehrt und er dar­auf­hin in die USA ein­ge­la­den wur­de. Wo er hät­te blei­ben kön­nen. Und nicht blieb. Er kehr­te zurück ins rote Russ­land, das er als Land der Werk­tä­ti­gen emp­fand, als Land sei­ner Hoff­nung und zwei­te Hei­mat. Dass es ihn spä­ter zu den Inter­bri­ga­den im Spa­ni­en­krieg dräng­te, ent­sprang nicht allein sei­nen poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen, son­dern auch den Zwän­gen, derer er sich zuneh­mend bewusst gewor­den war, jenen aller­orts spür­ba­ren Repres­sio­nen – wohin, frag­te er sich, waren so vie­le sei­ner deut­schen Genos­sen ver­schwun­den, die wie er in die Sowjet­uni­on geflo­hen waren? Da mute­te ihn ein Ein­satz im Spa­ni­en­krieg wie eine Art Befrei­ung an. Und dass er bei Ende des Krie­ges an Sta­lin die dring­li­che Bit­te rich­te­te, mit der ersten Grup­pe deut­scher Kom­mu­ni­sten in die Hei­mat zurück­ge­schickt zu wer­den, war fol­ge­rich­tig. Das Schrei­ben an Sta­lin, im Buch wört­lich zitiert, erweist sich als ein Zeug­nis von Ent­schlos­sen­heit und Mut – auch lässt es ent­täusch­te Hoff­nun­gen ahnen und ver­gan­ge­ne Illu­sio­nen. Ant­je Voll­mers und Hans-Eckardt Wen­zels Kon­rad-Wolf-Buch, in Wahr­heit ein Buch über das Leben der Fami­lie Wolf, ihrer Freun­de und Genos­sen und deren Kämp­fe und Kon­flik­te, Sehn­süch­te und Nie­der­la­gen, ent­fal­tet sich zu einem Zeit­zeug­nis von blei­ben­dem Wert und stellt ein sehr beson­de­res Lese­er­leb­nis dar.

Ant­je Voll­mer/Hans-Eckardt Wen­zel: »Kon­rad Wolf: Chro­nist im Jahr­hun­dert der Extre­me«, Die Ande­re Biblio­thek, 468 Sei­ten, 42 €