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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Was geboten ist

Im 5. Kapi­tel von Fon­ta­nes letz­tem Roman »Der Stech­lin« plau­dern Dubs­lav, Rex und Cza­ko, also ein Major a. D. und zwei ein­jäh­rig frei­wil­li­ge jun­ge Offi­zie­re, bei­läu­fig über das Mär­ty­rer­tum. Der gesin­nungs­lo­se Kar­rie­rist Rex hält Mär­ty­rer für blo­ße Renom­mi­sten. Cza­ko wen­det ein:

»Da hab’ ich doch noch die­se letz­ten Tage von einem armen rus­si­schen Leh­rer gele­sen, der unter die Sol­da­ten gesteckt wur­de (sie haben da jetzt auch so was wie all­ge­mei­ne Dienst­pflicht), und die­ser Mensch, der Leh­rer, hat sich gewei­gert, eine Flin­te los­zu­schie­ßen, weil das bloß Vor­schu­le sei zu Mord und Tot­schlag, also ganz und gar gegen das fünf­te Gebot. Und die­ser Mensch ist sehr gequält wor­den, und zuletzt ist er gestor­ben. Wol­len Sie das auch Renom­mi­ste­rei nennen?«

Rex erwi­dert: »Gewiss will ich das.« Dubs­lav weist ihn zurecht: » (…) soll­ten Sie dabei nicht zu weit gehen? Wenn sich’s ums Ster­ben han­delt, da hört das Renom­mie­ren auf.« Er habe auch davon gehört, sehe die Sache aber anders. Das lie­ge nicht an der »all­ge­mein gewor­de­nen Renom­mi­ste­rei«, son­dern am »Leh­rer­tum«: »Alle Leh­rer sind näm­lich ver­rückt.« Und mit die­ser Vol­te wen­det sich die Kon­ver­sa­ti­on rasch von dem ver­fäng­li­chen The­ma ab und dem kurio­sen Leh­rer Krip­pen­sta­pel zu, einem Ori­gi­nal, über das es aller­hand zu erzäh­len gibt.

Der rus­si­sche Leh­rer, des­sen Schick­sal hier erwähnt wird, hieß Evdokim Niki­tič Drožžin. Er wur­de am 30. Juli 1866 in einem Dorf im Regie­rungs­be­zirk Kursk als Sohn eines Bau­ern gebo­ren. Die Bekannt­schaft mit den reli­gi­ös-ethi­schen Schrif­ten Tol­stois führ­te 1889 zu einer Wen­de in sei­nem Leben. Als er 1891 zum Mili­tär­dienst ein­be­ru­fen wur­de, ver­wei­ger­te er unter Beru­fung auf das fünf­te Gebot den Eid und den Waf­fen­dienst und ließ sich durch nichts davon abbrin­gen. Er wur­de inhaf­tiert und starb 1894 erschöpft nach einer qual­vol­len Odys­see durch Straf­ba­tail­lo­ne und Gefäng­nis­se in einem Laza­rett an einer Lungenentzündung.

Evge­nij Iva­no­vič Popov ver­fass­te auf­grund von Brie­fen und Doku­men­ten die Bio­gra­fie die­ses Leh­rers. Das Manu­skript konn­te im zari­sti­schen Russ­land nicht publi­ziert wer­den. Es wur­de beschlag­nahmt, anhand der noch vor­han­de­nen Quel­len erneut geschrie­ben und erschien mit einem Vor­wort von Tol­stoi in Ber­lin im Ver­lag von Fried­rich Gotthei­ner, gleich­zei­tig mit einer deut­schen Über­set­zung. Tol­stoi gei­ßel­te in sei­nem Vor­wort die Ver­lo­gen­heit des moder­nen Chri­sten­tums und erklär­te, Sol­da­ten sei­en Tot­schlä­ger und Mör­der, Arme­en haben kei­nen ande­ren Zweck als das Töten, und jeder Mensch dür­fe sich gegen eine Obrig­keit auf­leh­nen, die von ihm ver­langt, das Töten zu ler­nen, denn das sei unver­ein­bar mit den Gebo­ten des Christentums.

Fried­rich Spiel­ha­gen griff Tol­stoi dar­auf­hin in einem offe­nen Brief an und warf ihm vor, Drožžin sei durch sei­ne, Tol­stois, Irr­leh­ren ver­führt wor­den. Der Mili­ta­ris­mus kön­ne nicht durch Ver­wei­ge­rung des Kriegs­dien­stes bekämpft wer­den. Paul v. Gizycki berich­te­te am 23. Febru­ar 1896 aus­führ­lich in der Vos­si­schen Zei­tung über die­se Kon­tro­ver­se, und gera­de die­sen Arti­kel hat Fon­ta­ne gele­sen, als er sei­nen Roman schrieb. Er nennt weder den Namen Drožžins noch den sei­nes Bio­gra­fen. Auch Tol­stoi wird hier nicht erwähnt, genau­so wenig wie Spiel­ha­gen. Den­noch: Die Sze­ne ist ein­deu­tig: Der Pazi­fis­mus ist da! Aber das The­ma, für das es damals noch kei­nen popu­lä­ren Begriff gab, ist so vor­sich­tig ange­spro­chen, dass die For­schung den Zusam­men­hang bis heu­te nicht her­ge­stellt hat.

Eine Zeit­ge­nos­sin Fon­ta­nes war es, die das The­ma nicht vor­sich­tig und ängst­lich, son­dern klar und deut­lich für alle Welt beim Namen genannt hat. Ihr Roman, 1889 ver­öf­fent­licht, trägt den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv der Frie­dens­po­li­tik im Titel: »Die Waf­fen nie­der!« Die­sel­ben Krie­ge, die Fon­ta­ne in drei dicken mili­tär­hi­sto­ri­schen Abhand­lun­gen beschrie­ben hat, nimmt Ber­tha von Sutt­ner zum Anlass, ein Buch über Krieg und Frie­den zu schrei­ben, das Mil­lio­nen Leser auf der Welt erreicht hat und das bis heu­te zu den wich­tig­sten Wer­ken des Pazi­fis­mus gehört.

Es ist an der Zeit, end­lich die Kon­se­quen­zen zu zie­hen aus einer ver­häng­nis­vol­len Kriegs­po­li­tik. Nicht durch wei­te­re Mil­li­ar­den für die Rüstung lässt sich der Frie­den sichern. Das garan­tiert nur eine laten­te Kriegs­ge­fahr. Wer schwe­re Waf­fen in ein Kriegs­ge­biet lie­fert, ver­län­gert einen sinn­lo­sen, opfer­rei­chen Krieg. Das Land wird zer­stört, die jun­gen Män­ner wer­den ver­heizt, Frau­en, Kin­der und Alte sind auf der Flucht. Es gibt kei­ne Alter­na­ti­ve zu einer welt­wei­ten Friedenspolitik.

 Der Autor stammt aus Meck­len­burg, stu­dier­te in Sofia und Pots­dam, arbei­tet als Archi­var im Theo­dor-Fon­ta­ne-Archiv und publi­ziert dane­ben lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Beiträge.