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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Weihnachten mit dem Herrn Baron

Immer wenn ich im Dezem­ber an den Ver­kaufs­stän­den für Weih­nachts­bäu­me vor­bei­kom­me, muss ich an den Herrn Baron den­ken. Es war schon eini­ge Jah­re nach dem Krieg, und ich war damals ein Jun­ge von etwa zehn Jah­ren, als ich ihm das erste Mal begeg­ne­te. Er saß auf dem Kutsch­bock eines Lei­ter­wa­gens, der von einem grau­me­lier­ten, nicht sehr gro­ßen Pferd gezo­gen wur­de. »Das ist der Herr Baron mit sei­nem Pan­jepferd«, sag­te mein Vater. »Er stammt aus Litau­en und lebt drü­ben am Wald­rand in einem ehe­ma­li­gen Flakunterstand.«

Was ein Flak­un­ter­stand war, wuss­te ich. Mit einer Flak genann­ten Flug­ab­wehr­ka­no­ne wur­de im Krieg auf feind­li­che Flug­zeu­ge geschos­sen. Aber was war ein Panjepferd?

»Ein tüch­ti­ges, beson­ders genüg­sa­mes Pferd«, mein­te mein Vater. »Die­se Ras­se gibt es im Bal­ti­kum und in Russland.«

Der Herr Baron brach­te Kar­tof­feln in die Stadt, die er bei den Bau­ern gekauft hat­te und mit einem klei­nen Gewinn auf dem Wochen­markt ver­kauf­te. Er saß sehr auf­recht auf dem Wagen, ein hage­rer Mann mitt­le­ren Alters, der einen alten Mili­tär­man­tel trug und eine Pelz­müt­ze aus Schafs­fell mit Ohren­klap­pen. Irgend­wie erschien er mir wie eine Märchengestalt.

»Ein har­tes Schick­sal«, sag­te mein Vater. »Er hat in einem Schloss gewohnt und durch den Krieg alles ver­lo­ren. Sei­ne Frau hat sich von ihm getrennt, wie man hört, und jetzt vege­tiert er so vor sich hin.«

Der Mann tat mir leid. In der Fol­ge­zeit hör­te ich, dass er Astro­no­mie stu­diert habe und etwas welt­fremd sei. Wir wohn­ten damals in einem Baracken­la­ger am Ran­de der Stadt, und ich streif­te oft durch die Feld­mark, die sich bis zum Wald erstreck­te. Dort hat­te es Bun­ker gege­ben, in denen Muni­ti­on gela­gert wor­den war, und in unmit­tel­ba­rer Nähe befand sich die Behau­sung des Barons, die ich mir eines Tages ansah. Auf einem noch vor­han­de­nen Eisen­ge­stellt, hat­te die Kano­ne gestan­den, dane­ben befand sich der ehe­ma­li­ge Unter­stand für die Sol­da­ten, eine schon etwas abgän­gi­ge Baracke.

Ich war damals recht unbe­fan­gen, und eines Tages lern­te ich den Herrn Baron ken­nen. Er hat­te auf die Flakla­fet­te, die sich dre­hen ließ und auf der sich ein Sitz befand, ein Rohr mon­tiert, das sich als Fern­glas her­aus­stell­te. Damit konn­te man die zig­tau­sen­den Kilo­me­ter ent­fern­ten Ster­ne beob­ach­ten oder den Mond mit sei­nen Zerklüftungen.

Manch­mal schlich ich mich nachts von zu Hau­se fort, und der Baron zeig­te mir die Milch­stra­ße und die ein­zel­nen Stern­bil­der. So erfuhr ich, wo der Gro­ße Wagen stand, die Venus, der Pega­sus oder die Kas­sio­peia. Zu allen gab es Geschich­ten, die mich noch jah­re­lang beglei­te­ten. Ich durf­te in die Unend­lich­keit des Kos­mos schau­en, das war wie ein Rausch.

Wir freun­de­ten uns an. Wenn wir vor der Baracke am Feu­er saßen, Tee tran­ken oder uns Spie­gel­eier brie­ten, erzähl­te der Herr Baron vom Krieg und von sei­ner Hei­mat in Litau­en. Er hat­te in der Gegend von Wil­na ein gro­ßes Gut beses­sen, war dann im Krieg gewe­sen und im Früh­jahr 1945 vor der Roten Armee nach Westen geflo­hen. Zusam­men mit sei­nem Pferd hat­te er bei Nacht die Elbe durch­schwom­men und sich wei­ter nach Westen durch­ge­schla­gen. Jetzt leb­te er von der Ver­trie­be­nen­hil­fe und Gele­gen­heits­ge­schäf­ten, die aller­dings nicht viel einbrachten.

Als der Win­ter kam, und es schon im Novem­ber sehr kalt wur­de, sah ich den Baron nur noch sel­ten. Da merk­te ich eines Tages, dass es ihm nicht gut ging. Er war abge­ma­gert und hat­te offen­sicht­lich Mühe, aus­rei­chend Nah­rung für sich, sein Pferd und eini­ge Hüh­ner und Kat­zen, die bei ihm ihr Dasein fri­ste­ten, zu beschaf­fen. Ich sprach mit mei­nen Eltern dar­über, doch sie wuss­ten kei­nen Rat, zumal es uns nicht viel bes­ser ging. Mein Vater war arbeits­los, und auch wir leb­ten von der Vertriebenenhilfe.

Was war zu tun? Bet­teln gehen moch­te ich nicht. Es wäre wohl auch ver­ge­bens gewe­sen, denn für die Ein­hei­mi­schen waren wir als Hei­mat­ver­trie­be­ne Stö­ren­frie­de, man­che bezeich­ne­ten uns sogar als Polacken oder Ruck­sack­ge­s­in­del. Ich könn­te dem Baron und mei­nen Eltern dabei hel­fen, Holz aus dem Wald zu holen, über­leg­te ich. Aber dafür brauch­te man einen Holz­sam­mel­schein. Also schlug ich dem Baron vor, mit mir zum För­ster zu gehen, den er kannte.

Das war ein guter Ein­fall gewe­sen. Wir beka­men den Schein und sahen bei die­ser Gele­gen­heit, dass bereits Weih­nachts­bäu­me geschla­gen wur­den, die sich im Hof der För­ste­rei sta­pel­ten. Man konn­te sie für wenig Geld direkt beim För­ster kau­fen. Aber der Baron hat­te kein Geld. Nun gab es in die­ser schwe­ren Nach­kriegs­zeit doch noch güti­ge Men­schen, die ande­ren hal­fen, der Baron bekam Kredit.

Mit einem Wagen vol­ler Tan­nen­bäu­me fuh­ren wir am näch­sten Tag in die Stadt und bau­ten auf dem Markt­platz unse­ren Ver­kaufs­stand auf. Ich konn­te mir an den fol­gen­den Tagen nach der Schu­le noch etwas Geld hin­zu­ver­die­nen, indem ich älte­ren Leu­ten half, ihren gekauf­ten Baum nach Hau­se zu schaf­fen. Unser Geschäft lief gut, und der Baron muss­te noch mehr­mals Nach­schub holen. Das ging so, bis auf ein­mal der Hei­li­ge Abend gekom­men war.

Einen Baum, eine schö­ne Edel­tan­ne, hat­ten wir zurück­be­hal­ten. Außer­dem hat­ten wir genü­gend Geld ver­dient, um eine Gans und aller­lei Köst­lich­kei­ten zu kau­fen. Am Hei­li­gen Abend schmück­te mei­ne Mut­ter den Christ­baum mit Ker­zen, Lamet­ta und Ster­nen aus Stroh und Gold­pa­pier. Es war ihre Idee gewe­sen, den Herrn Baron zu uns zum Gän­se­bra­ten ein­zu­la­den. Anschlie­ßend gab es Glüh­wein, und die Erwach­se­nen erzähl­ten bis in die Nacht hin­ein vie­le Geschich­ten. So fei­er­ten wir ein Weih­nachts­fest, das mir bis heu­te in Erin­ne­rung geblie­ben ist.

Der Schrift­stel­ler und Publi­zist Dr. jur. Wolf­gang Bitt­ner lebt in Göt­tin­gen. Von ihm erschien 2019 der Roman »Die Hei­mat, der Krieg und der Gol­de­ne Westen« und im März 2021 das Buch »Deutsch­land – ver­ra­ten und ver­kauft. Hin­ter­grün­de und Analysen«.