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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Weihnachtsfrieden« 1914

Der deut­sche Kai­ser Wil­helm II. ver­kün­de­te am 1. August 1914 vom Bal­kon des Ber­li­ner Schlos­ses, das gera­de wie­der auf­ge­baut wor­den ist, den Krieg. Der nun »aus­ge­bro­che­ne« Krieg, so beton­te er, sei ein Ver­tei­di­gungs­krieg, denn er sei »das Ergeb­nis eines seit lan­gen Jah­ren täti­gen Übel­wol­lens gegen Macht und Gedei­hen des Deut­schen Rei­ches«. Alle soll­ten nun in Reih und Glied hin­ter ihm ste­hen, laut ver­kün­de­te er der auf­ge­putsch­ten Men­ge: »In dem bevor­ste­hen­den Kamp­fe ken­ne Ich in Mei­nem Vol­ke kei­ne Par­tei­en mehr. Es gibt unter uns nur noch Deut­sche.« Die ver­sam­mel­te Men­ge ant­wor­te­te ihm mit dem Lied »Nun dan­ket alle Gott« – viel­leicht wur­de aber auch die preu­ßi­sche Volks­hym­ne »Heil dir im Sie­ger­kranz« ange­stimmt. Dar­über sind sich die Quel­len genau­so wenig einig, wie über die Grün­de des los­ge­tre­te­nen Krie­ges, denn »aus­ge­bro­chen« ist er sicher nicht ein­fach von selbst.

Nahe­zu alle sozia­li­sti­schen Par­tei­en in den krieg­füh­ren­den Län­dern bekann­ten sich nun zur »Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des« und damit des bür­ger­lich-kapi­ta­li­sti­schen Staa­tes, des­sen Sturz sie bis dahin ange­strebt hat­ten. Sie stimm­ten damit ein in die Eupho­rie der Mas­sen, die – so wird es heu­te oft erklärt – den Krieg als rei­ni­gen­des Gewit­ter nach Jah­ren einer gewis­sen Über­sät­ti­gung und Deka­denz begrüß­ten. In der freu­di­gen Erwar­tung – und so hat­te es ihnen auch Kai­ser Wil­helm II ver­spro­chen –, spä­te­stens Weih­nach­ten 1914 sieg­reich wie­der zu Hau­se zu sein, zogen die Sol­da­tin ins Feld. Vie­le Frau­en schick­ten nicht nur ihre Lieb­sten in den Krieg, son­dern waren auch selbst an der »Hei­mat­front« aktiv. So unter­stütz­ten sie das Mor­den der Männer.

Die Hoff­nung auf einen schnel­len Sieg wur­de nicht erfüllt. Auch aus der Fami­li­en-Weih­nachts­fei­er wur­de nichts. Die Sol­da­ten auf der deut­schen Sei­te der über 600 km lan­gen Kampf­front, die sich von der Nord­see bis an die Alpen erstreck­te, beka­men einen Weih­nachts­gruß vom Kai­ser; soweit sie noch leb­ten. Rund 750.000 Män­ner­le­ben hat­te der Krieg bis dahin bereits geko­stet. Unge­zähl­te Ver­wun­de­te lagen in den Lazaretten.

In die Quar­tie­re, Unter­stän­de und Schüt­zen­grä­ben beka­men die Über­le­ben­den Tan­nen­bäum­chen, die bereits mit Ker­zen geschmückt waren, gestellt. Sie waren aus­ge­hun­gert, kraft­los, fro­ren, weil sie kei­ne war­me Win­ter­klei­dung hat­ten und hun­ger­ten, weil die Essens­ra­tio­nen aus­blie­ben. Sie träum­ten oder erzähl­ten sich gegen­sei­tig von der heil(ig)en Fami­lie, von Weih­nachts­glocken und dem knusp­ri­gen Gän­se­bra­ten mit dunk­ler Soße, von Rot­kohl und damp­fen­den Klö­ßen und Bir­nen­kom­pott zum Nach­tisch. Weih­nachts­stim­mung woll­te nicht auf­kom­men. Oder doch?

Zahl­rei­che aus Tage­buch­ein­tra­gun­gen, Zeit­zeu­gen­be­rich­ten und Feld­post­brie­fen zusam­men­ge­tra­ge­ne Berich­te erzäh­len vom »Weih­nachts­frie­den 1914«, einem klei­nen Frie­den im gro­ßen Krieg, Weih­nachts­fei­ern, die nie­mand ange­ord­net hat­te, initi­iert von den ein­fa­chen Sol­da­ten in den Schüt­zen­grä­ben. Wie für jeden Kriegs­my­thos gibt es auch für die­sen ver­schie­de­ne Erzäh­lun­gen, die oft wie Weih­nachts­mär­chen klin­gen. Ähn­lich sind sie sich dar­in, dass die Sol­da­ten auf bei­den Sei­ten der Front von den Kämp­fen des ersten Kriegs­halb­jah­res und vom ein­bre­chen­den Win­ter erschöpft waren. Offen­sicht­lich ermäch­tig­ten sie sich selbst und stell­ten das Kämp­fen ein. Wäh­rend der Feu­er­pau­sen san­gen sie christ­li­che Weih­nachts­lie­der, ent­zün­de­ten die gelie­fer­ten Weih­nachts­bäu­me und nah­men Kon­takt zu den gegen­über­lie­gen­den Sol­da­ten auf. An man­chen Orten stie­gen sie aus den Schüt­zen­grä­ben ins Nie­mands­land. Dort reich­ten sie ihren Fein­den die Hän­de, san­gen gemein­sam, tausch­ten Ziga­ret­ten und klei­ne Geschen­ke, man­che auch Adres­sen aus. Viel­leicht woll­ten sie sich besu­chen, wenn der schreck­li­che Krieg zu Ende war. Auch die Lei­chen der gefal­le­nen Kame­ra­den wur­den jetzt bestat­tet. In einer sport­li­chen Vari­an­te sol­len die Kriegs­geg­ner Fuß­ball gespielt haben. Das »Län­der­spiel« sol­len die deut­schen Sol­da­ten mit einem 3:1-Sieg gewon­nen haben.

Die Gene­rä­le schick­ten die Sol­da­ten mit Straf­an­dro­hun­gen nach dem kur­zen Inter­mez­zo in die Grä­ben zurück, wo die­se auch blie­ben und an allen Fron­ten wei­ter töte­ten, weil die Kriegs­be­gei­ste­rung bei den mei­sten unge­bro­chen war und sie über­zeugt waren, dass sie den Feind sieg­reich schla­gen wür­den. So befolg­ten sie die Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­bo­te, die zwi­schen Sol­da­ten der feind­lich gesinn­ten Kriegs­par­tei­en aus­ge­spro­chen wur­den. Danach wur­de das Ereig­nis erst ein­mal tot­ge­schwie­gen; auch von den Medi­en. Erst viel spä­ter kamen die Berich­te vom »Weih­nachts­frie­den«, der lei­der kei­nen Frie­den brachte.

Auf den wei­te­ren Ver­lauf des Ersten Welt­kriegs hat­te das offen­bar histo­risch ver­bürg­te Ereig­nis kei­nen Ein­fluss genom­men. Die Sol­da­ten stell­ten kei­ne For­de­run­gen nach wei­te­rer Ver­brü­de­rung oder gar nach einem Ende des sinn­lo­sen Krie­ges. Das Mor­den ging wei­ter, auch über die Weih­nachts­ta­ge von 1915, 1916, 1917 und teil­wei­se über das Fest von 1918 hin­aus. Es war der erste moder­ne Krieg, ein tota­ler Krieg. Artil­le­rie­ge­schüt­ze und Spreng­gra­na­ten waren effek­ti­ver als in den Krie­gen vor­her, so konn­ten »feind­li­che« Sol­da­ten auf gro­ße Ent­fer­nun­gen getrof­fen wer­den. Noch ver­hee­ren­der wirk­ten das erst­mals ein­ge­setz­te Gift­gas sowie Flie­ger­an­grif­fe und U-Boot-Krieg.

Die Frau­en und Müt­ter schick­ten zu Weih­nach­ten wei­ter Lie­bes­ga­ben-Pake­te an die Front, um die Sol­da­ten zum Durch­hal­ten zu ermun­tern. Sie ent­hiel­ten Ziga­ret­ten, Sei­fe und Scho­ko­la­de und hand­ge­strick­te Woll­sa­chen. Der preu­ßi­sche Schul­mi­ni­ster rich­te­te einen Erlass an die Schu­len, nach dem in den Hand­ar­beits­stun­den aus­schließ­lich Lie­bes­ga­ben für Sol­da­ten an der Front zu fer­ti­gen sind. Dazu zähl­ten ins­be­son­de­re Wollstrümp­fe, gestrick­te Leib­bin­den und gestrick­te Unter­zieh­jacken. Anfangs über­nah­men Sam­mel­stel­len des Roten Kreu­zes und die Vater­län­di­schen Frau­en­ver­ei­ne die Wei­ter­lei­tung der Gaben an die Sol­da­ten. Spä­ter pack­ten die Schu­len die Pake­te selbst und ver­schick­ten sie.

Schon ganz jun­ge Buben und Mäd­chen soll­ten in Fami­lie und Schu­le dar­über auf­ge­klärt wer­den, dass ihr Vater im Krieg war und des­halb nicht zu Hau­se sein konn­te, weil er das »Vater­land« und die Fami­lie gegen die aus­län­di­schen Aggres­so­ren ver­tei­di­gen muss­te und daher Lob ver­dien­te. Dazu dien­ten Bücher, Lie­der, Kriegs­spiel­zeug, Zinn­sol­da­ten und ande­re Spie­le. Haupt­ziel der Bücher und des Spiel­zeugs war es, den Kin­dern einen »gerech­ten Krieg« zu ver­mit­teln und sie für den Krieg zu begei­stern. Durch die ver­schie­den­sten Pro­pa­gan­da­me­tho­den soll­te den Kin­dern bei­gebracht wer­den, was von ihnen im spä­te­ren Leben erwar­tet wird: Als bra­ve, tap­fe­re Sol­da­ten in des Kai­sers Heer zu die­nen und pflicht­be­wusst für das Vater­land in den Krieg zu zie­hen oder als bra­ve die­nen­de Mäd­chen die Hel­den zu bewun­dern und Fami­lie und »Hei­mat­front« am Lau­fen zu hal­ten, ohne auch nur ein ein­zi­ges Mal das Töten zu hinterfragen.

Nach Ende des Ersten Welt­krie­ges waren zwei Mil­lio­nen Men­schen tot und 4,2 Mil­lio­nen (zum Teil stark) ver­wun­det. Rund 2,7 Mil­lio­nen Män­ner aller Alters­stu­fen über­leb­ten den Krieg mit einer phy­si­schen oder psy­chi­schen Behin­de­rung. Auch die Anzahl der Toten in der Zivil­be­völ­ke­rung war beacht­lich. In Deutsch­land leb­ten nun 2,7 Mil­lio­nen mehr Frau­en als Män­ner. Gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung lit­ten an Unter­ernäh­rung, vie­le star­ben dar­an. In (fast) allen deut­schen Städ­ten und Gemein­den erin­ner­ten bald Denk­mä­ler und Tafeln mit lan­gen Namens­rei­hen an die im Krieg zu Tode gekom­me­nen »Kame­ra­den«. »Krie­ger­wit­wen« wur­den als »trau­ern­de Frau­en« ver­ehrt. Vie­le Kin­der hat­ten den Vater nie gese­hen. Aus den Kin­dern des Ersten Welt­krie­ges wur­den nur zwei Jahr­zehn­te spä­ter die Sol­da­ten und Kriegs­müt­ter des Zwei­ten Weltkrieges.

Gise­la Notz lebt und arbei­tet in Ber­lin. Zu Weih­nach­ten erscheint jedes Jahr ihr Wand­ka­len­der Weg­be­rei­te­rin­nen, mit 12 zu Unrecht ver­ges­se­nen Frau­en aus der Geschich­te. 2022 erscheint er im 20. Jahr, www.gisela-notz.de.