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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Weißer oder schwarzer Rauch

Dass bei einem Tref­fen der Staats­obe­ren der in den Ukrai­ne-Krieg bru­tal und offen oder im Hin­ter­grund – aber nicht weni­ger wirk­sam – invol­vier­ten Län­der über des­sen Been­di­gung je »wei­ßer Rauch« auf­steigt wie nach einer erfolg­rei­chen Papst­wahl, wäre eine drin­gen­de Not­wen­dig­keit, aber ver­mut­lich nur ein from­mer Wunsch. Denn völ­lig klar ist, wenn das Tref­fen von der jahr­tau­send­al­ten Macht- und Kriegs­lo­gik beherrscht wird, blie­be der Rauch auf ewig tief­schwarz. Es wäre der Rauch tau­send­fa­cher Lei­chen, die die von den Völ­kern inthro­ni­sier­ten Reprä­sen­tan­ten erneut zu ver­ant­wor­ten haben. Die­se ober­sten Staats­die­ner müss­ten selbst­re­dend so lan­ge in dem Kon­kla­ve ver­har­ren, bis sie eine frie­dens­stif­ten­de und damit mensch­heits­er­hal­ten­de Lösung gefun­den haben. Wenn ihnen die­se nicht gelingt, blie­be ihnen als Kon­se­quenz der »Hel­den­tod«, den sie ihren Völ­kern ein ums ande­re Mal anprei­sen, wenn aus ihrer Sicht Krieg als Mit­tel der Poli­tik ansteht.

Bevor sich die Prot­ago­ni­sten der mensch­li­chen Tra­gö­die zur Ent­schei­dung durch­rin­gen, müss­ten sie ver­pflich­tet wer­den, aus dem rie­si­gen Schatz mensch­li­cher Ver­nunft, der – wenn es um die Gei­ßel der Krie­ge geht – bis­her kei­ne Rea­li­tät wur­de, zumin­dest zwei klei­ne Druckerzeug­nis­se zu lesen: Imma­nu­el Kants Alters­schrift »Zum Ewi­gen Frie­den« und Lenins knapp 50seitige Bro­schü­re »Sozia­lis­mus und Krieg«. Nach dem inten­si­ven Stu­di­um soll­ten die Damen und Her­ren selbst­kri­tisch anhand der Kri­te­ri­en und Prä­mis­sen, Kant spricht von Prä­li­mi­nar- und Defi­ni­tiv­ar­ti­keln, eine unvor­ein­ge­nom­me­ne und ehr­li­che Ana­ly­se dahin­ge­hend betrei­ben, inwie­weit sie oder ihre Vor­gän­ger im Amte seit 1990 Hand­lun­gen began­gen haben, die die­sen unmensch­li­chen Krieg als Fort­set­zung der Poli­tik mit gewalt­sa­men Mit­teln zur Fol­ge hat­ten. Vor über 200 Jah­ren schrieb Kant z. B., dass »ste­hen­de Hee­re (miles per­pe­tuus) mit der Zeit ganz auf­hö­ren soll­ten«, weil sie ande­re Staa­ten unauf­hör­lich mit KRIEG bedro­hen. Fern­ab von klas­si­scher Bil­dung schwa­felt ein CDU-Vor­sit­zen­der: »Putin weiß, dass die Nato ihn nicht gefähr­det. Die Nato greift nie­man­den an, er hat von der Nato nichts zu befürch­ten, und das weiß er.« Dass Putin Kant offen­sicht­lich bes­ser kennt als der Christ­de­mo­krat, und ihn in die­sem Punkt durch­aus ver­stan­den hat, liegt ver­mut­lich dar­an, dass Königs­berg, inzwi­schen Kali­nin­grad, in dem der Phi­lo­soph über Krieg und Frie­den nach­sann, heu­te im rus­si­schen Ein­fluss­be­reich liegt und der­ar­ti­ge Gedan­ken als anstö­ßig gel­ten könn­ten, wenn man dar­aus Anlei­hen neh­men würde.

Übri­gens konn­te auch Kant aus dem Vol­len schöp­fen. Das 18. Jahr­hun­dert Euro­pas war nicht weni­ger reich an Krie­gen, deren Zeit­ge­nos­se er war, als die nach­fol­gen­den. Stoff zu Ana­ly­se boten der 8jährige Erb­fol­ge­krieg und der Sie­ben­jäh­ri­ge Krieg. Kants Gedan­ken krei­sten vor allem um eine effek­ti­ve Ver­hin­de­rung von Krie­gen. Ob all­mäh­li­che Auf­lö­sung der Streit­kräf­te oder stän­di­ge Ver­rin­ge­rung des mili­tä­ri­schen Poten­ti­als, ob Nicht­ein­mi­schung eines Staa­tes in Ver­fas­sung und Regie­rung eines ande­ren Staa­tes (»Denn was kann ihn dazu berech­ti­gen?«, fragt Kant), ob Ver­zicht auf Staats­schul­den »in Bezie­hung auf äuße­ren Staats­hän­del« – all das, so Kant, soll­te doch wohl frie­dens­stif­tend sein. Nun soll­ten sich die­je­ni­gen Teil­neh­mer des Tref­fens, die alle­samt tief im Krie­ge stecken und ihn mit schwe­ren Waf­fen kräf­tig anhei­zen, fra­gen, wie oft sie gegen die Kant’schen Prä­li­mi­nar­ar­ti­kel ver­sto­ßen haben. Kei­ner, auch nicht einer ist für das Zustan­de­kom­men des Krie­ges frei von Schuld.

Wenn auch Putin Kant ver­stan­den hat, was die Bedro­hung für sein Land anbe­trifft, gel­ten ihm War­nun­gen und Hin­wei­se Lenins nicht viel, obwohl er Lenins Wer­ke irgend­wann ein­mal inten­si­ver stu­diert haben dürf­te als den deut­schen Phi­lo­so­phen Kant. Für Putin sind Lenin und die Bol­sche­wi­ki von Übel. Vor über 100 Jah­ren hät­ten sie die moder­ne Ukrai­ne geschaf­fen, die nach Putins Les­art selbst eine ent­schei­den­de Ursa­che für den aktu­el­len Krieg sei. Lenin und sei­ne Kom­mu­ni­sten hät­ten also wis­sen müs­sen, dass nach 70 Jah­ren die UdSSR, zu deren Mit­glied­staa­ten die Ukrai­ni­sche Sozia­li­sti­sche Sowjet­re­pu­blik bis zur deren Auf­lö­sung gehör­te, sowie ande­re ver­bün­de­te sozia­li­sti­sche Staa­ten, der War­schau­er Ver­trag usw. usf. zusam­men­bre­chen und in die­sen Staa­ten nach 30 Jah­ren Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus restau­riert sind. Wenn man das in Lenins Bro­schü­re unter der Über­schrift »Wofür kämpft Russ­land?« liest, ist man geneigt zu glau­ben, dass die Kriegs­zie­le des zari­sti­schen Russ­lands heu­te fröh­lich Urständ feiern.

Bei allen Dif­fe­ren­zen unter Lin­ken soll­te man sich dar­über einig sein, dass die­ser von Russ­land geführ­te und von den west­li­chen Staa­ten mas­siv befeu­er­te Krieg auch nicht ein Quänt­chen gesell­schaft­li­chen Fort­schritt in sich trägt. Die­ser Krieg ist – wie in der Gegen­wart nahe­zu alle Krie­ge – zutiefst reak­tio­när. Die Herr­schen­den haben zum wie­der­hol­ten Mal ver­sagt – und das nach zwei ver­hee­ren­den Welt­krie­gen und vie­len wei­te­ren im 20. Jahr­hun­dert sowie neu­en Krie­gen im 21. Jahr­hun­dert –, Welt­frie­den und inter­na­tio­na­le Sicher­heit auf­recht­zu­er­hal­ten, Bedro­hun­gen des Frie­dens vor­zu­beu­gen und zu besei­ti­gen. Wenn sich wider­strei­ten­de sozia­le Klas­sen und Schich­ten und deren poli­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­ter nicht auf das Völ­ker­recht besin­nen und wei­ter­hin mensch­heits­feind­li­che Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen durch­set­zen, droht der Unter­gang der Mensch­heit. Sol­len die mah­nen­den Wor­te Brechts wie­der unge­hört und unver­stan­den verhallen?

»Ihr, die ihr über­leb­tet in gestor­be­nen Städten
Habt doch nun end­lich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Krie­ge nicht, ihre Armen
Als ob die alten nicht gelan­get hätten.«